DIE ZEIT: Frau Deuflhard, wie viel Taschengeld haben Sie als Kind bekommen?

Amelie Deuflhard: Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie. Mein Vater war Arzt. Wir haben nicht an Geldknappheit gelitten. Trotzdem habe ich gefühlt zu wenig bekommen: 50 Pfennige die Woche mit fünf, 60 mit sechs. Mein großer Bruder und ich waren deshalb ständig am Verhandeln.

ZEIT: Klingt nach einem frühen Managementtraining.

Deuflhard: Auf jeden Fall. Wir haben schon als Kinder Geld verdient. Mit sieben habe ich auf verlassenen Obstwiesen Beeren gepflückt und sie auf der Straße verkauft. Später haben wir einen Zirkus im Nachbargarten veranstaltet. Als Artistin war ich nicht geeignet, also habe ich gezaubert und den Zirkusdirektor gespielt.

ZEIT: Was war der Programmhöhepunkt?

Deuflhard: Haustierdressur. Ich habe meine Meerschweinchen durch kleine Tore laufen lassen, mein Hund sprang durch einen Reifen. Der sollte sogar brennen, das war uns dann aber zu riskant. Eintritt haben wir trotzdem verlangt.

ZEIT: Kunst muss auch was kosten.

Deuflhard: Unbedingt. Eine Mark für Erwachsene, 50 Pfennig für Kinder.

ZEIT: Und dann war ja auch schon Berufung im Spiel ...

Deuflhard: Genau. Ich wollte partout zum Zirkus. Ich hab sogar bei einem kleinen Zirkus in Stuttgart gefragt, ob ich mitfahren kann in den Sommerferien. Da war ich acht. Meine Eltern haben es verboten.

ZEIT: Die hatten das Geld und die Macht. Typisch.

Deuflhard: Ich wollte Geld verdienen, nicht um reich zu sein, sondern um autonom zu werden. Als Teenager habe ich deshalb Nachhilfe gegeben und Kinder gehütet. Ich hatte schon früh mein eigenes Budget, weil ich nicht immer fragen wollte.

ZEIT: Wann haben Sie Ihre erste Theaterkarte gekauft?

Deuflhard: Mit 12 oder 13. Damals bin ich das erste Mal nach Stuttgart ins Schauspielhaus gepilgert. Das war in den Siebzigern. Ich fuhr hin, weil meine Eltern empört ihr Abo gekündigt hatten, als Claus Peymann dort anfing. Wenn die so abgestoßen sind, muss es ja interessant sein, dachte ich. Peymann galt damals als Skandalregisseur, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Elfriede Jelinek war damals als radikal verschrien. Später bekam sie den Literaturnobelpreis.

ZEIT: Sind Sie schon mal über den Tisch gezogen worden?

Deuflhard: Mein älterer Bruder hat mir als Teenager sein Mofa verkauft. Aber er benutzte es einfach weiter und fuhr es zu Schrott. Das Gleiche hat er später mit seinem roten Käfer gemacht. Noch ein Schrotthaufen.

ZEIT: Eine Fehlinvestition an Vertrauen.

Deuflhard: Ich verbuche das unter lebensbedingtem Risiko.

ZEIT: Sie sind Mutter von vier Kindern. Was lernt man da über Geld?

Deuflhard: Dass man es teilen kann. Das ist nicht die schlechteste Lehre. Und dass man immer weniger zur Verfügung hat, als man einnimmt.

ZEIT: Sie haben mal erzählt, dass Ihre Kinder sich wundern, dass Sie so viel arbeiten und trotzdem relativ wenig verdienen.

Deuflhard: Mein Ältester hat auch gleich die Konsequenz daraus gezogen und Volkswirtschaft studiert. Er promoviert gerade in Frankfurt an der School of Finance.

ZEIT: Diskutieren Sie mit ihm über Geld?

Deuflhard: Definitiv. Ich rufe ihn an, wenn ich ökonomische Vorgänge nicht verstehe oder eine qualifizierte Meinung brauche, zum Beispiel was die Schuldenkrise in Griechenland betrifft.

ZEIT: Beim Kampnagel-Haushalt hilft er auch?

Deuflhard: Nein, in meinen eigenen Geschäften kenne ich mich besser aus. Er ist ja kein Betriebswirt. Obwohl er nach dem Abi BWL studieren wollte.

ZEIT: Wie fanden Sie das?

Deuflhard: Unterkomplex. Die Weltwirtschaft und globale Zusammenhänge sind doch viel interessanter als irgendwelche Rechnungsgeschichten!

ZEIT: Mit denen schlagen Sie sich jetzt auf Kampnagel herum.

Deuflhard: Ich bestimme die Budgethöhe und verhandle mit den Künstlern. Abrechnungen oder Controlling mache ich nicht. Das regelt unser kaufmännischer Leiter. An der Spitze fast aller Hamburger Kulturinstitutionen gibt es diese berüchtigten Doppelspitzen.

ZEIT: Warum?

Deuflhard: (lacht) Weil man Angst hat, dass die Kreativen mit den öffentlichen Geldern durchbrennen. Deshalb kriegen wir einen Betriebswirt dazugesetzt. Der passt dann auf uns auf.