Wir fahren mit dem Tandem durch Graz, die Heimatstadt des Schriftstellers Clemens Setz. Eben haben wir die Mur überquert, da zeigt Setz auf ein Gebäude: den örtlichen Swingerclub. Es erinnert ihn daran, wie er einmal tagsüber in Wien einen Swingerclub besichtigt hat, dessen Besitzer ihm einen Raum zeigte, in dem an der Wand lauter Steckdosen in Zweierreihen übereinander angebracht waren. Der Besitzer sagte nur: "Hier sind unsere Steckdosen." Setz, der das Tandem lenkt, dreht sich kurz um und sagt enttäuscht: "Ich hab das leider so abgenickt, statt zu fragen: Wofür?"

In seinem neuen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre sagt Natalie, die Hauptfigur mit unkonventionellem Sexualhabitus: "Es gibt mehr Dinge zwischen Mensch und Mensch als zwischen Himmel und Hölle." Und weil in diesem Roman unzählige Apps als Erweiterungen des menschlichen Organismus eine Rolle spielen, muss man ergänzen: und zwischen Mensch und Maschine.

Er, Setz, habe dann Kathrin Passig von den Steckdosen erzählt. Ob sie eine Erklärung wisse? Kathrin Passig fiel der Magic Wand, der leistungsstärkste Vibrator von Hitachi, ein. Mit ihm sei sie einmal über 20-mal in Folge zum Orgasmus gekommen (das lässt sich im Blog Techniktagebuch nachlesen). Der Stromverbrauch des Magic Wand ist allerdings so hoch, dass er nicht mit Batterien läuft, sondern ans Stromnetz muss. Aber geht man wirklich in einen Swingerclub, um seinen Magic Wand einzustöpseln?

Als Beifahrer auf einem Tandem braucht man Vertrauen in den Steuermann. Er könne, sagt Setz, sogar freihändig damit fahren. Weil seine Freundin fast vollständig blind ist, ist das Tandem ihr ideales Fortbewegungsmittel. Blindheit ist das Fehlen eines Sinnes. Die anderen Sinne, sagt Setz, seien dafür umso schärfer ausgebildet. Die Frage der Wahrnehmung spielt in Setz’ Werk eine wichtige Rolle. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Hölle, als es unsere Wahrnehmungskonventionen vorgesehen haben. Setz selbst ist Synästhetiker. Das heißt, für ihn haben Worte eine bestimmte Farbe. Die Art, wie wir die Welt in unserem Geist konstruieren, ändert sich dadurch. Generell wird die Vorstellung, dass es eine objektive äußere Wirklichkeit gibt, die einfach nur im Gehirn abgebildet wird, dadurch erschüttert. Wirklichkeit, auch die materielle, ist eine Konstruktionsleistung, das Bewusstsein kein Spiegel, sondern ein Konstruktionsorgan. Die Stunde zwischen Frau und Gitarre ist ein konstruktivistischer Roman.

Clemens Setz erzählt uns von seinen Netzhautproblemen. Dadurch komme es bei ihm immer wieder zu einem Gesichtsfeldausfall, und die Lücke werde dann von einer Farbe gefüllt, die es nirgends in der Natur gebe: "Es ist eine reine Gehirnfarbe." Auch Natalie hat diese synästhetische Begabung. "Luke" sei für sie "ein kühlblaues, münzgroßes Wort". "Tirade" hingegen sei "gelb und narrenkappig, eine dunkle, stofflose Bedrohung geht davon aus". Natalie treibt die Kategorienverschiebung so weit, dass das Verhältnis zwischen Zeichen, Bedeutung und Referenz ganz neue Kausalitäten hervorbringt: "Das Wort Molch war so dunkel, feucht und höhlig, dass es im Grunde eine genaue Vorstellung des Habitats jenes Wesens auslöste, das es selbst bezeichnete. In Molch hätten ohne weiteres Molche einziehen und leben können."

Clemens Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Mathematik und Germanistik. Seit er 2008 beim Bachmann-Wettbewerb den Ernst-Willner-Preis gewann, ist er vom Erfolg verwöhnt. Mit dem Erzählungsband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes gewann er 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse. Die Romane Die Frequenzen (2009) und Indigo (2012) schafften es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Am Morgen unseres Besuchs erhält Setz die Nachricht, dass sein neuer Roman auf der Longlist steht.

Es ist, man kann es nicht anders sagen, ein irrsinniger Roman, und das nicht nur, weil seine Hauptfigur Natalie in einem betreuten Wohnheim arbeitet, dessen Klienten, wie es hier heißt, denn man spricht selbstverständlich nicht mehr von geistig Behinderten, nicht ganz knusper sind. Auch alle anderen Figuren sind rechte Borderliner. Der Roman, auf dessen gut 1000 Seiten Stephen King eine untergründige Rolle spielt, hat die Paranoiastruktur eines Thrillers. Alle Figuren erzeugen fortlaufend ihre eigene Wirklichkeit, sodass eine 360-Grad-Dauerbedrohung entsteht wie bei einem Computerspiel, das die sich bekämpfenden Mitspieler stets in ihrem eigenen Sinne umprogrammieren. Und obwohl der Roman alles andere als leicht zu entschlüsseln ist, zweifelt der Leser nicht daran, dass der Irrsinn Methode hat.