Das Verbrechen, das später keines mehr sein soll, ereignet sich in einer kalten Winternacht. Dezember 2011, draußen nieselt es, null Grad. Nancy S. liegt unter ihrer Bettdecke, als Glas splittert. Die Scheibe der Balkontür klirrt, drei Menschen stehen an ihrem Bett, halten sie fest, drücken ihre Arme und Beine auf die Matratze. Eine Frau beugt sich über sie. Zieht eine Rasierklinge hervor, hält sie über ihr Gesicht. Dann senkt sie die Klinge und setzt an. Fünfmal.

Bis zu zehn Zentimeter lang sind die Schnitte. Das Opfer Nancy S. liegt vollkommen wehrlos da, während ihr das Gesicht zerfetzt wird.

Eine bestialische Tat. Doch obwohl die mutmaßliche Täterin schnell ermittelt wird, obwohl das Motiv auf der Hand liegt, Eifersucht, obwohl sowohl die Angeklagte wie auch das Opfer in Hamburg wohnen, kurz, obwohl alles klar zu sein scheint, wird die juristische Aufarbeitung Jahre dauern.

Der Fall der Frau mit dem aufgeschlitzten Gesicht ist einer, in dem die Angeklagte und die Zeugin die Hamburger Justiz auf eine beispiellose Art vorführen werden.

18. Mai 2015, Saal 157 im Amtsgericht Hamburg-Wandsbek. Ingo Bahrenberg, der Richter, ist ein geduldiger Mann. Er wirkt wie ein freundlicher Gastgeber, der die ersten Gäste bei Laune hält, bis die Party läuft. Er redet mit den Schöffen, bedauert den Rechtsanwalt für seine weite Anreise. Hin und wieder blickt er zur Uhr, tut so, als wäre es noch früh. Doch alle Anwesenden im Raum ahnen bereits, dass sie vergeblich warten. Mal wieder. Denn wer nicht anwesend ist, ist die Angeklagte.

Bis heute scheint es, als bliebe das Verbrechen ungesühnt

Für 9.00 Uhr war Georgia K. einbestellt, die mutmaßliche Täterin. Und für 9.30 Uhr Nancy S., das Opfer mit den vernarbten Striemen im Gesicht. Beide erscheinen nicht. Um 9.45 Uhr löst sich die kleine Runde in Saal 157 ergebnislos wieder auf.

So geht das seit drei Jahren, Georgia K. ignoriert oder sabotiert die Verhandlung. Und die Justiz scheint machtlos zu sein. Dabei hatte Nancy S. unmittelbar nach dem Gewaltverbrechen, Ende 2011, noch selbst die Polizei zur Hilfe gerufen. Die Beamten konnten damals die Hauptverdächtige schnell identifizieren: Georgia K., eine Cousine von Nancy S. Ihr Motiv soll Eifersucht gewesen sein. Nancy S., so heißt es, habe ein Verhältnis mit Georgia K.s Ehemann gehabt.

Im Februar 2013 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage. Das Amtsgericht Wandsbek setzt mehrere Verhandlungstermine an, den ersten im Juni 2013.

Doch Georgia K. ignoriert das, sie erscheint einfach nicht. So macht sie es bis heute. Und so scheint es bis heute, als würde das Verbrechen ungesühnt bleiben. Denn die Angeklagte und ihr Opfer führen die Regie, nicht die Justiz. Ingo Bahrenberg, der Richter, sieht oft aus, als wolle er aufgeben. Doch das kann er nicht – die Gesetze halten ihn davon ab. "Das ist ein Verbrechen, wir können das Verfahren nicht einfach einstellen", sagt er zu den Verteidigern, als sie sich die Wartezeit mit Small Talk vertreiben. Man merkt ihm sein Bedauern an.

Wie kann es passieren, dass ein Amtsrichter wirkt, als bedauerte er, dass er die Verhandlung eines so brutalen Gewaltverbrechens nicht einfach einstellen kann? Und wie kann es sein, dass sich eine mutmaßliche Straftäterin ihrem Prozess seit drei Jahren entzieht?

Joachim Lauenburg, der Verteidiger von Georgia K., weist das zurück. Die Verzögerungen lägen auch an Nancy S., die zu Terminen nicht erschienen sei, an Richterwechseln, an der Arbeitsüberlastung des Gerichts und an gerichtlichen Ermittlungen zum Fall. Auch habe Georgia K. in den drei Jahren "aufgrund einer Erkrankung nicht zum Termin" erscheinen können, schreibt Lauenburg. Also eine ganz gewöhnliche Justizgeschichte?

"Es ist in Hamburg äußerst ungewöhnlich, dass eine Angeklagte über drei Jahre nicht vor Gericht gestellt werden kann", sagt Nana Frombach, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Denn eigentlich ist es so: Wenn sich ein Angeklagter der Verhandlung entzieht, kann laut Strafprozessordnung Haftbefehl gegen ihn erlassen werden. Die Polizei kann ihn abholen, dann wird er bis zum nächsten Verhandlungstermin oder sogar bis zur Urteilsverkündung inhaftiert. "Normalerweise wird in Hamburg auch von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht", sagt Frombach.

Nicht so im Fall Georgia K.s. Bislang nicht.