Die Ablehnung durch die Fachwissenschaft steigerte die Attraktivität der spektakulären Lehre nur noch. Ein gewisser Antiintellektualismus war ohnehin weit verbreitet. Hörbiger war Ingenieur, ein Praktiker. Man setzte auf die Überlegenheit des gesunden Menschenverstandes. "Immer sind die ›Fachleute‹ die Fortschrittsgegner", schrieb etwa der Wiener Kritiker und Theaterautor Hermann Bahr an Hörbiger. "Und was diese heute gegen die so kindlich einfache Selbstverständlichkeit der WEL vorbringen – klingt gerade so naiv wie die berühmte Skizze, die Kolumbus von seinen gelehrten Zeitgenossen vorgelegt erhielt."

Hörbigers hypothesenstarke Vision übte auch auf viele Schriftsteller eine große Faszination aus. Die Welteislehre war ein reichhaltiges Metaphern- und Bilderreservoir und eine ideale Projektionsfläche für die eigene Weltsicht. So ist etwa in Gottfried Benns Aufsatz Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriss einer Geologie des Ichs von 1930 zu lesen: "Innerhalb eines ungeheuerlichen tellurisch-kosmischen Geschehens, Eisäonen und Weltbrandzeiten, Sturz des Tertiärmonds auf die Erde, Verfinsterung des Himmels, Kataklysma aus Feuer und Zyklonen, in immer neuen spontanen Entwicklungstrieben: halb Kausalität und halb Schöpfung, halb geologische Notwendigkeit und halber Akt der Transzendenz – so vollzog sich die epileptoide Mischung unserer Persönlichkeitsentwicklung."

Die Welteislehre bot Weltgeschichte in einer bildlich berauschenden Inszenierung. "Wenn ich aber frage, wodurch mich diese neue, mir ganz unklare Welteislehre denn eigentlich so gewaltig erschüttert", schrieb Hermann Bahr, "so kann ich mir nur antworten, daß die grandiose Kraft ihrer ungeheuren Gesichte mein innerstes Ahnungsvermögen aufregt. [...] Hier fühle ich die Schauder urlebendiger Vision!" Sein Landsmann, der Schriftsteller und Essayist Egon Friedell, zeigte sich in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit aus den zwanziger Jahren angezogen von der "Katastrophentheorie", die er "höchst aufregend und pittoresk" fand und von der er gar nicht verlangte, dass sie wissenschaftlich korrekt sein müsse. Sie gehöre "in die Kunstgattung der Lehrdichtungen". Für den deutschen Schriftsteller Reinhold Schneider war sie "ein Gedicht im größten Sinne". Die Welteislehre taucht in Robert Musils Jahrhundertwerk Der Mann ohne Eigenschaften auf, und der Dadaist Raoul Hausmann besprach mit Hörbiger gar ein Welteis-Filmprojekt (aus dem nichts wurde). In einem Brief von 1924 allerdings warnte er hellsichtig: "Eine gewisse Gefahr von nicht zu unterschätzender Grösse für die Ausbreitung der Welteislehre besteht darin, dass sie vom Verlag Voigtländer als deutsches Weltbild bezeichnet wird. [...] Schlag den Juden tot, und dann ist der Deutsche ein Engel!"

Tatsächlich fand die Welteislehre über die Jahre auch viele Anhänger aus national-völkischen und antisemitischen Kreisen. So schwärmte der spätere Austrofaschist Karl Hans Strobl unmittelbar nach der Lauensteiner Tagung in der Zeitschrift Der Schlüssel zum Weltgeschehen: "Es liegt etwas nordisch Kühnes in den sittlichen und seelischen Werten der Welteislehre, etwas eisenhart Germanisches. Die Relativitätstheorie verhält sich zu ihr wie der Talmud zur Edda."

Im Sinne ihres Begründers Hanns Hörbiger dürfte dies nicht gewesen sein. Er starb am 11. Oktober 1931. Dazu, dass SS-Führer Heinrich Himmler seine Welteislehre 1936 im Pyrmonter Protokoll für die abstruse "SS-Ahnenlehre" okkupierte, konnte er sich nicht mehr äußern. Himmler wollte eine nationalistisch-nordische Physik propagieren gegen die theoretische Physik "des Juden Albert Einstein". Doch selbst stramm nationalsozialistische Wortführer der "Deutschen Physik" zogen nicht mit, allen voran die Nobelpreisträger Johannes Stark und Philipp Lenard: "Es ist gleichgültig, wieviel Unwahres oder Wahres diese ›Lehre‹ enthält; jedenfalls ist sie reine Phantasterei, eine Verhöhnung alles Wissens."

"Ich neige der Welteislehre von Hörbiger zu", soll auch Adolf Hitler in Tischgesprächen bekannt haben – in Linz plante er angeblich ein Denkmal für Ptolemäus, Kopernikus und Hörbiger –, und bei Hermann Göring fand man eine ausführliche WEL-Bibliothek. Da der Voigtländer Verlag NS-Größen mit Freiexemplaren versorgte, beweist dies noch nicht, dass die Welteislehre in der Naziideologie eine größere Rolle spielte. Die Faszination aber, die Hörbigers Theorie in Nazikreisen auslöste, ist nicht zu übersehen. Spätestens 1942 versiegten dann sowohl das Interesse als auch die Mittel. Nach 1945 schließlich geriet die Glazialkosmogonie weitgehend in Vergessenheit.

Erst jüngst erfuhr die Theorie vom Welteis noch einmal eine gewisse Aufmerksamkeit: als die Raumsonde New Horizons vor zwei Monaten erstmals spektakuläre Bilder vom Eiszwerg Pluto zur Erde schickte. Seit zehn Jahren liefern die Sonden der Cassini-Huygens-Mission Daten, die darauf schließen lassen, dass auch die Saturnmonde Mimas, Enceladus, Tethys, Dione, Rhea und Titan von Permafrost bedeckt sind. Das ist zwar gewiss keine Bestätigung der Welteislehre, für einige wenige verbliebene Jünger und Science-Fiction-Autoren aber Eiswasser auf die Mühlen.