Neulich entdeckte ich in der Drogerie eine Creme von Garnier, die folgende Wirkung versprach: "Zeichen der Müdigkeit verschwinden – schon nach einer Nacht". Über diesen Satz habe ich lange nachgedacht und wollte ihn nun wissenschaftlich überprüfen. Ich habe mir also diese Creme gekauft und sie abends vor dem Einschlafen aufgetragen. Als ich morgens erwachte, waren die Zeichen der Müdigkeit tatsächlich verschwunden. Ich fühlte mich munter, hüpfte unter die Dusche und sang ein fröhliches Lied. Nein, definitiv keine Zeichen von Müdigkeit mehr.

Als guter Wissenschaftler machte ich jedoch einen zweiten Test: Am nächsten Abend, als die Müdigkeit wieder da war, ging ich einfach so zu Bett – ohne die Creme. Und siehe da, als mich am nächsten Morgen die goldenen Strahlen der Sonne und das Gezwitscher der Vögelein sanft aus dem Schlummer weckten, waren die Zeichen der Müdigkeit ebenfalls verschwunden. Ganz von allein! Ohne die Creme. Und nur nach einer Nacht! Wie das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Also beschloss ich, einen letzten Test zu machen. Abends schmierte ich mir die Creme ins Gesicht, beschloss aber, bis zum Morgengrauen wach zu bleiben. Das Privatfernsehen ließ mich bis weit nach Mitternacht durchhalten, danach trank ich Kaffee, und gegen vier Uhr wurde es echt hart. Doch ich hielt durch. Als ich am Morgen in den Spiegel blickte, sah ich aus wie ein Zombie aus dem Nachtprogramm von Tele 5: unrasiert, Ringe unter den geröteten Augen, die Haare durcheinander und insgesamt leicht verschwitzt. Zeichen der Müdigkeit, ganz eindeutig. Trotz der Creme. Und schon nach einer Nacht.

Mit letzter Kraft warf ich die Creme-Reste in den Müll, nahm einen Tag frei und legte mich ins Bett.