Wer die Arktis retten will, kann, wie Aktivisten kürzlich in Portland, an einem Kletterseil von einer Brücke baumeln, um den Eisbrecher eines Ölkonzerns am Auslaufen zu hindern. Er kann, wie 29 Umweltschützer im September 2013, auf einem Greenpeace-Schiff durch den Arktischen Ozean kreuzen und riskieren, dass sich russische Grenzsoldaten von einem Hubschrauber an Bord abseilen. Oder er kann in einer dreieckigen Sauna an einem Strand in Norwegen hocken, ein kühles Dosenbier schlürfen und auf die Mittsommersonne blicken. So wie Erlend Mogård-Larsen.

Der 45-jährige Norweger hat ein Handtuch umgeschlagen, vor uns donnern vier Holzöfen, durch die Glasfront dahinter blicken wir auf den glühenden Horizont. Unter, neben und über uns sitzen noch zwei Dutzend Halbnackte auf der Schwitztribüne, fast alle halten wie wir eiskalte Büchsen in der Hand, Isbjørn steht auf den blauen Dosen, Eisbär. Aus den Boxen brummt eine Soundinstallation: verfremdete Naturklänge, aufgenommen in der arktischen Wildnis. "Das hier", sagt Mogård-Larsen, "kann das wichtigste Festival des Nordens werden." Dann zischt es. Der nächste Aufguss.

Das hier ist Salt: ein Kunstfestival, das in den kommenden Jahren von Norwegen aus wie ein Zirkus durch den hohen Norden ziehen soll. Anders als die ewig mahnenden Umweltschützer will Salt die Menschen auf sanfte Weise auf die zerbrechliche Schönheit der Arktis aufmerksam machen: mit Kunst und Architektur, Musik und gutem Essen. Und mit dieser haushohen Panorama-Sauna, von der ich gelesen habe, sie sei die größte der Welt.

Schweißtreibendes Glück © Martin Losvik, courtesy SALT

Mogård-Larsen ist fast zwei Meter lang, hat eine bullige Brust und riesige Hände. Mit seinem runden Gesicht und dem schelmischen Lächeln wirkt er wie ein großer Junge, der nicht erwachsen werden will. Vor Salt hat er sich als Konzert- und Festivalveranstalter in Norwegen einen Namen gemacht. Fast zwei Jahre lang haben er und die Kuratorin Helga-Marie Nordby nach einem Ausgangspunkt für Salt gesucht. "Als wir diesen Strand entdeckten, wussten wir sofort: Das ist er!"

Langsanden, der zwei Kilometer lange Strand, der sich vor der Saunascheibe ausbreitet, gehört zur kaum besiedelten Insel Sandhornøy, zwei Breitengrade über dem Polarkreis. Es ist ein guter Ort, um Besucher für die Arktis zu gewinnen. Gleich nach meiner Ankunft zwei Tage vor unserem Saunagang spazierte ich barfuß durch den kühlen Pulversand – und wünschte schon nach wenigen Schritten all die Ölbohrer und Goldgräber und Fischfänger, die das weiße Paradies ausbeuten wollen, zur Hölle.

Langsanden liegt im Schutze einer Felswand, die aus einem bewaldeten Hang fast senkrecht in den Himmel wächst. Das Meer, aus der Ferne türkis, ist glasklar und glatt wie Seide. Zwischen den blank gespülten Felsen am Ende des Strandes häufen sich golden schillernde Gesteinsplättchen, die, wenn man sie zwischen den Händen reibt, auf der Haut glitzern wie Kinderschminke – eine Welt, die wirkt, als hätte sie nie ein Mensch berührt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Während ich auf den Felsen hockte und in die Urzeit blickte, legte eine Fähre nach der anderen an einem mobilen Steg an. Über 2000 Menschen strömten zu diesem ersten der vier Eröffnungstage. Auf einer Bühne am Strand spielte die norwegische Poprockband Violet Road. Zwischen den Stücken sprach sie Norwegisch. Das einzige Wort, das ich verstand, war: Woodstock. Ich blickte mich um und entdeckte eine schlammige Stelle im Sand. Die Zuhörer, viele schon älter, lehnten mit großem Sicherheitsabstand in ihren Klappstühlen, nippten am Eisbärenbier und wippten mit den Füßen. Ziemlich brav für Woodstock, dachte ich.

Ein ziemlich braves Woodstock © Daniel Larsen

Es sollte der einzige Abend bleiben, an dem wirklich etwas los war bei Salt. An den folgenden Tagen sind es vielleicht noch fünfzig Leute, die sich auf dem Gelände verlieren: Mitarbeiter, Freunde der Veranstalter und ein paar Neugierige aus der Gegend. Das Restaurant aus Wellplastik, in dem am Konzerttag getrockneter Wal serviert wurde, hat geschlossen. In einer Fischerhütte, in der es nach Waffeln und Kaffee duftet, bleiben die meisten Plätze auf den Rentierfellen am Holzofen frei. Ab und zu öffnet sich die Tür einer schwarz lackierten Holzbox, in der ein Experimentalfilm läuft, und ein paar ältere Einheimische treten heraus, kopfschüttelnd, weil sie nichts anfangen können mit Nackten, die zu einem düsteren Soundtrack seltsame Bewegungen machen. Im Mittelpunkt des Nichtgeschehens stehen drei kolossale Holzkonstruktionen, die wie übergroße Dachstühle im Sand stecken.