Taschengeld klingt harmlos. Man denkt an Eisessen, Kinokarten, vielleicht an einen Vater oder eine Mutter, die ihrem Kind großzügig ein paar Euro überlassen. Doch das sogenannte Taschengeld, das Flüchtlinge vom deutschen Staat bekommen, ist in zweifacher Hinsicht etwas ganz anderes: Es reicht nur für das Nötigste – mit 143 Euro pro Monat kommt niemand weit. Und es kann nicht mal eben gestrichen werden, auch wenn einige konservative Politiker das gerade fordern. Wie viel Geld Asylbewerbern zusteht, hat das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil festgelegt. Der Staat muss entweder Euro auszahlen oder mit Sachleistungen wie Essen und Kleidung dazu beitragen, dass Flüchtlinge über die Runden kommen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist der Ansicht, Asylbewerber sollten während ihrer ersten Monate statt Bargeld lieber häufiger Sachleistungen bekommen. Er hat damit einen Aufschrei ausgelöst. Familienministerin Manuela Schwesig warf ihm beispielsweise vor, er habe damit eine populistische Debatte "angefackelt". Das klang nach "abfackeln", nach geistiger Brandstiftung.

Dabei hat de Maizière eigentlich nur etwas gefordert, was nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bereits vorgeschrieben ist. In Paragraf 3 heißt es dort, Asylbewerber sollten möglichst Waren statt Geld erhalten. Wären die Kommunen nicht derart überfordert, würde das Prinzip des Vorrangs von Sachleistungen heute längst angewandt.

Dort, wo das geschieht, ist es für Flüchtlinge oft eine Hilfe, keine Zumutung. Denn hinter der Idee, Güter statt Euro auszuhändigen, steckt nicht nur Misstrauen, sondern auch Fürsorge. Bargeld kann bei Schleppern landen, bei Verwandten in der Heimat, bei kriminellen Schutzorganisationen. Warme Mahlzeiten, Zahnpasta oder neue Schuhe hingegen nützen denen, die sie erhalten: den Asylbewerbern.

Wegen 143 Euro Taschengeld verlasse kein Flüchtling seine Heimat, halten die Kritiker de Maizière entgegen. Dessen Vorschlag sei populistisch, weil er das Vorurteil verstärke, dass Asylbewerber den Sozialstaat ausnutzen. Umgerechnet fünf Euro pro Tag seien nicht mehr als ein Almosen.

Das stimmt, allerdings bezieht nur ein Teil der Flüchtlinge 143 Euro. Wer mit Partner und Kindern nach Deutschland kommt, erhält mehr, und nach dem Ablauf der ersten drei Monate Aufenthalt steigt der Betrag. Dann zahlen die Sozialbehörden für Wohnung und Unterhalt, fast in gleicher Höhe wie bei Hartz-IV-Empfängern. Die müssen allerdings hinnehmen, dass der Staat sie drängt, eine Arbeit zu suchen und anzunehmen, wenn sie gesund und erwerbsfähig sind.

Lesen Sie dazu auch den Artikel "ZuMUTung - Die deutsche Flüchtlingspolitik ist in der Realität angekommen " auf S. 3 in der aktuellen ZEIT.

Deshalb ist es Asylbewerbern durchaus zuzumuten, dass auch bei ihnen Sozialbehörden nachfragen, was sie mit dem ausgehändigten Geld machen – und im Zweifelsfall manchmal statt Euro lieber Gutscheine verteilen. Das ist der Preis des deutschen Sozialmodells: Damit alle dahinterstehen, die es mit ihren Steuerleistungen finanzieren, sind Kontrollen unvermeidbar, auch wenn sie manchmal nur symbolisch sind.

Aus Großstädten wie Berlin werden für denselben Zeitraum ständig schwankende Flüchtlingszahlen gemeldet, teilweise weichen die Angaben verschiedener Behörden erheblich voneinander ab. Möglicherweise zeige das, sagen selbst Flüchtlingsorganisationen, dass sich einige der Asylbewerber doppelt oder dreifach melden, auch um so mehr Bargeld zu bekommen.

Sollten die Kommunen häufiger Sachleistungen ausgeben, wird das ihre Arbeit zunächst erschweren. Das ist auch die Schwäche des Vorschlags von Thomas de Maizière. Kleidung und Essen zu verteilen ist aufwendig und teuer. Meistens sparen die Kommunen dabei nicht, sondern zahlen drauf.

Ihre Spitzenverbände haben den Innenminister daher nur verhalten unterstützt. Wäre es anders, würden die Städte und Gemeinden machen, was der Minister wünscht. Das Gesetz erlaubt es ja längst.