DIE ZEIT: Herr Said, hat Sie das schockierende Video des "Islamischen Staates", das zeigt, wie der Wiener Mohamed Mahmoud eine Geisel erschießt, überrascht?

Behnam T. Said: Nein, dass wieder einmal ein Video von Mahmoud auftauchen würde, lag auf der Hand. Bislang trat er allerdings als Propagandist auf, durchaus auch mit Videos aus Syrien. Dass er nun vor laufender Kamera, vermutlich, einen Mord begangen hat, das ist eine Steigerung. Er ist ja sehr geltungsbedürftig und versucht nun, mit aller Brutalität in die Öffentlichkeit zurückzugelangen.

ZEIT: Er gilt als Gelehrter ...

Said: Nur bei seinen sehr wenigen Anhängern. Schon in anderen Dschihadistenkreisen, die nicht pro IS sind, gilt Mahmoud nicht als Scheich, wie er von seinen Jüngern angesprochen wird, geschweige denn, dass er Ansehen oder auch nur Bekanntheit im sunnitischen Mainstream genießen würde. Die Bezeichnung "Shaikh" oder "Gelehrter" lässt ihm eine Ehre zukommen, die ihm nicht gebührt.

ZEIT: Was macht ihn für den IS attraktiv?

Said: Zum einen seine Medienerfahrung. Denn er spricht sowohl Arabisch als auch Deutsch und fühlt sich in beiden Sprachen heimisch. Der IS ist auf mehrsprachige Personen angewiesen, die im besten Fall, wie Mahmoud, auch Medienkenntnisse mitbringen. Er ist sicher keiner von den Zugereisten, die als Kanonenfutter dienen, sondern ihm wurde eine Aufgabe übertragen. Nämlich: deutschsprachige Sympathisanten zu rekrutieren und Drohbotschaften an ein deutschsprachiges Publikum zu senden.

ZEIT: Welche Rolle spielt er innerhalb des IS?

Said: Er nimmt keine bedeutende Position ein und ist nicht im inneren Führungszirkel, wie es manchmal in der Berichterstattung heißt. Er unterhält allerdings schon Kontakte zu höherrangigen IS-Mitgliedern. Insbesondere spielt Turki al-Binali eine Rolle, ein ehemals unbekannter sogenannter dschihadistischer Gelehrter, der dem IS seinen Aufstieg zu verdanken hat. Er fungiert dort als eine Art Hofgelehrter und fertigt theologische Gutachten an. Zwischen Mahmoud und ihm besteht eine enge Verbindung. Dies hat sich früh daran gezeigt, dass Mahmoud auf seiner Internetseite eine "Erlaubnis" gepostet hatte, die belegen soll, dass er ein Schüler von al-Binali war.

ZEIT: Im Jahr 2008 wurde Mohamed Mahmoud in Österreich wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren Haft verurteilt – ein hartes Urteil, das nicht unumstritten war. Wären Deradikalisierungsbemühungen außerhalb von Gefängnissen zielführender?

Said: Die Länge der Haftstrafen ist nicht entscheidend. Es muss natürlich auch mit radikalisierungsanfälligen oder radikalisierten Personen in Gefängnissen gearbeitet werden. Dabei kann es unter Umständen sogar hilfreich sein, wenn eine längere Haftstrafe ausgesprochen wurde. Aber Radikalisierung geschieht immer individuell, es gibt kein Raster, man muss sich den Einzelfall anschauen. Es ist auch wichtig zu verstehen, dass es Personen gibt, die sich nicht deradikalisieren lassen. Die sind so gefestigt in ihrer Ideologie und ihrer Identität, dass man ihnen diese weder mit kurzen noch mit langen Haftstrafen austreiben kann. Bei anderen mögen die Angebote aber verfangen, wenn Ideologie nicht die ursächliche Motivation war, sich der Bewegung anzuschließen. Wenn sie also ideologisch noch gar nicht so überzeugt sind, wie Mahmoud es damals ja schon war. Als er verurteilt wurde, hatte er, für einen erst 22-Jährigen, eine beachtliche Verstrickung in die Szene vorzuweisen. Er war keine Randfigur, sondern ein maßgeblicher Aktivist. Was dann in der Haft mit ihm geschehen ist, ob er sich weiter radikalisiert hat oder nicht, das kann ich von außen nicht beurteilen.

ZEIT: Er sagte später, er sei für den Islam ins Gefängnis gegangen.

Said: Er versucht sich natürlich als Märtyrer zu stilisieren. Allerdings gibt es nun mal für strafbewehrte Handlungen bestimmte Strafmaße. Wie diese auszuschöpfen sind, obliegt dem Richter. Ich glaube aber, Mahmoud hätte auch ohne die Haftstrafe sein Projekt, eine schlagfertige Organisation aufzubauen und Dschihadisten in Deutschland und Österreich zu versammeln, weiterbetrieben.

ZEIT: Warum entschied er sich nach seiner Freilassung, nach Deutschland zu gehen?

Said: Er hat beobachtet, dass hier interessante Entwicklungen stattgefunden haben. Er hat gesehen, dass eine Szene am Wachsen war, aber noch ein kompromissloser, charismatischer Führer fehlte. Einer, der bislang nicht in die Strukturen der deutschen Szene eingebunden war und völlig frei agieren konnte. Er sprach aus, was viele andere Dschihadisten zwar dachten, sich aber nicht in dieser Deutlichkeit zu sagen trauten. Dazu kommt, dass er wohl glaubte, in Deutschland stünde er nicht so sehr im Fokus wie in Österreich, wo er eine relativ hohe Bekanntheit hatte. Die Rechnung ging nur bedingt auf. Er hat es zwar geschafft, hier seine Organisation, Millatu Ibrahim, Ende 2011 aufzubauen. Aber schon im April 2012 musste er Deutschland wegen Ermittlungen gegen ihn und sein Netzwerk fluchtartig verlassen.