Das Jahr 1894 sei für seinen Vater gleich "dreifach bedeutsam" gewesen: "Er erfand das nach ihm benannte Ventil, das ihm Wohlstand brachte. Er entdeckte die ›Welteislehre‹, die ihm Berühmtheit brachte. Und er bekam mich als Sohn." So hat Paul Hörbiger in seiner Autobiografie die Verdienste seines Vaters aufgezählt. Hanns Hörbiger, geboren 1860 bei Wien und heute eher als Vater der Schauspieler Paul und Attila Hörbiger bekannt, war Ingenieur in Budapest und seit 1896 Inhaber eines Patents für ein massearmes Stahlplattenventil.

In einer Septembernacht wenige Monate nach Pauls Geburt stand er zu Hause am Fenster. "Nach stundenlangem Anstarren der Mondscheibe blitzte plötzlich ein ungeheurer Gedanke auf! Wie ein Keulenschlag traf mich dieser Blitz", zitierte Hans Wolfgang Behm Hörbiger in einer Biografie von 1930. "Wir blicken auf einen ungeheuer tiefen, also uferlosen Eisozean!" Es war die Geburtsstunde seiner "revolutionären" Welterklärung. Eis als Weltenbaustoff. Nach dieser Offenbarung schlich Hörbiger wieder zu seiner Frau ins Bett, "um ihr zu klagen, soeben ›unsterblich‹ geworden zu sein".

Mit dem Sendungsbewusstsein des Auserwählten arbeitete sich Hörbiger fast zwanzig Jahre lang an seiner Idee ab. Zur Jahreswende 1912/13 erschien dann endlich das im Wesentlichen von Philipp Fauth, einem Volksschullehrer und anerkannten Experten für die Kartierung des Mondes, aus Briefen und Aufzeichnungen zusammengetragene, fast 800 Seiten umfassende Hauptwerk: Hörbigers Glazial-Kosmogonie. Eine neue Entwicklungsgeschichte des Weltalls und des Sonnensystems. "Ein Wurf, eine Tat", schrieb Behm, "begnadet mit einem geradezu beispiellos einzigartigen Erlösungswert für die fragende und sehnsuchtsvoll suchende Menschheit."

Die Glazialkosmogonie oder gebräuchlicher die Welteislehre (WEL) war eine eschatologische Endformel: Entstehen, Werden, Untergang. Der Kosmos ein organischer Kreislauf in Zyklen des Geborenwerdens und Sterbens. Vor Millionen Jahren drang laut Hörbiger ein riesiger Eisplanet in einen gigantischen Glutstern, millionenfach größer als unsere Sonne. Der Planet explodierte aufgrund des hocherhitzten Wasserdampfs im Innern der Muttersonne und schleuderte riesige Bruchstücke aus Schlacke und Eis ins Universum. So bildeten sich in einer "Glutmilchstraße" neue Sonnensysteme; aus gefrierendem Wasserdampf entstand die "Eismilchstraße". Dieser Kampf von Glutlingen und Eislingen bestimme alles kosmische Geschehen. Planeten würden durch Reibungswiderstand und Anziehungskräfte erneut von Sonnen eingefangen, bis einmal alles wieder in den Schoß einer Riesenmuttersonne hineinstürzen und ein neuer Kosmos entstehen werde. Eigentlich, meinte der WEL-Jünger Ernst Bergmann, müsse es "Weltgluteislehre" heißen.

In unserem Sonnensystem sei nur ein Planet nicht von einer Eiskruste bedeckt: die Erde. Ihr Wasserhaushalt werde durch eine ständige kosmische Wasserzufuhr – Hagel – geregelt: "Milchstraßen-Eisspeisung für die Erde" in der Welteis-Sprache. In der Vergangenheit seien bereits mehrere Monde ins Gravitationsfeld der Erde geraten, in der Atmosphäre zerborsten und auf den Planeten gestürzt, mit der Folge großer Klimakatastrophen. Beim Sturz des vorletzten Mondes hätten ungeheure Eis- und Wassermassen die Sintflut ausgelöst, von der das Alte Testament spricht. Es folgte eine mondlose, glückliche Zeit – die Zeit von "Atlantis". Dieses Reich sei dann vor 12.000 Jahren in einer Flut untergegangen, als der jetzige Mond von der Erde eingefangen worden sei. Irgendwann aber werde auch der auf die Erde stürzen, prophezeite Hörbiger.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Katastrophenszenarios ziehen die Menschen seit jeher magisch an. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten besonders Eiszeit-Erzählungen Hochkonjunktur. Hörbigers zyklische Kosmologie bezog ihre Attraktivität dabei gerade aus der "Umkehr des bedrohlichen Charakters des Eises, denn es verursachte nicht den Kältetod, sondern trug als Antagonist der Wärme zur zyklischen Dynamik des Weltenlaufs bei", wie es die Wissenschaftshistorikerin Christina Wessely in ihrem 2013 veröffentlichten Buch Welteis zusammenfasst.