DIE ZEIT: Herr Blumstengel, verreisen Sie gerne?

Claus Blumstengel: Sehr gerne. Ich war schon auf den Kanaren, in Namibia, Südafrika, auf Kuba, in Bulgarien und den Niederlanden. Einmal habe ich auch eine Sprachreise nach London unternommen.

ZEIT: Sie sind Asperger-Autist. Reiselust zählt nicht zu den Eigenschaften, die man Autisten gemeinhin nachsagt.

Blumstengel: Stimmt, wir gelten nicht als unternehmungsfreudig. Für manche von uns ist schon der Gang zum Supermarkt eine Herausforderung. Es ist allerdings ein Vorurteil, dass wir nichts erleben wollen. Unsere sozialen Probleme halten uns vielmehr davon ab. Viele Asperger leben alleine und haben keine Freunde. Sie mögen Routine. Da fährt man nicht einfach mal so weg. Deshalb organisiere ich mit "Aspies unterwegs" Reisen und Ausflüge für Menschen im Autismus-Spektrum. Wenn Asperger unter sich sind, können sie sich besser entspannen und Kontakte knüpfen. Ich selbst bin lange allein in den Urlaub gefahren. Zweimal habe ich es mit einer Reisegruppe versucht. Das verlief katastrophal.

ZEIT: Was ist da passiert?

Blumstengel: Ich bin ziemlich angeeckt. Wir Asperger können Mimik und Gestik weder verstehen noch selbst anwenden. Menschen ohne Autismus – wir nennen sie neuronal typische Menschen – kommunizieren aber zu etwa 50 Prozent nonverbal. Das führt zwangsläufig zu Missverständnissen, wenn man in einer Gruppe unterwegs ist.

ZEIT: Welcher Art?

Blumstengel: Was neuronal typische Menschen intuitiv erfassen, muss ich ständig analysieren. Mein Gegenüber lächelt: Ist er gut gelaunt? Freundlich? Oder macht er sich womöglich über mich lustig? Er lächelt nicht: Ist er abweisend? Habe ich was Falsches gesagt? Das schlaucht natürlich nach einer Weile. Dann muss ich mich zurückziehen und neue Kraft tanken. Das wird häufig falsch verstanden. Es heißt dann: Will der nichts mit uns zu tun haben? Viele Autisten sind außerdem geräuschempfindlich.

ZEIT: Eine Disco am Ballermann wäre als Abendunterhaltung also nicht gut geeignet.

Blumstengel: Gar nicht. Mir fällt es schon schwer, einem Gespräch zu folgen, wenn um mich herum Stimmengewirr herrscht. Außerdem kann ich mir keine Gesichter merken. Die meisten Menschen sind konsterniert, wenn man sich abends nett mit ihnen unterhalten hat und sie beim Frühstück im Hotel nicht grüßt. Wir Asperger können auch ganz schön nerven, wenn wir mal einen Gesprächspartner gefunden haben. Small Talk ist uns ein Rätsel. Wir wissen gar nicht, wie das geht.

ZEIT: Worüber reden Sie mit nahezu Fremden, wenn das Wetter oder das Mittagessen als Themen nicht infrage kommen?

Blumstengel: Am liebsten über unsere Spezialinteressen. Fast jeder Asperger hat Themen, mit denen er sich ganz intensiv beschäftigt. Bei dem einen ist es die Geschichte des Berliner Nahverkehrs, bei mir sind es Aktienkurse.

ZEIT: Für Aktienkurse interessieren sich doch viele Menschen.

Blumstengel: Stimmt. Aber nicht, wenn man sie eine halbe Stunde lang damit zutextet. Wir sind auch gerne mal sehr direkt. Eine ganz freundliche Frau aus der Selbsthilfegruppe kann es zum Beispiel nicht leiden, wenn jemand neben ihr sitzt. Sie sagt dann: "Wenn du dich nicht wegsetzt, gehe ich." Wenn wir unter uns sind, akzeptieren wir so ein Verhalten, weil wir wissen, wie sich die anderen fühlen. Asperger-Autismus gilt als Behinderung. Ich habe einen Schwerbehindertenausweis, seit ich vor einem Jahr meine Diagnose bekommen habe.

ZEIT: Sie wissen erst seit einem Jahr, dass Sie Autist sind?

Blumstengel: Ja. Ich bin jetzt 58, gerne hätte ich schon 20 oder 30 Jahre früher gewusst, was mit mir los ist. Asperger ist zwar nicht heilbar, aber viele Verhaltensweisen kann man sich antrainieren. Für mich war die Diagnose eine Riesenerleichterung.

ZEIT: Sie waren erleichtert, als Sie von Ihrer Behinderung erfahren haben?

Blumstengel: Sehr. Gespürt habe ich schon immer, dass ich anders bin. Ich hatte aber keinen Namen dafür. Auf dem Schulhof stand ich immer alleine herum. "Der ist so komisch", hieß es. Ich bin dann irgendwie klargekommen, habe Abitur gemacht, war bei der Armee und habe studiert. Seit 24 Jahren arbeite ich als Lokalredakteur bei der Mitteldeutschen Zeitung . Mein Lebenslauf ist aber nicht die Regel. Viele Asperger-Autisten leben von Hartz IV. Noch so ein Punkt, weswegen Reisen für sie schwierig ist: Es ist teuer.

ZEIT: Wie gehen Sie als Reiseveranstalter darauf ein?

Blumstengel: Ich fange klein an, mit Tagesausflügen, wobei für die Teilnehmer nur die Kosten für Fahrt, Eintritt und eventuell den Reiseleiter anfallen. Das Angebot ist ja nicht kommerziell. Die erste Tour führte zur Bundesgartenschau nach Havelberg und Stölln. Wir waren zu acht. Als Nächstes haben wir die ewige Großbaustelle des Flughafens Berlin-Brandenburg besichtigt. Asperger sind sehr an Informationen interessiert, deshalb ist eine Führung Pflichtprogramm. Einfach herumlaufen, das bringt uns nichts. Der Ablauf muss klar sein, spontan eine Aktivität dazwischenschieben geht nicht, viel Gedränge darf natürlich auch nicht herrschen.

ZEIT: Waren Sie aufgeregt vor Ihrem ersten Einsatz?

Blumstengel: Und wie. Für die Teilnehmer lief alles super, ich hatte aber viel Stress. Zumindest musste ich mich nie sorgen, dass einer zu spät kommt. Extreme Pünktlichkeit ist ein Symptom der Störung.

ZEIT: Können Autisten eigentlich einen Sonnenuntergang genießen?

Blumstengel: Ich selber schon. Autisten sind aber so verschieden wie neuronal typische Menschen auch. Viele von uns nehmen ihre Umwelt speziell wahr. Da setzt sich dann das Bild eines fremden Ortes aus etlichen Details zusammen: einzelne Pflanzen, Schilder, kleine Stuckornamente ...

ZEIT: Haben Sie weitergehende Pläne?

Blumstengel: Anfang September biete ich eine Fahrt zum Kyffhäuser-Denkmal bei Bad Frankenhausen an. Das mache ich in unserem Selbsthilfeforum www.aspies.de und unter www.aspiesunterwegs.de.vu. Längere Reisen kann ich höchstens zweimal im Jahr anbieten, weil ich dafür ja selbst Urlaub nehmen muss. Für die nächste werde ich um Vorschläge bitten. Mein persönlicher lautet Mallorca, da war ich noch nicht. Besonders das Hinterland und die Kultur interessieren mich. Ich weiß schon, das hört man häufig. So anders als normale Touristen sind wir dann eben doch nicht.