"Zeig mir einen Helden, und ich schreibe dir eine Tragödie." Dass David Simon die erste Hälfte dieses Fitzgerald-Zitats zum Titel seiner neuen HBO-Miniserie Show Me a Hero auserkoren hat, das ist mehr als Ironie – es ist Ketzerei. Simon hat mit seiner epischen Serie The Wire einst das Fernsehen revolutioniert, weil es ihm gelang, mit soziologischer Genauigkeit eine Stadt, ihre Strukturen und Systeme zu erzählen – und eben keine bürgerlichen Heldengeschichten. Das verbietet ihm schon sein meist marxistischer Standpunkt. Der Protagonist, um den sich Show Me a Hero dreht, ist deswegen auch eine sehr seltsame Heldenfigur: eine Schwundstufe, die postdemokratische Gespensterversion.


Berichtet wird die wahre Geschichte von Nick Wasicsko (Oscar Isaac), Ende der achtziger Jahre Bürgermeister des New Yorker Vororts Yonkers, und mit 28 Jahren der jüngste in ganz Amerika. Die Stadt wird während seiner Amtszeit Mittelpunkt eines absurden politischen Theaters. Yonkers hat jahrelang die meist von Schwarzen bewohnten Sozialbausiedlungen dort gebaut, wo sich die weiße Mittelschichtsbevölkerung von ihnen nicht bedroht fühlt. Die längst verbotene Rassentrennung ist in der Stadt de facto Realität. Nachdem schwarze Bürgerrechtsverbände gegen diese Praxis geklagt haben, urteilt ein Bundesrichter, dass Yonkers neue Sozialbauprojekte in seinen weißen Stadtteilen errichten muss. Sofort gehen die – wie man sie wohl heute nennen würde – besorgten weißen Bürger dagegen auf die Straße, gründen Initiativen, marschieren vor dem Rathaus auf, kochend vor Wut auf die da oben, die sich anmaßen, ihnen Schwarze vor die Haustür zu setzen. Einige Stadtabgeordnete weigern sich, die richterliche Anordnung umzusetzen – teils aufgrund eigener Ressentiments, teils weil sie vor dem wütenden Mittelschichtsmob einknicken. Dass Gericht hat für diesen Fall nicht nur Beugehaft für die Abweichler vorgesehen, sondern auch Strafzahlungen der Kommune. Yonkers geht bankrott.

Simon hat sich hier wieder einen Stoff gesucht, wie nur er ihn bearbeiten kann: eine ziemlich US-spezifische juristisch-politische Zwickmühle als Ausgangspunkt für Dramatik. Der Witz dieser Heldenerzählung ist, dass Bürgermeister Wasicsko eigentlich nichts tun kann, er ist das Gegenteil einer politischen Erlöserfigur. Er kann bloß versuchen, eine Anordnung umzusetzen, die früher oder später sowieso in Kraft treten muss, und – niemand spielt das so grandios wie Isaac – mit einem glühenden, ruhigen Selbstbewusstsein alles aushalten: wie die anderen Abgeordneten sich als Helden feiern lassen, weil sie sich den arroganten Feds widersetzen; wie die Wutbürger ihn bei jeder Versammlung niederbrüllen und das Geräusch seines Bürgermeister-Hammers, mit dem er zur Ordnung ruft, im Lärm untergeht. Paul Haggis hat für Simon Regie geführt und diese Helden-Demontage in unsentimentale Bilder übersetzt, kühl und ruhig gleitet die Kamera über die Sozialbauten von Yonkers. Nur selten erlaubt sich Haggis Sperenzchen. Einmal bewegt sich die Kamera langsam in einem vertikalen Halbkreis hinter den Stadtabgeordneten entlang, und die Reihe der Politiker und der wütende Mob ihnen gegenüber gehen auf wie die Sonne. Eine Szene, so ketzerisch wie der Titel – als würden hier zwei Heere zur Schlacht antreten, obwohl es für keinen etwas zu gewinnen gibt. Ein anderes Mal steigt Wasicsko mit seiner Freundin nach einer der hitzigen Versammlungen in sein Auto, und ein entmenschlichter Mob, der direkt aus einem Zombiefilm zu stammen scheint, wirft sich gegen die Windschutzscheibe, hämmert ihm das Dach ein.

Die sechs Folgen von Show Me a Hero, von Sonntag an in Deutschland bei Sky zu sehen, sind das Serien-Pflichtprogramm des Sommers. Nicht nur, weil Simon hier noch mal zeigt, warum wir ihn als Erzähler brauchen. Sondern auch, weil diese Geschichte zum Zeitgeschehen hier bei uns passt wie eine Schlagring-Faust aufs Auge. Neulich war in der Zeitung zu lesen: "Der Bürgermeister eines kleinen Orts in Niederbayern meldet sich krank. Täglich werden ihm neue Flüchtlinge zugewiesen, und er kann einfach nicht mehr. Ihm setzt der Stress zu, gegen viele Widerstände im Ort Notquartiere finden zu müssen." Unglücklich das Land, das postdemokratische Helden nötig hat.