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Ein Funken kann einen Steppenbrand erzeugen. Mao Zedong hatte das Sprichwort im Jahr 1930 zitiert, 19 Jahre bevor die KP die Macht in China ergriff. Ein Funken setzte am Mittwoch vergangener Woche in Binhai, einem Stadtteil von Tianjin, eine Folge gewaltiger Brände und Explosionen in Gang. Die Stadt ist die fünftgrößte des Landes, 30 Schnellzugminuten von Peking am Meer gelegen. Was wird der Funken am Ende in der Hauptstadt auslösen?

Keiner kann derzeit mit Sicherheit sagen, wie es zu dem Brand im Lagerhaus der Firma Rui Hai International Logistics kam. Fest steht jedenfalls, dass die Hafenfeuerwehr von Binhai gegen 22.50 Uhr den Auftrag erhält, ihn zu löschen.

Die vierte und fünfte Kompanie springt in die Löschwagen, unter den Feuerwehrleuten befindet sich der 20-jährige Lei Chi. Auf einem Foto sieht sein Gesicht weich und freundlich aus, seine Tante wird später am Telefon sagen, er sei lustig gewesen, habe gerne Witze gemacht. Und wann immer sie ihn gedrängt habe, sich eine Freundin zu suchen, habe er geantwortet: Dafür bin ich doch viel zu jung! Lei ist wie die meisten seiner Gruppe kein ausgebildeter Feuerwehrmann, sondern nur eine Hilfskraft. Von Brandbekämpfung versteht er wenig, normalerweise ist er mit Reinigungsarbeiten betraut.

Die Feuerwehrleute richten ihre Wasserkanonen auf die Lagerhalle. Sie wissen ja nicht, dass auf dem Gelände auch solche Chemikalien lagern, die sehr heftig mit Wasser reagieren.

Minuten später erschüttern zwei gewaltige Explosionen die Stadt. Sie reißen einen enormen Krater in den Boden, später werden Staatsmedien schreiben, zusammen hätten die Detonationen die Kraft von 53 einschlagenden Tomahawk-Raketen entwickelt. Die Druckwelle breitet sich aus, die Fenster in den Hochhäusern im Umkreis von drei Kilometern zerbersten, Scherbenstücke fliegen Geschossen gleich umher, verletzen Menschen, die in ihren Zimmern schlafen, essen, streiten, sich lieben. Am Himmel breitet sich ein gigantischer Rauchpilz aus.

Knapp eine Woche später werden die Behörden 114 Tote melden und 70 Menschen als vermisst, unter ihnen der 20-jährige Lei Chi.

Ob das Wasser aus den Feuerwehrschläuchen der Auslöser der Katastrophe war, ist derzeit nicht sicher. Die Existenz gewisser Chemikalien, die sich im Lager befunden haben sollen, macht es zumindest wahrscheinlich. Das Calciumkarbid zum Beispiel. Wird es feucht, entsteht das entzündliche Acetylen, das auch als Schweißgas bekannt ist. Auch Natriumcyanid, ebenfalls in Binhai gelagert, setzt unter Umständen ein entzündliches Gas frei, wenn es mit Wasser in Berührung kommt.

Die enorme Kraft der Detonation spricht aber dafür, dass noch ein anderer dort gelagerter Stoff beteiligt war: Ammoniumnitrat, eine Substanz, die zur Herstellung von Sprengstoff verwendet wird und mit ungeheurer Gewalt explodieren kann.

Darüber hinaus befand sich in Binhai Kaliumnitrat, also Salpeter. An und für sich kein Explosivstoff, er kann aber in Verbindung mit anderen Chemikalien ebenfalls Sprengkraft entwickeln – wer weiß, was noch alles im Brandgebiet aufbewahrt wurde, ein hoher Beamter spricht von 40 gefährlichen Substanzen, insgesamt 3000 Tonnen.

Am Tag nach der Katastrophe reist der Journalist He Xiaoxin auf eigene Faust an den Unfallort, im Wissen, dass er das, was er dort sehen wird, nie in einer Zeitung schreiben darf. Es gelingt ihm, in den abgesperrten Sicherheitsbereich einzudringen. Die Fotos, die er macht, sehen aus, als stammten sie aus einem Kriegsgebiet. Verkohlte Wohnblocks. Parkende Autos, kilometerweit, bis auf ihr Stahlskelett ausgebrannt. "Sie sahen aus wie Dämonen, die geradewegs aus der Hölle gekrochen sind", schreibt He. Er habe nur ein einziges Wort denken können: "Tschernobyl." Seine Fotos sind nur kurze Zeit im chinesischen Internet zu sehen, dann werden sie gelöscht.