"Der Grieche", sagt Jorgo Chatzimarkakis, "ist auf sich und seinen Clan konzentriert. Er kennt kein Gemeinwohl." Man könnte meinen: Der Mann muss es wissen. Schließlich ist er selbst ein halber Grieche. Man könnte aber auch sagen: Mit dem Deutsch-Griechen Chatzimarkakis ist es so gegangen, wie es immer läuft in Europa: Am Ende hat der Deutsche gewonnen.

Ein Sommertag in Berlin, nach dem Rauswurf der Troika durch die neue griechische Regierung und vor dem Referendum: Jorgo Chatzimarkakis sitzt in einem Café, aus der Brusttasche quillt ein Einstecktuch, aus dem Mann quellen Anekdoten, Geschichten, sein Leben mischt sich darin mit der griechischen Tragödie und der bundesdeutschen Einwanderungsgeschichte. Kretische Großväter kommen vor, sogar ein Geheimbund spielt eine Rolle.

In Kürze wird sein neues Buch erscheinen: Tagebuch eines griechischen Euro. Er erzählt darin die Geschichte einer Münze, die 2001 das Licht der Welt erblickt, in der Welt herumkommt, zu den Reichen, den Armen, den Oligarchen, zum Trevi-Brunnen wandert und 2015 im Meer versinkt. Chatzimarkakis erzählt darin auch seine eigene Geschichte.

Geboren ist er im Ruhrgebiet als Sohn eines Gastarbeiters und einer deutschen Mutter. Als sich seine Eltern trennten, entschied sich der Vater, zurück nach Kreta zu ziehen, in die Heimat, in der er unter dem deutschen Besatzungsregime zur Grundschule gegangen war. Zwei seiner Söhne blieben damals bei ihm, sie wurden Griechen. Giorgos Chatzimarkakis hingegen entschied sich für Deutschland und hieß fortan Jorgo. Bonn wurde später sein Wohnort, die FDP seine politische Heimat. Kreta blieb ein Traumort, eine Gegenwelt.

Zehn Jahre lang war Chatzimarkakis Europaabgeordneter der FDP. Dann begann die Schuldenkrise im Land seines Vaters, und Chatzimarkakis fing an, sich immer griechischer zu fühlen. Die beiden Länder wussten nicht viel voneinander, stellte er fest. Er versuchte zu vermitteln. Er wetterte gegen die Politik der Troika, beklagte die "massive Verarmung" der Griechen durch die Sparpolitik und forderte einen Herkulesplan.

Der linksliberale Chatzimarkakis wurde nicht nur immer griechischer, er wurde auch immer linker. Im Jahr 2013 ärgerte er sich so über den Euro-Kurs des damaligen FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler, dass er aus der FDP austrat. Er gründete die Partei "Hellenische Europabürger", für die er bei der Europawahl 2014 kandidierte, in Ierapetra, dem Heimatort seiner Familie, der südlichsten Stadt Europas. Chatzimarkakis bekam 22 Prozent in seinem Dorf, aber seine Partei nur 1,4 Prozent. Noch hat er sein Büro, aber als Politiker bezeichnet er sich nicht mehr.

Er ist jetzt ein Ex-Liberaler, Ex-Europaabgeordneter, der sich in Griechenland als Unternehmer versucht. Er ist immer noch Deutsch-Grieche, aber die Betonung liegt jetzt mehr auf Deutsch. "Ich hatte eine rosarote Gastarbeiterkind-Brille auf", sagt Chatzimarkakis. In den vergangenen fünf Jahren seien die Reichen noch reicher geworden, die Medien inzwischen fast komplett in der Hand der Oligarchen. Die Griechen schimpften auf sie, aber wenn sich die Gelegenheit ergebe, von einem zu profitieren, dann seien sie schnell dabei.

Sein Buch wird im Größenwahn-Verlag erscheinen. Kein Witz. Das ist ein Frankfurter Verlag, benannt nach dem Café Größenwahn, wo in den 70er Jahren Joschka Fischer und seine linken Anarcho-Freunde verkehrten. Das nächste Projekt, sagt Chatzimarkakis, sei ein Hörbuch: Plagiat.

Denn Chatzimarkakis ist nicht nur Ex-Politiker, er ist auch Deutschlands bekanntester Ex-Doktor nach Karl-Theodor zu Guttenberg. Im Jahr 2011 wurde ihm der Titel aberkannt, nachdem die Uni Bonn seine Dissertation als Plagiat eingestuft hatte. Anders als die meisten Politiker, denen Ähnliches widerfuhr, ging Chatzimarkakis in die Offensive. Er setzte sich in die Talkshows, er klagte gegen den Titelverlust, er schwor beim Grab seines Großvaters, die Doktorarbeit noch einmal zu schreiben, diesmal aber richtig. Chatzimarkakis sagt, mit dem Hörspiel wolle er die kafkaeske Erfahrung verarbeiten, die er mit seinem Plagiatsverfahren gemacht habe. Zu der neuen Doktorarbeit ist er noch nicht gekommen. Zu viel Griechenland.

Mit seinem Euro-Tagebuch wiederum habe er die kulturellen Eigenheiten der Griechen aufgearbeitet. Außerdem ist noch einiges an Prozesskosten zu bezahlen.

Chatzimarkakis war Vizevorsitzender des Weltverbands der griechischstämmigen Abgeordneten. Die gibt es in Simbabwe, Kanada, den USA, sogar im Iran. Sechs bis sieben Millionen Griechen gebe es außerhalb von Griechenland, berichtet Chatzimarkakis. Einer davon ist er. Von seinen Erfahrungen und Kontakten, so dachte Chatzimarkakis, könne Griechenland profitieren. Der Grieche aber, so lautet seine Bilanz, schätze die Expertise von außen nicht.

Es gebe da diesen Witz über die beiden großen Völker der Welt: die Hebräer und die Griechen. Der Hebräer stellt fest, dass sein Nachbar ein Wundertier von einer Ziege hat. Er geht hin und sagt: Ich habe eine Superidee, deine Ziege gibt viel Milch, ich kann Käse machen. Wir tun uns zusammen, verkaufen den Käse und werden reich.

Der Grieche sieht ebenfalls die Ziege des Nachbarn. Er denkt: Ich habe eine Superidee. Er geht zu Gott und sagt: Bitte lass die Ziege von meinem Nachbarn sterben, dann sind wir beide gleich arm.

Jeder Grieche kenne den Witz, jeder lache darüber und sage dann: stimmt.

Das, sagt Chatzimarkakis, meine er, wenn er von mangelndem Sinn fürs Gemeinwohl spreche: Jeder sei nur daran interessiert, seinen eigenen Profit zu maximieren, jede Reform werde darauf geprüft, ob man etwas abzweigen könne.