DIE ZEIT: Herr Höfflin, Sie sind einer der Autoren der Studie Raum für Kinderspiel! im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes. Darin haben Sie und Ihre Kollegen die Spielmöglichkeiten von Kindern in ihren Wohngebieten untersucht. Ein zentrales Ergebnis ist, dass Kinder in kinderfreundlichen Stadtteilen täglich durchschnittlich fast zwei Stunden allein ohne Aufsicht draußen spielen, in kinderunfreundlichen Gebieten nur eine Viertelstunde. Was folgt aus diesem Unterschied?

Peter Höfflin: Für die Entwicklung ist es sehr wichtig, dass Kinder unbeaufsichtigt draußen spielen. Unter dem ständig wachen Blick der Eltern entfalten sich die Kinder im Spiel nicht frei. Genau dieses freie Spielen mit Gleichaltrigen hat aber einen erheblichen Effekt auf die Erziehung und Entwicklung. Ich würde den Spielraum neben Eltern und Pädagogen sogar als dritten Erzieher bezeichnen.

ZEIT: Was können Kinder sich untereinander beibringen, was Erwachsene ihnen nicht zeigen können?

Höfflin: Spielen Kinder miteinander, handeln sie kreativer, selbstbewusster und schärfen ihr Risikobewusstsein. Bestimmte Konflikte können sie außerdem nur mit Gleichaltrigen austragen.

ZEIT: Sie sagen, dass die Orte, an denen Kinder Gleichaltrige treffen und mit ihnen spielen können, immer weniger werden. Woran liegt das?

Höfflin: Dass Spielräume verloren gehen, ist ein Nebeneffekt der Stadtentwicklung. Der städtische Raum ist natürlich wertvoll. Er wird immer dichter bebaut, der Verkehr nimmt zu – zulasten der Spielflächen. Dahinter stecken Interessenkonflikte zwischen Bauplanern und Pädagogen, aber auch zwischen Erwachsenen und Kindern. Zwar sollen die Kinder draußen spielen können, aber wenn die Erwachsenen dafür Parkplätze einbüßen müssen, passt ihnen das nicht.

ZEIT: Werden Spielplätze denn wirklich immer genutzt? In Ihrer Studie haben Ihnen die Kinder ihre Spielorte gezeigt, und obwohl Sie die Begehungen an einem Wochenende und bei schönem Wetter gemacht haben, waren kaum Kinder dort. Wozu sollen Stadtplaner dann Spielräume schaffen?

Höfflin: Die Frage zielt in die falsche Richtung. Wir müssen uns fragen: Warum nutzen Kinder das Angebot nicht? Ganz offensichtlich sind die Spielplätze unattraktiv. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Auf unseren Begehungen kamen zum Beispiel Spielplätze mit großen Laufflächen besonders gut an. Die Kinder beschwerten sich zugleich, dass Spielplätze vor allem in den Innenstädten zu klein und schlecht ausgestattet seien, deshalb hätten sie keine Lust, die Plätze zu nutzen. Spielflächen müssen außerdem ein gewisses Maß an Risiko bieten. Die Kinder müssen sich ausprobieren und auch kleine Unfälle haben, um sich gesund zu entwickeln.

ZEIT: Aber wo ist da die Grenze? Die Kinder sollen sich doch nicht automatisch in Gefahr begeben, wenn sie draußen spielen.

Höfflin: Sicher muss man darauf achten, dass es nichts gibt, das Kinder ernsthaft gefährdet. Sie können viele Situationen jedoch erstaunlich gut einschätzen.

ZEIT: Auch den Verkehr?

Höfflin: Ja, auch das haben wir festgestellt, als die Kinder uns ihre Spielorte gezeigt haben. Einige Wege dahin führten über stark befahrene Straßen mit wenigen Möglichkeiten zum Überqueren. In diesen gefährlichen Situationen waren viele Kinder sehr bewusst und umsichtig. Herausforderungen haben sie mehr im Spiel gesucht, beim Balancieren auf einer Mauer oder beim Klettern auf Bäume – statt in den wirklich gefährlichen Situationen.

ZEIT: Aber ist es nicht auch verständlich, dass sich Kommunen oder Grundstücksinhaber gegen Haftungsansprüche absichern wollen, falls doch einmal etwas passiert?

Höfflin: Sicher, die Frage ist schon: Wer haftet, wenn sich das Kind die Hose zerreißt oder das Knie aufschlägt? Diese Verantwortung wollen die Planer nicht tragen. Viel wichtiger ist aber, zu fragen: Wer haftet denn, wenn sich das Kind nicht vernünftig entwickelt? Kann das Kind dann später mal jemanden verklagen, weil es sein Recht auf Spiel nicht bekommen hat?