"Um etwas zu behalten, muss man zunächst sehr viel vergessen haben." Sagt Douwe Draaisma, Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen in den Niederlanden. Man könnte ihn als Vergessensforscher bezeichnen. Ihn interessiert nicht das, was all die Gedächtnisforscher untersuchen. Er sucht nach den Lücken in den Erinnerungen. Und er hat einen merkwürdigen Widerspruch ausgemacht: "Vergessen ist absolut essenziell, gerade für das Gedächtnis. Aber es wird einfach nicht geschätzt."

Das Vergessen hat einen schlechten Ruf. Während das Gedächtnis schon immer mit den jeweils aktuellen Technologien verglichen wurde – Platon stellte es sich als eine Wachstafel vor, dann folgten Papyrus und Pergament, später Fotos und Film und schließlich die Computerfestplatte –, existiert für das Vergessen keine schöne Metapher. Bloß für das schlechte Gedächtnis gibt es eine Analogie: das Sieb. Hier Kulturtechnik, dort löchriges Küchenwerkzeug – deutlicher könnte der Unterschied nicht sein.

Vergessen, das erscheint weder hilfreich noch fortschrittlich. Im Gegenteil, es macht Angst: Angst vor dem Verlust der eigenen Identität. Erschreckend eindringlich zeigt das der Extremfall des Gedächtnisverlusts, die Alzheimerkrankheit. Und doch ist das Vergessen nicht nur eine Bedrohung für unsere Existenz – es ist eine ihrer wichtigsten Bedingungen. Denn ohne das Löschen wären wir unfähig, etwas zu speichern. Mehr noch: Wir wären unfähig zu handeln, zu lernen, ja vielleicht sogar unfähig zu lieben.

Das gilt womöglich für ganze Gesellschaften. Während Neurowissenschaftler und Psychologen den Nutzen des individuellen Vergessens entdecken, diskutieren Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler heftig über den kollektiven Umgang mit der Vergangenheit: Vergessen – darf man das? Ist es möglicherweise sogar gut? Der Soziologe Harald Welzer hat sich sein ganzes Forscherleben lang mit sozialem Gedächtnis und Erinnerungskultur beschäftigt. Er meint: "Die weitverbreitete Vorstellung, dass Erinnern grundsätzlich gut ist und Vergessen böse, ist totaler Quatsch."

Der Soziologe Niklas Luhmann schrieb in seinem Monumentalwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft: "Die Hauptfunktion des Gedächtnisses liegt also im Vergessen , im Verhindern der Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen." Das Vergessen räume Kapazitäten für Aufmerksamkeit und Kommunikation frei. Sozialverhalten ist demnach nur durch das Vergessen möglich.

Ausgerechnet ein Historiker befeuerte die Debatte mit einer Erinnerung an die Heilkraft des Vergessens. Christian Meier ist einer der bekanntesten Geschichtswissenschaftler Deutschlands. Seine These: Das Schlimme wiederhole sich manchmal gerade deshalb, weil die Menschen sich daran erinnerten. Erinnerung erzeuge häufig den Drang zur Rache und zur Erwiderung der Rache. In seinem Essay Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns schildert Meier, wie die Menschen seit der Antike nach Kriegen auf Amnestie setzten, um neue Kriege zu vermeiden. Die Verbrechen der Nationalsozialisten hätten dieses "Gebot zu vergessen" außer Kraft gesetzt, die Erinnerung an Auschwitz sei "unabweisbar". Und doch stelle sich die Frage, ob Erinnern in jedem Fall besser sei als Vergessen: "Was alles (...) wäre Millionen Menschen, ja Europa und der Welt erspart geblieben, wenn die Serben die Schlacht auf dem Amselfeld und die Türkenherrschaft vergessen (oder jedenfalls nicht so verdammt lebendig erinnert) hätten."

"Die Hauptfunktion des Gedächtnisses liegt also im Vergessen, im Verhindern der Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen."
Niklas Luhmann, Soziologe

Das Gegenteil geschichtsdurchtränkter Gegenwart findet sich am Amazonas, bei den Pirahã. Dieses Volk hat keine Erinnerung an Ereignisse, die mehr als zwei Generationen zurückliegen. Ja, es hat nicht einmal Wörter dafür. Die Verben seiner Sprache kennen keine Vergangenheitsformen, es existiert kein Wort für "Großeltern", schon gar keins für "Urgroßeltern". Das oberste Prinzip der Pirahã-Kultur sei die unmittelbare Erfahrung, sagt der amerikanische Sprachwissenschaftler Daniel Everett. Er kennt das Volk gut, vor mehr als 35 Jahren reiste er zum ersten Mal in den brasilianischen Dschungel, als Missionar. Doch die Pirahã hatten keinerlei Verwendung für seine zweitausend Jahre alte Botschaft. Sie seien so heiter und zufrieden wie kaum jemand sonst, erzählt Everett, sie grübelten nicht über die Vergangenheit und sehnten sich nicht nach Erlösung. Das machte dem Missionar seine Aufgabe unmöglich. Heute ist er Atheist.