Sobald im Norden Afghanistans ein Bundeswehrkonvoi unter Beschuss gerät, wird Oliver Frei gerufen. Sein Funkgerät krächzt, wenn die Truppe erfährt, dass die Taliban von einem Versteck aus einen Anschlag planen. Frei wird auch angerufen, wenn die Armee ein Gebiet von der Bevölkerung unbemerkt aufklären will. Eigentlich ist Frei ständig im Dienst.

Der gebräunte Mann mit den durchtrainierten Oberarmen streift sich einen beigefarbenen Pullover über, zieht seine Hose an und läuft über den sandigen Boden des Camp Marmal in Masar-i-Scharif zu seinem Arbeitsplatz: einem grünen Container, den sie hier Bodenstation nennen. Dort setzt sich Frei, der zu seinem Schutz einen anderen Namen bekommen hat, vor vier Monitore und schaltet die Geräte an. Techniker schieben die achteinhalb Meter lange Drohne Heron 1 auf das Rollfeld. Sie ist die größte Drohne, die Deutschland einsetzt.

Oliver Frei startet das unbemannte Flugzeug, beschleunigt es und bringt es per Autopilot in die Luft. Die Drohne fliegt über Wohncontainer, unter ihr das Camp mit seiner Kirche und den Parkplätzen voller Panzer. In der Ferne ist das Marmal-Gebirge zu sehen. Es dauert keine 30 Minuten, bis die Heron das erste Aufklärungsbild zurück zu den deutschen Soldaten sendet.

Frei benimmt sich wie ein Soldat, er hat die Statur eines Soldaten, und er ist umgeben von Soldaten, aber er selbst ist keiner. Er ist ein Angestellter eines privaten Unternehmens. Er arbeitet für einen Rüstungskonzern: Airbus Defence & Space Airborne Solutions GmbH.

Seit sechs Jahren hat die Bundeswehr den Betrieb, die Logistik und Wartung der Heron-Drohne an private Firmen ausgelagert. Auch die Ausbildung des Personals gehört dazu. Airbus sei dafür zuständig, die "Verfügbarkeit für den Einsatzflugbetrieb bereitzustellen", teilt die Bundesregierung mit. In einer internen Vorlage des Finanzministeriums heißt es: Die bereitgestellten Fähigkeiten der Drohne durch das Unternehmen seien "zum Schutz der Soldaten der Bundeswehr (...) weiterhin unerlässlich".

Bis mindestens 2016 läuft der aktuelle Vertrag mit Airbus, Kosten pro Jahr: 30 Millionen Euro. Bisher haben private Firmen über 310 Millionen Euro von der Bundeswehr dafür bekommen, die deutsche Heron-Drohne zu warten und zu steuern. 38 Mitarbeiter hat Airbus aktuell in Afghanistan angestellt, Mechaniker, Elektriker – und auch vier Piloten wie Oliver Frei.

Sein Einsatz im Kriegsgebiet ist nur ein Beispiel für die schleichende Auslagerung von Aufgaben der Bundeswehr an sogenannte private contractors, private Dienstleister. Die Unternehmen unterstützen auch Kampfeinsätze, übernehmen die Ausbildung von Soldaten sowie Transportflüge für die Truppe, oder sie reparieren Militärfahrzeuge. Für die Regierung ist das praktisch: Durch den Einsatz der Privatsöldner wird die Zahl der tatsächlich eingesetzten Deutschen in Krisenregionen verschleiert, weil die Angestellten der Söldnerfirmen in keiner offiziellen Bundeswehrstatistik vorkommen.

Vor einem Jahrzehnt begannen die USA, Sicherheitsdienstleistungen im Irakkrieg im großen Stil an kommerzielle Anbieter auszulagern. Bereits drei Jahre nach Einmarsch der Armee waren Söldner die zweitgrößte Truppe nach den amerikanischen Streitkräften. Heute sind mehr private contractors für die USA in Afghanistan stationiert als Soldaten. Der weltweite Umsatz der Militärdienstleister wird auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar geschätzt.

In Deutschland hat sich die Regierung immer deutlich gegen den weltweiten Trend des Outsourcings ausgesprochen. Im Koalitionsvertrag schreiben SPD und CDU/CSU: "Die in internationalen Auslandseinsätzen vermehrt zu beobachtende Auslagerung von militärischen Aufgaben auf private Unternehmen kommt für uns nicht in Frage." Diesen Satz sollte man sich merken, er definiert die politischen Grenzen.

Recherchen der ZEIT unter Drohnenpiloten, in Bundeswehrkasernen und in der Rüstungsindustrie zeigen jedoch, dass eine Trennung zwischen zivilen und militärischen Aufgaben in der Praxis nur schwer möglich ist. Heimlich braut sich etwas zusammen, was politisch ausgeschlossen werden sollte.

Die Rüstungskonzerne Krauss-Maffei Wegmann, Rheinmetall und General Dynamics sowie Unternehmen wie Daimler oder Ecolog unterstützen die Bundeswehr im Kosovo und in Afghanistan mit eigenen Mitarbeitern. Sie bereiten Wasser in den Feldlagern auf, warten Panzer oder sind als Lazaretthausmeister eingesetzt. Das alles klingt noch nicht alarmierend.

Aber im Militärischen Luftfahrtzentrum in Manching montiert Airbus Eurofighter-Jets und konstruiert Drohnen. Bundeswehrbeamte arbeiten bei der Bestellung von Teilen und der Weiterentwicklung von Software eng mit dem Rüstungskonzern zusammen, manchmal sogar Schreibtisch an Schreibtisch.

Über 70 Mitarbeiter des Softwareunternehmens SAP helfen der Bundeswehr auf ihrem Gelände in Bonn derzeit als Consultants, als Berater also, die Programme für die Armee nutzbar zu machen. Seit Jahren wird die SAP-Software auch bei Auslandseinsätzen im Kosovo und in Afghanistan genutzt.

Im Afghanistan-Krieg warteten Mitarbeiter von Rheinmetall im Feldlager Kabul das Kettenfahrzeug Wiesel und schulten die Soldaten dafür. Die privaten Mitarbeiter begleiteten die Bundeswehr auch auf Patrouillenfahrten ins Land.

Kasernen werden nicht mehr von Soldaten bewacht, sondern private Sicherheitsfirmen schützen mittlerweile 361 von 445 deutschen Bundeswehreinrichtungen.

Die Firma Rheinmetall betreibt das modernste Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr, bildet Heeressoldaten aus und Hubschrauberpiloten.