Ob Europas Grexit-Drama oder der Kursrutsch an den chinesischen Börsen, die jüngsten wirtschaftlichen Turbulenzen verbindet ein Problem: niedrige Produktivität. Die vergleichsweise geringe Effizienz, mit der Unternehmen Arbeit und Kapital in Güter und Dienstleistungen umwandeln, verbannt Griechenland regelmäßig ans Ende globaler Wettbewerbsrankings, und die gleichen Faktoren könnten Chinas Aufstieg als Wirtschaftssupermacht bremsen.

Weltweit ist das Produktivitätswachstum auf dem tiefsten Stand seit der Jahrtausendwende abgesackt. Zur Erklärung deuten viele auf den langen Schatten der letzten Wirtschaftskrise, auf versäumte Investitionen und vergeudetes Talent. Doch ein tieferer Wandel ist im Gange. Globalisierung, technischer Fortschritt und ein einzigartiger demografischer Boom, die großen Antriebskräfte der neunziger und nuller Jahre, haben sich abgenutzt.

Vor der Krise wuchs der Welthandel fast doppelt so schnell wie das globale Pro-Kopf-Einkommen. Das trieb auch die für die Entwicklung so wichtige Verbreitung von Technologie rasant voran. Das Wachstumspotenzial der sogenannten Schwellenländer stieg dadurch in den Jahren vor der Krise auf sagenhafte 7,4 Prozent an. Heute wächst der Handel nur noch halb so stark und zieht das Wachstum mit nach unten.

Der Rückgang des Handels und die Entschleunigung technologischer Angleichung stellen Länder wie China vor große Probleme. Der Ruf von Premier Li Keqiang nach einer globalen Industriepolitik, die westliches Know-how und chinesische Produktionskapazitäten verbindet, ist nur eine von vielen Reaktionen, um die Effizienz von Chinas Wirtschaft anzukurbeln.

Und es drohen weitere Gefahren. Der Aufstieg Chinas wurde durch einen breiten Strom armer Landarbeiter in die Städte ermöglicht. Dieser Strom nimmt stetig ab. Die durch Chinas Ein-Kind-Politik verstärkte Verknappung der Arbeitskräfte wird die Löhne nach oben drücken – aber auch die Belastungen durch die Renten der alternden Gesellschaft. China wird produktiver werden müssen, um seinen Aufstieg fortzusetzen.

Die Volksrepublik ist aber nicht das einzige Land mit einer alternden Gesellschaft. Kommen in Europa heute vier potenziell Erwerbstätige auf einen im Rentenalter, sind es 2050 nur noch zwei. Vor diesem Hintergrund ist die Angst vor einer fortschreitenden Automatisierung der Arbeitswelt übertrieben: In alternden Gesellschaften ist diese unausweichlich, wenn der Wohlstand weiter zunehmen soll.

Niedrigzinspolitik und massive staatliche Investitionen konnten in der Weltwirtschaftskrise das Schlimmste abwenden. Heute reicht das globale Wachstum wieder an das Niveau vor 2007 heran. Bildlich gesprochen, ist das Boot nicht gesunken, doch um auf Kurs zu kommen, müssen wir uns mit dem auseinandersetzen, was einst das Wachstum angetrieben hat: der an ihre Grenzen stoßenden Globalisierung, einem damit verbundenen lahmenden technischen Fortschritt und dem Ende einer einzigartigen demografischen Dividende. Den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft muss mit einer höheren Arbeitsmarktbeteiligung, einer besseren Bildungsqualität und einer intelligenteren Einwanderungspolitik begegnet werden. Am wichtigsten jedoch ist die Förderung von Innovation. Die ist nicht nur der Schlüssel zu mehr Produktivität, sondern kann auch zur Lösung vieler globaler Herausforderungen beitragen.

Doch was treibt Innovation? Darüber wird heute wieder leidenschaftlich gestritten. Ökonomen wie der Nobelpreisträger Edmund Phelps beispielsweise preisen den Unternehmergeist und warnen vor staatlichen Eingriffen. Ganz anders die junge Ökonomin Mariana Mazzucato, die betont, dass wichtige Innovationen oft erst durch den Staat ermöglicht werden. Alles, was das Smartphone "smart" macht, sagt die Professorin, die an der Sussex-Universität lehrt, basiere auf Ergebnissen der öffentlichen Forschung: von Internet und GPS bis hin zu den Algorithmen hinter dem Sprachassistenten Siri.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Letztlich geht es also um das komplexe Zusammenspiel beider Akteure. Oder wie Harvard-Professor Ricardo Hausmann schreibt: "Staaten aufzufordern, Unternehmen aus dem Weg zu gehen, ist wie Fluglotsen aufzufordern, Piloten aus dem Weg zu gehen." Um zusammen zu funktionieren, gemeinsam innovativ zu sein, braucht es Vertrauen; ein knappes Gut in Zeiten von Spähattacken und gesellschaftlicher Polarisierung.

Vertrauen ist auch auf globaler Ebene der Schlüssel zu mehr Innovation. Handelsliberalisierungen haben ihr Potenzial weitgehend ausgereizt. Jetzt kommt es darauf an, dass Unternehmen und Institutionen nicht nur die Fertigung, sondern auch Forschung und Entwicklung globalisieren. Das birgt nicht nur bei Bildung und Infrastruktur neue Herausforderungen, sondern auch in Bezug auf die Bekämpfung von Korruption, auf Rechtssicherheit und den Schutz geistigen Eigentums.

Die Energie, mit der Forscher und Unternehmer an neuen Lösungen und Technologien feilen, ist beeindruckender denn je. Für Wachstum und gesellschaftlichen Fortschritt bedarf es aber mehr. Wir brauchen neue Formen der Zusammenarbeit über Grenzen von Unternehmen, Sektoren und Staaten hinweg, bei denen nicht Profit, sondern Produktivität im Zentrum steht.