Eine Woche ringen wir in Deutschland schon mit der Frage, was die Umorganisation von Google bedeutet – und sind nicht am Ziel. Der Gründer Larry Page hebt seine neuen Projekte vom automatisierten Haus bis zum selbstfahrenden Auto auf eine Stufe mit der weltweit erfolgreichen Suchmaschine und sagt damit etwas Revolutionäres: Das Silicon Valley kann viel mehr als nur Internet. Es kann fast alles.

So wächst der Anspruch heran, das Wirtschaften neu zu definieren. Gründer bauen Roboter und Raketen, entwickeln neue Lebensmittel und neue Formen der Energieerzeugung. Kaum ein Markt, den die Jungunternehmer nicht umwälzen wollen. Früher ging es um die Digitalisierung von analogen Inhalten, heute trägt das Valley die Prinzipien des digitalen Wirtschaftens mit Wucht in die analoge Welt zurück.

Welcher Übermut – aber auch welche Herausforderung für die Deutschen! Anders als die Amerikaner oder Briten sind sie keine Nation von Dienstleistern geworden, sondern haben an der Industrie festgehalten und sie erfolgreich weiterentwickelt. Ihre Unternehmer sind oft Weltspitze, ihre Produkte rund um den Globus gefragt.

Spielerisch, wagemutig, aggressiv – so weitet sich die digitale Revolution aus

Jetzt kommt diese junge kalifornische Garde von Softwareschreibern und will ihnen Märkte streitig machen. Eine Anmaßung ist das. Was könnte dem deutschen Denken in Branchen und Zünften, dem Vertrauen in Erfahrung und Ingenieurskunst mehr zuwiderlaufen. Und doch müssen Konzerne und Mittelständler die Herausforderung annehmen und bereit sein, von den jungen Wilden zu lernen.

Zum Beispiel, dass sie Erfindungen mit aller Macht vorantreiben – und ihre Unternehmen neu ausrichten, wenn die Entwicklung es verlangt. Oder dass Wagniskapital ein sehr wirksames Werkzeug ist, um aus kleinen Ideen große Geschäfte zu machen. Und vor allem: Software treibt den Fortschritt noch an den merkwürdigsten Stellen voran. Wie bei dem neuen Duschkopf aus San Francisco, der nur ein Drittel der üblichen Wassermenge durch viele Miniaturdüsen versprüht und mit seinem gebürsteten Aluminium aussieht, als hätte Apple ihn entworfen. Optimiert wurde er mit Software aus der Entwicklung von Düsentriebwerken.

Keiner weiß, ob das teure Gerät sich durchsetzt, aber die Begeisterung ist groß, Superstars aus dem Valley investieren. In dem kleinen Beispiel zeigt sich das Spielerische, die Mischung aus Funktion und Design, das Kulthafte – alles, was man sich im schwäbischen Kernland der Industrie nur schwer vorstellen kann.

Larry Page verkörpert den Techno-Ökonomismus, der diese Revolution vorantreibt. Der erfolgreichste Gründer unserer Zeit ist nicht bloß ein Nerd und Erfinder, der die entscheidende Idee für die Suchmaschine hatte. Er ist auch ein radikaler Unternehmer, der versucht, Neues schnell und umfassend in gewinnbringende Geschäfte zu verwandeln.

Gelernt hat er das aus dem Schicksal glückloser Genies wie dem Strompionier Nikola Tesla, der arm und einflusslos starb, weil er seine Ideen nicht vermarktet hatte. So soll es Page nicht ergehen, so soll es dem Valley nicht ergehen.

Jungunternehmer eifern ihm nach, wenn sie ihr Produkt beinahe täglich verbessern und wie besessen nach Effizienzreserven suchen. Und längst gilt ihr Angriff nicht mehr bloß den Medien und dem Internet. Keiner hat das so konsequent vorgeführt wie Elon Musk, der als Internetgründer begann und dann seine Millionen einsetzte, um mit Tesla Motors schnelle Elektroautos und mit SpaceX sparsame Raketen zu bauen. Seine Stärken sind die des Valleys: überlegene Software und radikale, schön verpackte Effizienz.

Der Großinvestor Peter Thiel gibt der Umwälzung eine Stimme. Irgendetwas müsste das Silicon Valley richtig machen, meint er, wenn man dort mit relativ wenig Kapital eine so große Wirkung erziele. Und die deutsche Wirtschaft muss lernen, was genau das ist, auch wenn sie sich über Hype und Hybris im Valley ärgern mag.

Allzu oft sagen deutsche Konzernchefs, sie hätten verstanden – und handeln nicht. Bankvorstände wollen nicht wahrhaben, dass Algorithmen ihnen das Kredit- und Anlagegeschäft streitig machen. Automanager sind merkwürdig gelassen. Immerhin spricht der VW-Chef Winterkorn von der digitalen Revolution beim Auto, macht aber klar: VW fühlt sich bei selbstfahrenden Autos Google klar überlegen. Wie schön.

Besser, Deutschland wird lernbereit. Im Silicon Valley erfinden sie gerade mehr als nur ein paar neue Programme.

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