Eine Geschichte des erfolgreichsten in Syrien unpublizierten syrischen Erzählers geht so: Zwei Freunde unterhalten sich. Imaginiert einer ein elektronisches Lesegerät, das synästhetisch arbeitet. Toll, denkt sich der andere, dein atmosphärischer Lektüreapparat, aber den gibt es doch längst. Wie, den gibt es schon? Da deutet der Freund versonnen auf seinen Kopf. Dieser Text aus dem Jahr 1993 befindet sich auf der Website von Rafik Schami. Und weil seine Entstehung selbst schon wieder mehr als zwanzig Jahre zurückliegt, muss man sich fragen, weshalb er dort noch immer steht. Vielleicht weil auch die avanciertesten E-Book-Reader ihre Leser immer noch nicht mit allen Sinnen ansprechen können – weil sie also weder böse blicken noch ihre Stimme erheben oder köstlich duften können. All das wäre dennoch zu haben, so die Botschaft, wenn man auf Humanressourcen setzte. Doch welches deutsche Kind bekommt heute schon noch Märchen erzählt? Längst sind die Mnemotechniken der Großelterngeneration verkümmert und dem kollektiven Ablesen gewichen. Wer sich jetzt also fragt, wie es passieren konnte, dass ein 1971 exilierter Pharmakologiestudent aus Damaskus knapp fünfzehn Jahre nach seiner Ankunft in Heidelberg bereits zu einem der gefragtesten Stegreifliteraten in deutschen Stadthallen werden konnte, muss zuerst nach seiner Art des Vortrags fragen, erst dann nach dem Inhalt der Erzählung.

Immer wieder ist Rafik Schami, dem Autor so anheimelnder Titel wie Andere Märchen (1978), Eine Hand voller Sterne (1987) oder Erzähler der Nacht (1989), der Vorwurf gemacht worden, mit seinen freundlichen Geschichten und Gleichnissen aus dem Orient sämtlichen Klischees aufzusitzen. Als Orientale, hieß es, sei er selbst dem Bild verfallen, das sich der Westen vom farbenprächtigen, sinnlichen, aber eben auch irrational gewalttätigen Orient zu machen pflege. Und ja, Schami ist auch in seinem dieser Tage erscheinenden Roman Sophia oder der Anfang aller Geschichten zu blumigen Sätzen fähig, in denen es vor Flammen der Liebe unter sanftem Mondlicht, Oud spielenden Erotiksündern und schmelzenden Widerständen nur so wimmelt. Oder zu Dialogen, die einem Damaszener Arztroman entwendet scheinen: "›Ich habe heute einige Frauen beobachtet. Hätten ihre Augen Zähne, wäre nichts von dir übrig geblieben. Ich bin verliebt in dich, schöner Mann‹, sagte sie. ›Und ich? Ich habe niemand anderen angeschaut, weil du meine Augen gepachtet hast.‹"

Doch seltsamerweise stört man sich in der Gesamtanlage seiner Romane, die nun seit einigen Jahren die Märchen und Erzählungen abgelöst haben, viel weniger an derlei Sprachsüßspeisen als vermutet. Der Grund muss irgendwie im entwaffnenden Humanismus liegen, der Rafik Schami antreibt: in seinem unbeirrbaren Glauben an die Reformfähigkeit der Menschheit oder wenigstens an ihre Gabe zur Versöhnung.

Natürlich ist es leicht, Schamis Botschaften von verbotenen Lieben zwischen Mitgliedern verfeindeter Sippen und Religionsgemeinschaften zu verspotten, denn ein nihilistischer Weltzugang macht sich literarischer als ein optimistischer. Und doch rühren sie an eine ziemlich universale Übereinkunft aller Bücher produzierenden Völker: die Zuversicht, dass man durch Erzählen Unrecht denunzieren kann. Am besten funktioniert dieser Pakt mit dem Leser, wenn der Autor für das Geschriebene einsteht. Und damit kommt man dem Phänomen Schami schon einen bedeutenden Schritt näher.

Der 1946 als Sohn eines aramäischen Bäckers in Damaskus geborene Rafik Schami – ein Name, der übersetzt "Damaszener Freund" bedeutet und den Schami aus Angst vor der politischen Verfolgung seiner Familie wählte – ist Deutschlands beliebtester Wanderliterat. Jahrelang, so sagt er bei einem Treffen am Rhein, habe er die deutsche Provinz auf eigene Faust bereist, zuerst vor manchmal nicht mehr als fünf Leuten, die dann aber die Kunde vom talentierten Erzähler verbreiteten, sodass beim nächsten Besuch derselben Stadthalle in derselben westdeutschen Kleinstadt schon zwanzig Zuhörer auf Schami warteten. Inzwischen sind es Tausende, die Zeuge einer hierzulande wahrscheinlich nur noch von Eugen Drewermann beherrschten Kulturtechnik werden: des Freistilvortrags. Anders gesagt: Schami liest nicht, Schami erzählt.

Einerseits kann Rafik Schami sich auf die Tradition aus Tausendundeiner Nacht berufen, andererseits relativiert er jede Idealisierung der arabischen Vortragskunst, denn diese sei von den Diktaturen über Jahrzehnte in einer perfide um sich greifenden Angst vor übler Nachrede und Verleumdung erstickt worden. Erst auf dem Tahrir-Platz sei das Erzählen wieder zu sich selbst gekommen. Auf einmal sei laut ausgesprochen worden, was faul sei im Staate Ägypten, und die ansteckende Botschaft von einem Aufstand der Anständigen sei dank der Sozialen Medien wie ein Lauffeuer weltweit verbreitet worden. Aber auch die besten Revolutionsnarrative hätten sich inzwischen zerschlagen. Also ist Rafik Schami, der nicht nur Geschichten aus Tausendundeiner Nacht erzählt, sondern auch jetzt wieder solche von patriarchalen Clans, intrigierenden Geheimdiensten und zerrissenen Familien, eine Scheherazade im sicheren Exil. Als solche hat er das deutsche Lesepublikum langsam für die Themen der arabischen Welt geöffnet. Das Ganze vollkommen vorbei an dem, was hierzulande "der Literaturbetrieb" genannt wird.