Die Stunde zwischen Frau und Gitarre ist nicht nur ein konstruktivistischer Roman, in dem alle Figuren ihre Eigenwelten produzieren, es ist auch ein radikal postpsychologischer Roman. Der Kummer, die Schmerzen, die Traumata sind nichts mehr, was psychoanalytisch erinnert und durchgearbeitet würde, stattdessen werden sie durch Kommunikationstechnologien in Schach gehalten – oder durch unheimliche Arrangements, in denen sich zwei Pathologien gegenseitig ausbalancieren wie bei Hollberg und Dorm. In diesem Roman ist Psychologie eine illusionäre Sackgasse, stattdessen geht es für die Figuren um den direkten Weg in die Neurophysiologie. Und weil die Neuronen, das wissen wir aus der Gehirnforschung, bekanntlich keine Inhalte transportieren, sondern entweder feuern oder nicht feuern, spielt die Ausschaltung von Semantik eine so zentrale Rolle.

Vor einigen Monaten hat Clemens Setz in der Süddeutschen Zeitung über ein Phänomen geschrieben, von dem bis dahin die meisten Leser noch nie etwas gehört hatten: ASMR. Wer für ASMR empfänglich ist, der empfindet bei bestimmten Geräuschen ein starkes Wohlgefühl. Seine erste ASMR-Erfahrung, erzählt uns Setz nun, habe er als Fünfjähriger gehabt. In einer Radiosendung habe ein Instrumentenbauer gezeigt, wie er eine Gitarre stimmt: "Man hörte das Knarren des Holzes. Ich saß auf dem Teppich neben dem Radio und hatte einen Serotonin- und Dopaminschub. Ich dachte nur: Wow, ich will mehr davon!"

Das Entscheidende bei ASMR ist, dass das Belohnungszentrum im Gehirn ohne Umweg über Inhalte direkt stimuliert wird. Auch Natalie ist ASMR-Connaisseur. Das angenehme Knarren einer Lederjacke oder das zarte Geräusch, wenn eine Bluse gefaltet wird, lösen bei ihr ASMR-Entladungen aus.

Und was heißt dann Liebe in Zeiten postpsychologischer Neurophysiologie? Als Natalie noch mit Markus zusammen war, erfanden sie sich Privatsprachen. Am meisten mochten sie das Non-sequitur-Spiel. Ziel ist eine Wechselrede, bei der jede neue Dialogzeile nicht durch den vorangehenden Satz motiviert ist. Natalie und Markus sind sich nie näher, als wenn sie sich in ihren "Non-Sequ-Talk" eingrooven. Der Nonsens ist die Befreiung: Erst wenn man sich von der Wirklichkeitsreferenz löst, kann man seine eigene Welt erfinden.

An diesem Punkt sind wir wieder bei der Hollberg-Dorm-Natalie-Geschichte. Denn der Nonsens ist nur die freundliche Seite des gekappten Realitätsbezugs. Die dunkle Seite ist die Manipulation. Wenn Natalie nachts den Männern einen bläst, erzählt sie gerne wirre Sachen. Sie sagt zum Beispiel zu einem Kerl, dass gerade Allergiezeit sei, weshalb ihre Mundwinkel ständig einrissen, er solle sich also bitte nicht wundern, wenn gleich Blut fließe. Dann heißt es: "Er lachte los, sie hatte ihn geknackt, es war zu viel für ihn gewesen." Entgegen der feministischen Intuition hat also Natalie das Kommando in der Hand, wenn sie den Schwanz eines Unbekannten im Mund hat.

Doch das sieht im Verhältnis zu Hollberg ganz anders aus. Hollberg füttert sie mit Geschichten, und irgendwann hat Natalie den Verdacht, dass Hollberg bewusst mit "luminous details" arbeite (ein Begriff, von dem ihr Markus, ein leidenschaftlicher John-Updike-Leser, erzählt hat), damit sich Geschichten wie Viren in ihrem Kopf einnisten. Der angeblich blutige Vogel in der Küche der Hollbergs wäre dann so ein luminous detail, mit dem Hollberg versucht, das Bewusstsein von Natalie zu manipulieren. So schichtet der Roman das, was man früher "kranke Fantasien" genannt hätte, so übereinander, dass nicht mehr klar ist, wer hier wen manipuliert und wer in welchem "Arrangement" lebt.

Mittlerweile haben wir mit dem Tandem den Zentralfriedhof von Graz erreicht. Setz zeigt auf eine Holzwand, an der man noch die Reißzwecken sehen kann, mit denen ein Unbekannter Briefe von Spendenorganisationen an die Wand geheftet hat, die nur gemeinsam hatten, dass sie an Menschen mit dem Familiennamen Roth adressiert waren. Welcher Irre das ins Werk gesetzt hat und wie er an all diese Briefe gekommen ist – auch das ist weird.

Wie dieser geniale Roman. Natürlich hätte es ihm gutgetan, ein wenig kürzer zu sein. Aber auch das gehört zu seinem obsessiven Charakter. Er hat das Zeug dazu, zu einem Kultroman zu werden. Im Netz wird sich eine Community finden, die all ihren hermeneutischen Scharfsinn aufbringt, um die schwindelerregenden Bedeutungseffekte zu entschlüsseln wie bei einem Pynchon-Roman. Und trotz seiner Dunkelheiten wird er uns alle faszinieren, denn er ist beides in einem: freakig und extrem zeitgenössisch.