DIE ZEIT: Herr Timmermann, die amerikanische Wetterbehörde NOAA warnt vor einem gefährlichen El Niño, einem Wetterphänomen, bei dem sich die Strömungsverhältnisse im Pazifik dramatisch ändern. Sie leben auf Hawaii, mitten in einem der betroffenen Gebiete. Macht sich die Gefahr bei Ihnen bereits bemerkbar?

Axel Timmermann: Wir spüren sie hautnah. Schon in den ersten beiden Monaten der diesjährigen Hurrikansaison gab es im Ost- und Zentralpazifik dreizehn Tropenstürme, davon sechs Hurrikane. Zwei Hurrikane sind den hawaiianischen Inseln gefährlich nahegekommen. Kaum ist einer weg, kommt schon der nächste. Wir erleben wirklich ein außergewöhnliches Jahr.

ZEIT: Das wird bis November so weiter gehen.

Timmermann: Ja, deshalb schaue ich mir permanent die Wetterkarten an. Auch die Menschen hier sind besorgt. Viele bessern jetzt vorsorglich ihre Holzhäuser aus und planen für den Notfall. Normalerweise treibt so ein Hurrikan kaltes Wasser an die Meeresoberfläche, was ihn abflauen lässt. Diese natürliche Bremse fehlt dieses Jahr wegen des El Niños.

ZEIT: Schon vergangenes Jahr wurde vor einem starken El Niño gewarnt – ein Fehlalarm.

Timmermann: Die Vorhersage im vergangenen Jahr war Murks. Es gab schon im März und April starke Taifune im tropischen Westpazifik, die einen Wasserberg von dort an die Küste Südamerikas schwappen ließen. Eine solche Welle warmen Wassers längs des Äquators nennen Klimaforscher eine Kelvinwelle. Die Kelvinwellen im Frühjahr 2014 zählten zu den größten, die man je gesehen hatte. Überall auf der Welt schrillten die Alarmglocken.

ZEIT: Und dann passierte nichts. Wieso?

Timmermann: Das Problem war: Achtzig Prozent der Messbojen im Ostpazifik waren ausgefallen, da sie nicht regelmäßig von der amerikanischen Wetterbehörde gewartet wurden. Einige meiner Kollegen meinen, dass deshalb die Stärke des El Niños nicht korrekt vorhergesagt werden konnte. Meiner Ansicht nach kamen aber die Taifune und die Kelvinwellen einfach zwei bis drei Monate zu früh – zu einer Jahreszeit, in der die Atmosphäre den Effekt noch nicht verstärken konnte. Deshalb schoben starke Passatwinde den Warmwasserberg wieder von der Küste weg. Es ist erstaunlich, dass die Entstehung von El Niño an den Jahresgang gekoppelt ist. Warum, verstehen wir noch nicht ganz. Wir wissen lediglich: Damit sich ein El Niño einstellt, müssen sich Ozean und Wetter auf eine bestimmte Weise gegenseitig beeinflussen, und zwar im Sommer und Herbst. Wir nennen das Bjerknes-Rückkopplung.

ZEIT: In diesem Jahr scheint genau diese Rückkopplung einzusetzen.

Timmermann: Der Zeitpunkt ist jetzt ideal. Wir hatten im Westpazifik bereits viele starke Taifune – bis in den Sommer hinein. Vor Ecuador und Peru ist das warme Wasser bereits da. Klimavorhersagen zeigen, dass der momentane El Niño sich in den nächsten Monaten weiter verstärken wird. Ein Ende ist erst im Frühjahr 2016 in Sicht. Die Vorhersage ist dieses Mal robust.

ZEIT: Was bedeutet das für das Weltwetter?

Timmermann: Wie genau das Wetter in einigen Monaten werden wird, wissen wir natürlich nicht. Wir können lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen über Temperatur und Niederschlag treffen. Die haben es aber in sich. In Indonesien und Nordaustralien müssen sich die Menschen auf Dürre und Waldbrände einstellen. Für die pazifischen Südseeinseln erwarten die Klimaforscher ebenfalls Dürre.

ZEIT: Woher nehmen Sie die Gewissheit?

Timmermann: Zum einen aus Computermodellen und zum anderen aus früheren El-Niño-Ereignissen wie dem von 1997/98. Schon damals war die Westpazifikregion stark betroffen. Zum Beispiel führen die starken Veränderungen des Windes und der Meeresströmungen während eines El Niños dazu, dass der Meeresspiegel in einigen Teilen des Westpazifiks um etwa dreißig Zentimeter sinkt. Flache Korallenriffe fallen trocken und sterben. Das stinkt erbärmlich. Es gibt auf Samoa sogar ein Wort dafür – taimasa.