Die Umkehr des Nein beim Referendum zu einem Ja zu Brüssel war wahrlich eine niederschmetternde Katastrophe. Genauer, es war eine Apokalypse in beiderlei Bedeutung des Begriffs – in der üblichen (Katastrophe) wie der ursprünglichen wörtlichen (Enthüllung, Offenbarung). Der grundlegende Antagonismus, die Verfahrenheit der Situation, wurde offensichtlich.

Viele linke Kommentatoren (Habermas inklusive) machen einen Fehler, wenn sie den Konflikt zwischen der EU und Griechenland als den Konflikt zwischen Technokratie und Politik interpretieren: Die Art und Weise, wie die EU Griechenland behandelt, zeugt nicht von Technokratie, sondern von Politik in Reinform, von einer Politik, die sogar wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft (was vom IWF, einem wahren Repräsentanten kalter ökonomischer Rationalität, deutlich gemacht wurde, als man erklärte, der Sanierungsplan sei undurchführbar). Wenn überhaupt, dann stand Griechenland für ökonomische Rationalität und die EU für politideologische Passion.

Nachdem die griechischen Banken und die Börse wieder geöffnet hatten, gab es eine ungeheure Kapitalflucht und einen Kursrückgang, die in erster Linie nicht das Misstrauen gegenüber der Syriza-Regierung bezeugten, sondern das Misstrauen gegenüber den von der EU erzwungenen Maßnahmen – die deutliche, brutale Botschaft, dass das Kapital selbst (wie wir das heute animistisch zu formulieren pflegen) nicht an den Sanierungsplan der EU glaubt. Übrigens geht der Großteil des Geldes, das Griechenland bekommt, an die westlichen Privatbanken – was bedeutet, dass Deutschland und andere EU-Supermächte Steuergelder einsetzen, um ihre eigenen Banken zu retten, die den Fehler gemacht haben, faule Kredite zu gewähren. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Deutschland enorm von der Flucht griechischen Kapitals nach Deutschland profitiert hat.

Als Varoufakis sein Votum gegen die von Brüssel verlangten Maßnahmen begründete, verglich er das Abkommen mit dem Versailler Vertrag, der ungerecht war und den Keim eines neuen Kriegs in sich trug. Auch wenn diese Parallele richtig ist, ziehe ich eine andere vor: die zum Vertrag von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und Deutschland Anfang 1918. Zum Entsetzen vieler ihrer Anhänger gab die bolschewistische Regierung den ungeheuerlichen deutschen Forderungen nach – damit wich sie zwar zurück, aber das verschaffte ihr auch eine Atempause, um Kräfte zu sammeln und abzuwarten. Das Gleiche gilt heute für Griechenland. Der griechische Rückzug ist nicht das letzte Wort – denn die Krise wird wieder zuschlagen, und das nicht nur in Griechenland. Die Aufgabe der Syriza-Regierung ist, sich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Unter diesen unmöglichen Bedingungen die politische Macht zu halten eröffnet auch einen winzigen Spielraum, um die Grundlagen für künftiges Agieren und politische Lehren zu legen.

Darin besteht das Paradoxe der Situation: Obwohl der Sanierungsplan nicht funktionieren wird, sollte man nicht die Nerven verlieren und aussteigen, sondern ihn bis zur nächsten Explosion befolgen. Warum? Weil Griechenland auf den Grexit offenkundig nicht vorbereitet ist. Bislang operierte die Syriza-Regierung, ohne den Staatsapparat mit seinen zwei Millionen Beschäftigten wirklich zu kontrollieren: Polizei und Justiz gehören mehrheitlich zur politischen Rechten, die Verwaltung ist wesentlicher Teil der korrupten Klientelmaschine et cetera. Auf genau diese gewaltige Staatsmaschinerie müsste man sich aber bei der Herkulesaufgabe eines Grexit verlassen. Wir sollten zudem nicht vergessen, dass der Grexit ein Plan des Gegners war – es gibt sogar Gerüchte, Schäuble habe Griechenland 50 Milliarden Euro geboten, wenn es die Euro-Zone verlassen verlasse. Was es der Syriza-Regierung so schwer macht, ist just die Tatsache, dass sie die Regierung eines Landes innerhalb der Euro-Zone ist. Wer würde sich schon für die Macht in einem kleinen Land interessieren, dessen Währung die Drachme ist.

Welcher Spielraum bleibt der Syriza-Regierung, wenn sie darauf beschränkt wird, die Politik ihrer Gegner umzusetzen? Sollte sie zurücktreten und Neuwahlen ansetzen, statt die Politik auszuführen, die dem eigenen Programm zuwiderläuft? Solch ein Schritt wäre zu einfach. Wie Étienne Balibar ausgeführt hat, muss Syriza vor allem Zeit gewinnen, und die europäischen Mächte tun alles, um Syriza die Zeit zu nehmen. Zeit wofür?

Nicht allein für die Vorbereitung auf die nächste Krise. Wir sollten im Kopf behalten, dass die Hauptaufgabe der Syriza-Regierung die radikale Neuorganisation der korrupten Institutionen Griechenlands ist. Sie muss interne Strukturen erneuern, während sie unter dem Sperrfeuer externer Institutionen steht, wie das Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter französischer Besetzung tat.

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Das Problem, dem sich Griechenland jetzt gegenübersieht, ist die harte Realität dessen, was es bedeutet, wenn die radikale Linke in der Welt des globalen Kapitals regiert. Die Syriza-Regierung ist ein Regierungs-Ereignis, insofern sie als erste westliche radikale Linke (die keine herkömmliche kommunistische Partei ist) die Staatsmacht übernommen hat. Die gesamte bei der Neuen Linken so beliebte Rhetorik der Distanz zum Staat muss über Bord geworfen werden: Man muss heldenhaft die Verantwortung für das Wohlergehen des Volkes übernehmen und die basislinke "kritische" Haltung hinter sich lassen, eine perverse Befriedigung in ausgefeilten Erklärungen dafür zu finden, dass die Dinge den falschen Verlauf nehmen mussten.