Seltsam, zu welchen Dingen die Menschen pilgern! Zu einem schiefen Turm etwa oder zu einem Säulentor mit Quadriga. Und in Innsbruck ist es ein Erker, vor dem sie sich versammeln. Gut, die Dachschindeln dieses Erkers sind vergoldet. Aber was ist am Goldglanz schon so einzigartig, denke ich, als ich durch die von Touristen verstopfte Altstadt geschoben werde. Doch dann prangt es vor mir, das Goldene Dachl, wie man hierzulande sagt, und wider Erwarten bin ich mehrere Augenblicke lang gebannt. Warum nur?

Dann muss ich los. Ich bin ja wegen eines Hotels in die Tiroler Landeshauptstadt gekommen. Von dem habe ich ebenso wenig erwartet wie vom Dachl – und werde am Ende genauso überrascht sein.

Nur zehn Gehminuten liegt das Hotel Nala von der Dachl-Touri-Meile entfernt. Also fast mitten in der Stadt, aber doch in einem ruhigeren Viertel. Früher hieß das Haus einmal Mozart und war unscheinbar im Stil der fünfziger Jahre erstarrt. In eineinhalb Jahren Renovierung wurde aus Mozart Nala. Das sei – habe ich auf der Nala-Website erfahren – der Name einer Urmutter-Figur, die für das Hotel irgendwie wichtig sei. Dieses habe nun zwei Stockwerke mehr und 57 Zimmer, von denen keines dem anderen gleiche. Es handle sich um ein "Individuellhotel", konnte ich auf der Website lesen. "So ein postmoderner Differenzierungs-Schmarrn!", habe ich gedacht.

Zum Konzept "Individuellhotel" gehört auch, dass man sich per Website ein Zimmer ganz nach seinen Vorlieben wählen kann: Romantik, Baden, Selberkochen. Oder: Wenn man gern Filme schaut, bietet das "Cinema"-Zimmer einen extra großen Fernseher, DVD-Player und rundum mit einem orangefarbenen Vorhang verhängte Wände und Fenster. Kino-Optik.

Ich selbst wählte, passend zum goldenen Schein des Innsbrucker Wahrzeichens, die "Lodge". Denn deren Fliesen schimmern im Ton des Dachls und umfassen die Badewanne, die übrigens direkt neben dem Bett steht. Und obwohl ich sonst eher ein Verfechter des Duschens bin, liege ich nun in der Wanne und schaue fern, obwohl ich das nur bedingt mag. Sogar der Nachrichtenmoderator, den ich sonst nicht ausstehen kann, erscheint mir, von der goldumrankten Badewanne aus, unterhaltsam und bestens informiert.

Es muss an den Farben liegen. Überall im Hotel sind sie von ausgesuchter Schönheit und exzellent kombiniert. Gold etwa trifft auf sattes dunkles Grün, Silber auf Naturholz, Marineblau auf etwas, was genau passt, mir aber entfallen ist. Jedenfalls sorgen die Farben für Ruhe und Milde; sie schaffen eine Umgebung, die besänftigt. Das wird es sein: Das Nala verändert die Wahrnehmung. Und das ist nicht das Schlechteste.

Die Sache mit dem Rauchen zum Beispiel: Auf den Geländern der Balkone und Terrassen sind kleine, offene Kästen angebracht, und in diesen stehen Aschenbecher bereit. Armin Kathan nämlich, der Architekt des Nala, raucht gern. Deshalb sein Angebot: Raucht ruhig! Ich, ein Gelegenheitsraucher ohne Suchtdruck, folge ihm sofort, kaufe mir eine Schachtel und fläze mich in die Hängematte auf meinem Balkon. Schaukelnd paffe ich vor mich hin, seufze zufrieden auf und denke etwas wie: "Schön, dass hier die kleinen Schwächen des Menschen nicht ausgegrenzt, sondern umarmt werden!" Nur ein Jahr nach seiner Eröffnung ist das Nala auf Tripadvisor das zweitbeliebteste Hotel von Innsbruck. Ich grüble nicht mehr darüber nach, wie solche Bewertungen wohl zustande kommen. Ich denke nur noch: "Kein Wunder!"