Mit den Explosionen ist die Katastrophe nicht zu Ende. Denn das Natriumcyanid hat seine teuflische Rolle noch nicht ausgespielt. Das Gas, das es freisetzt, ist der hochgiftige Cyanwasserstoff, dessen wässrige Lösung die berüchtigte Blausäure ist. Möglich, dass die Feuerwehr mit dem Löschwasser einen Teil des gasförmigen Cyanwasserstoffs als Blausäure fixierte, sodass diese anschließend in den Boden und womöglich ins Grundwasser dringen konnte.

Das freigesetzte Gift ist das gleiche wie im Zyklon B der Nazis

In der Luft halten sich solche Cyanidgifte nicht lange, aber im Boden kann es Hunderte von Jahren dauern, bis sie abgebaut sind. Während dieser Zeit werden immer wieder Substanzen freigesetzt, die Menschen, Tiere und Pflanzen gefährden können. Welche Verbindungen genau, in welchen Mengen und wann – das weiß zurzeit niemand; alles hängt vom Verlauf der Explosionen und Brände ab, von der Zusammensetzung des Chemiecocktails, von der Bodenbeschaffenheit und von den Wassermengen.

Sicher ist: Cyanwasserstoff tötet. Bisherige Unfälle mit dem Gift rafften in anderen Ländern schon Tausende Vögel und Fische dahin. Auch die tödliche Dosis für den Menschen ist gering. Gerät Cyanwasserstoff in den menschlichen Körper, blockiert er die Sauerstoffabgabe des Blutes an das durchströmte Gewebe, Toxikologen sprechen von "innerer Erstickung". Die Nazis ermordeten mit Cyanwasserstoff unter dem Namen Zyklon B ihre Opfer in den Vernichtungslagern.

Offiziellen Informationen zufolge wurden bereits erhöhte Cyanidmengen in Binhai gemessen. Die Behörden lassen die Unfallstelle im Umkreis von drei Kilometern evakuieren. Sie blockieren die Abwässerkanäle. Regenwolken werden mit Silberiodid beschossen, weil Experten befürchten, das Gift könne sich mit ihnen weiter ausbreiten – lieber soll es an definierten Orten abregnen. Die Beamten versichern, "nur kleine Mengen" seien freigesetzt worden, Luft und Wasser außerhalb der Zone seien sicher.

Katastrophen wie diese sind ein tiefer Einschnitt in das Seelenleben derer, die sie erleben. Zu ihnen gehört der Rentner Li. Als die Explosion die Nacht in Binhai zerreißt, spürt er eine gewaltige Erschütterung, wie er später am Telefon erzählt. Li liegt zu diesem Zeitpunkt gerade im Bett eines Fünfsternehotels, nur etwa eine halbe Autostunde vom Unfallort entfernt; sein Sohn hat ihn dort einquartiert, weil die Wohnung, die er dem Vater gekauft hat, gerade renoviert wird. Seit Sonntag, sagt Herr Li, nehme er in seinem Hotelzimmer einen eigenartigen Geruch wahr. Irgendwie sauer. Er habe das Fenster nicht einmal geöffnet, der Gestank komme auch so herein.

Herr Li hustet jetzt oft. Was er noch nicht weiß: In Binhai lagerte auch das Atemgift TDI.

Die Angestellten des Hotels haben ihm erzählt, sie dürften die Explosion in Gegenwart der Gäste nicht erwähnen. Anweisung von oben. Spreche sie jemand auf den Geruch an, sollen sie sagen, das liege an den Toiletten. "Spülen Sie doch bitte mal nach."

Vor die Tür geht Herr Li sicherheitshalber nicht, das Essen lässt er sich von einem Lieferservice bringen. Die Lieferanten klagen über Halsweh. Alle Beamten, sagt Herr Li, hätten die Anweisung erhalten, Binhai nicht zu verlassen. Morgens sieht er sie zur Arbeit gehen, sie tragen Sonnenbrillen, Atemmasken und trotz der Hitze Hemden mit langen Ärmeln. Herr Li glaubt nicht an die offizielle Zahl der Todesopfer, seiner Ansicht nach muss es mehr als tausend Tote gegeben haben. "Um elf Uhr nachts waren doch alle daheim. Und hier leben sehr viele Menschen."

Herr Meng wohnt etwas weiter weg, rund 50 Kilometer von der Unfallstelle entfernt. Die Menschen in Tianjin, sagt er am Telefon, hätten keine Angst. "Sie schauen die Staatsnachrichten, außerdem bläst der Wind in Richtung Meer." Er selbst trinkt noch immer das Wasser aus dem Hahn. "Ist denn das abgefüllte Wasser etwa sicherer? Ich glaube eh keinem, weder der Regierung noch den Medien."

Die Behörden kämpfen jetzt an zwei Fronten. Sie müssen das Ausmaß der Katastrophe begrenzen. Und ihre Auswirkungen auf das Bewusstsein der chinesischen Bürger. Am Tag nach der Explosion überträgt das lokale Fernsehen koreanische Serien und patriotische Trickfilmserien. Der freie Autor Wang Wusi schreibt in einem Artikel im Netz, der bald darauf wieder gelöscht wird: "Die ganze Welt schaut nach Tianjin, Tianjin schaut Comicserien." Tianjin, schreibt Wang, sei "eine Stadt ohne Nachrichten".

Propagandabeamte bedrängen die Medien, Berichte "nur noch von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua und von autorisierten Medieneinheiten" zu übernehmen. Am Samstag gibt Chinas Internetbehörde bekannt, sie habe 50 Websites dichtgemacht oder vorübergehend gesperrt, die Gerüchte verbreitet hätten. Gleichzeitig löscht sie Hunderte Nutzerkonten in Sozialen Netzwerken, darunter auch die Konten bekannter Blogger, die "Panik gesät" hätten, "indem sie die Explosionen mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki verglichen haben". Die Polizei in Tianjin verkündet die Festnahme eines 18-Jährigen, der im Netz die Zahl der Todesopfer mit 1.300 angegeben hat. Er muss fünf Tage in Haft. Laut Fu King-wa, Journalistikprofessor an der Universität von Hongkong, die einen Zensurtracker namens Weiboscope entwickelt hat, wurde das Ausmaß der Zensurmaßnahmen verzehnfacht.

Noch immer fehlen elementare Informationen über die Katastrophe. Wie konnte sie geschehen? Wer ist verantwortlich?

Die Website der Firma Rui Hai International Logistics, der das Lagerhaus gehörte, ist gelöscht. Die Nachrichtenagentur Xinhua schreibt, dort habe gestanden, dass sich Rui Hai der Lagerung und Verteilung gefährlicher Güter am Hafen von Tianjin widme. Die vier Jahre alte Firma verfügte über zwei Lagerräume für gefährliche Waren, eines befand sich direkt neben einem Bürogebäude. Die Pekinger Nachrichten berichten am Montag in einem Artikel, der allerdings wenig später wieder gelöscht wird, einer der Aktionäre trage den Namen Dong, sein Vater sei der frühere Polizeichef von Tianjin, der kürzlich verstorben sei. Ein gewisser Herr Li halte weitere 55 Prozent der Aktien, ein gewisser Beamter namens Shu den Rest. Ebendieser sagt wiederum der Finanzwebsite Prism, er habe nichts mit den Geschäften der Firma zu tun. Er habe einfach nur einem Freund seinen Personalausweis geliehen. Diese Undurchschaubarkeit ist schon selbst eine Nachricht. Die Lagerung gefährlicher Stoffe verbietet eigentlich jede Intransparenz.