Der Tag, an dem Aylin Özgür* beschloss, ein Kopftuch zu tragen, war ein schwarzer Tag für ihre Familie. Özgür sagt, sie habe die Stimme ihrer Mutter noch im Ohr: "Aylin, das Kopftuch, das ist doch nur was für alte Frauen. Schau dir Oma an. Wir sind nach Deutschland gekommen, damit ihr Kinder eine moderne Erziehung bekommt. Bitte tu uns das nicht an!"

Sieben Jahre ist das her. Ob die Mutter damals geahnt hat, welche Steine sich die Tochter damit selber in den Weg legen würde? Aylin wollte Lehrerin werden, das stand fest, seit sie in der fünften Klasse Herrn Becker begegnete, einem Lehrer, der es mit Charme und Humor verstand, ihre Leidenschaft für die englische Sprache zu wecken.

Aylin Özgür hat Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert. Im Februar dieses Jahres hat sie ihre Master-Arbeit geschrieben, ohne Aussicht darauf, jemals unterrichten zu können. Was dann geschah, deutet sie als göttliches Zeichen: Am 13. März 2015 revidierte das Bundesverfassungsgericht seinen Entschluss von 2003. Özgür sagt, ihr Handy habe nicht stillgestanden, so viele Anrufe, E-Mails und WhatsApp-Nachrichten habe sie bekommen.

Es war ein historischer Moment für muslimische Lehrerinnen in Deutschland – und eine späte Genugtuung für Fereshta Ludin, 42, die Frau, die den politischen Streit um das Kopftuch mit ihrer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht 2003 ins Rollen gebracht hatte. Sie sei unendlich glücklich gewesen, sagt Ludin, die heute an einer Privatschule in Berlin unterrichtet. Schließlich hätten islamfeindliche Ressentiments seither zugenommen, wie die Pegida-Bewegung zeige. Das Urteil sei aber ein klares Signal dafür, dass sich die Verfechter eines toleranteren und weltoffeneren Deutschland durchgesetzt hätten.

Bremen war das erste Bundesland, das das Kopftuchverbot kippte. Aylen Özgürs Karriere als Lehrerin steht jetzt nichts mehr im Wege. Im September tritt sie ihre erste Stelle an.

Lange war fraglich, ob sie jemals in diesem Beruf würde arbeiten können. 2003 hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Länder Gesetze erlassen sollten, um die Kopftuchfrage im Klassenzimmer zu regeln. Seither herrschte in den größten Bundesländern ein Kopftuchverbot.

Aylin Özgür trägt eine weiße Bluse zur Jeans, ihre prächtigen Locken verschwinden unter einem khakifarbenen Kopftuch. Es ist das Einzige, was darauf hindeutet, dass sie fünfmal am Tag betet, am Ramadan fastet und auch sonst streng nach den Regeln jener Religion lebt, die für ihre Eltern und die vier jüngeren Schwestern nicht viel mehr als eine nostalgische Reminiszenz an die Tradition ihrer Vorfahren ist.

Sie war 17, als sie erkannte, dass sie im Koran Antworten auf alle ihre Fragen fand, zum Beispiel auf die, ob das Leben mit dem Tod vorbei sei. Aber oft wird sie nur auf das Oberflächliche angesprochen, auf das Kopftuch. Sie hat sich eine Antwort zurechtgelegt, die nur an der Oberfläche kratzt: Sie sagt, sie sammle Tücher wie andere Frauen Schuhe. 150 hat sie jetzt schon, in allen Farben, "außer Orange und Lila." Doch dahinter ist etwas Existenzielleres. Ohne Tuch gehe sie nie aus dem Haus. Sie erzählt, früher sei sie oft von Männern angequatscht worden, jetzt nicht mehr. "Ich werde nicht mehr nur auf meinen Körper reduziert."

Nicht an allen Schulen war sie als Lehramtsstudentin willkommen. "Der Leiter meiner ersten Schule begrüßte mich mit den Worten: ›Ich muss Sie dulden, aber glauben Sie nicht, dass ich Sie unterrichten lasse.‹" Eine Begründung lieferte er nicht. Erst von Dritten erfuhr sie, woher das Misstrauen rührte. Die Schule lag in einem sozialen Brennpunkt. 80 Prozent der Kinder hatten einen Migrationshintergrund. Ein Kopftuch galt hier als Zeichen der Unterdrückung der Frau. Keine Teilnahme am Schwimmunterricht, Klassenfahrtenverbot. Diese Einstellung unterstellte der Rektor auch der neuen Praktikantin. Özgür sagt, sie sei völlig perplex gewesen. Die Warnung ihrer Mutter fiel ihr wieder ein, dass das Kopftuch als Projektionsfläche für Ängste und Vorurteile herhalten müsse. Ehrenmord oder Zwangsheirat, das sind so Begriffe, mit denen Kopftuchmädchen assoziiert werden.

Es gibt muslimische Lehrerinnen, die das Kopftuch deshalb vor der Schule abnehmen. Christoph Fantini kennt solche Fälle. Der Erziehungswissenschaftler von der Uni Bremen betreut Lehramtsstudenten. Er sagt, Beschwerden wie die von Aylin Özgür hätten sich gehäuft. "Jetzt zieht hier das Mittelalter ein" oder "Wenn jemand mit Hakenkreuz-Tattoo käme, würden wir den auch nicht unterrichten lassen", das sind so Bemerkungen, die sich die Lehrerinnen in spe gefallen lassen mussten. "Individuell konnten wir das nicht mehr klären", sagt Fantini.

Um die Probleme öffentlich zu machen, gründeten Studentinnen und Dozenten die AG "Mit Kopftuch ins Lehramt". Im Semester 2014/2015 veranstalteten sie eine viel beachtete Vortragsreihe, Thema: "Religiöse Pluralität in Bildungseinrichtungen als Herausforderung im Umgang mit Heterogenität". Der Tenor der Reihe sei eindeutig gewesen, sagt Fantini: "Das Kopftuchverbot muss weg."