Einer der Männer schreit: "Granate!" Die meisten schaffen es, sich rechtzeitig vor der Explosion in den Schützengraben zu werfen, die übrigen plumpsen auf den Waldboden. Kommandeur Schum lacht. "Ihr sollt nicht einschlafen", ruft er. Seine Männer stehen auf, klopfen sich den Schmutz von den Tarnfleckuniformen, richten ihre Sturmgewehre.

Die Waldlichtung befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Erholungsheimes für Kinder in der Ostukraine, an der Grenze zur Region Donezk. Hier bildet der paramilitärische "Rechte Sektor" seine Freiwilligen aus. Das Lager liegt etwa 100 Kilometer entfernt vom Kampfgebiet. Alle hier wollen so schnell wie möglich an die Front, um gegen die prorussischen Separatisten zu kämpfen. Und für wen? Für die Ukraine. Aber nicht für die politische Führung ihres Landes. "Die Mächtigen in Kiew sind korrupt und schwach", sagt Lito, ein 22 Jahre alter Profi-Kickboxer, während er mit seinem Scharfschützengewehr ein Ziel anvisiert.

Sein Ausbilder Schum, 24 Jahre alt, war schon acht Monate an der Front, davor war er Kellner. Bei der Ausbildung der Neuen hilft ihm Takson, 27, der sich so nennt, weil er Taxi fährt, wenn er nicht kämpft.

Der Rechte Sektor kämpft im Osten des Landes gegen die Separatisten, aber im Inneren gegen den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Auf einer Protestkundgebung in Kiew verkündete sein Anführer Dmytro Jarosch am 21. Juli, der Rechte Sektor wolle Präsident und Regierung mit einem Referendum aus dem Amt jagen. Sie seien Verräter und innere Besatzer. "Die Revolution ist nicht vollendet", rief Jarosch aus.

Was sind das für Männer, die so reden? Nur ein Haufen rechtsradikaler Spinner oder eine echte Gefahr für die Führung in Kiew?

Ihre Geschichte begann Ende November 2013 auf dem Maidan, dem zentralen Ort der ukrainischen Revolution. Nationalisten und Rechtsradikale wollten sich von anderen abgrenzen, die da protestierten, und entschieden sich für den Namen Rechter Sektor. "Rechts steht für unsere Ideologie, und das Wort Sektor kommt aus dem Fußballstadion, aus der Szene der Ultras und Hooligans", sagt Artjom Skoropadski, der Sprecher des Rechten Sektors. Kurzfristiges Ziel war der Sturz des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch – darin waren die Gründer des Rechten Sektors sich einig mit dem prowestlichen Flügel der Euromaidan-Bewegung, die dem Präsidenten vorwarf, sich russischem Druck zu beugen.

Wie seine damaligen Verbündeten strebt auch der Rechte Sektor eine starke, unabhängige Ukraine an. Und er hat sich zum Ziel gesetzt, dass alle Folgen und Überbleibsel der Sowjetzeit aus Staat und Gesellschaft zu verschwinden hätten, und meint damit auch die oligarchischen Strukturen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bildeten.

Im Camp sprechen die Männer von ihrem Hauptfeind Russland auf Russisch. Zwar ist Ukrainisch die Befehlssprache des Rechten Sektors, aber viele der etwa 250 Männer im Lager kommen aus dem Osten und Süden der Ukraine und sprechen daher russisch miteinander. Sie halten, wie der gesamte Rechte Sektor, die christliche Orthodoxie in Ehren. Jeden Morgen beim Appell wird gebetet. Danach ertönt der Schlachtruf: "Ruhm der Ukraine. Den Helden Ruhm. Tod den Feinden."

Ihre Feinde, das sind nicht nur die prorussischen Separatisten, Russland und die Regierung in Kiew, sondern auch alle Linken, Kommunisten, Sozialisten und Liberalen. Die Ukraine soll eben nicht von Russland, sondern auch vom Westen unabhängig sein. Westliche Werte lehnt der Rechte Sektor ab und liegt da paradoxerweise auf einer Linie mit russischen Nationalisten. Im Juni 2015 griffen Mitglieder des Rechten Sektors in Kiew einen Marsch für die Gleichstellung Homosexueller in Kiew an. Das kennt man auch aus Moskau.

Sind es Nazis? Sie bestreiten es. Und spielen Wagner und Rammstein vor

Wer während der Monate auf dem Maidan mit Mitgliedern des Rechten Sektors sprach, der traf Nationalisten und Neonazis, aber auch Männer und Frauen ohne ausgeprägte Ideologie. Sie alle verband die Entschlossenheit, sich den Sicherheitskräften in den Weg zu stellen, gegebenenfalls mit Gewalt. Das meinen die Männer im Ausbildungscamp, wenn sie sagen, dass es der Radikalität und dem Mut des Rechten Sektors zu verdanken sei, dass der Maidan gewann und es 2014 zu Neuwahlen kam. Schum, der Ausbilder, ist wütend auf die Mächtigen in Kiew. "Besser wäre es, wenn sie von allein gingen", sagt er über krachende Schüsse hinweg. Warum? Die politische Führung sei Russland gegenüber zu nachgiebig und dem Westen hörig, antwortet er. Nicht nur die russische Aggression gefährde die Ukraine, sondern auch die Reformpolitik, die Kiew sich vom Westen diktieren lasse. Petro Poroschenko und Premier Arseni Jazenjuk seien Vertreter des alten Systems, denn sie seien zu Reichtum gekommen, indem sie das Volk genauso bestohlen hätten wie ihre Vorgänger.

Wie viele Mitglieder der Rechte Sektor insgesamt hat, ist unklar. Die Bewegung spricht von bis zu 10.000 Mann. Einige ukrainische Journalisten und Experten halten das für übertrieben, aber mehrere Tausende sind es auf jeden Fall.

Das russische Staatsfernsehen berichtet häufig über den Rechten Sektor und stellt ihn als eine neofaschistische Miliz dar. "Die russischen Staatsmedien haben sich auf den Rechten Sektor gestürzt, um den gesamten Maidan zu diskreditieren", sagt Anton Schechowzow. Der Ukrainer ist Experte für rechtsradikale Gruppierungen und arbeitet unter anderem für das westlich orientierte Institute for Euro-Atlantic Cooperation. Ihm zufolge unterscheide sich der Rechte Sektor jedoch ideologisch von Neonazigruppen: "Wenn jemand den Kampf für das ukrainische Volk und gegen die Aggressoren unterstützt, dann spielt für den Rechten Sektor keine Rolle, welche ethnische Herkunft jemand hat."

So weit die Theorie. Doch im Trainingscamp hat jemand Hakenkreuze in den Staub eines Lasters gewischt. Bloß ein Witz, ein Spiel mit ihrem Buhmann-Image, behaupten die Männer – und spielen der Journalistin aus Deutschland Musik von Richard Wagner und Rammstein vor. "Sie können sich ja vorstellen, warum wir das mögen", lautet die Erklärung. Ein anderer lobt die Überlegenheit der weißen Rasse. Lito, der Kickboxer, hat eine Tätowierung auf dem Unterarm. "Warte nicht auf den ersten Schlag", steht da, auf Deutsch. "Das ist meine Sache, ich bin kein politischer Mensch", sagt er mit hartem Blick.