Die übliche Erklärung dafür, dass Donald Trump derzeit als Präsidentschaftskandidat unter den Republikanern in den Meinungsumfragen führt, ist so einfach wie bestechend: Die Republikaner sind allesamt Idioten.

Das mag sein. Der eigentliche Grund, warum so viele meiner amerikanischen Landsleute von Trump fasziniert sind, ist aber ein anderer: Dieser Mann ist der Ur-Amerikaner unter den Kandidaten.

Seit Amerika existiert, gibt es durchgeknallte Präsidentschaftsbewerber. Henry B. Krajewski zum Beispiel kandidierte in den 1960ern und trat grundsätzlich mit einem Schwein unterm Arm auf. Das Schwein, so sagte er, "quiekt für die Gerechtigkeit".

Wer verstehen will, warum wir Amerikaner auf Typen wie Trump abfahren, muss wissen, dass wir tief im Herzen unsere Regierung in Washington hassen. Wir sind nämlich keine kohärente Nation mit einer gemeinsamen Identität wie Deutschland, sondern eine Föderation aus 50 halb souveränen Bundesstaaten unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Prägung.

Das Problem: Erlässt die föderale Regierung in Washington ein Gesetz, gilt dies für alle Bundesstaaten gleichermaßen. Mit der Folge, dass sich immer irgendjemand von ihnen zu etwas gezwungen fühlt – das ist ein bisschen so wie mit Europa und Brüssel. Die Mehrzahl der Wähler im hochreligiösen Bundesstaat Texas will beispielsweise die Abtreibung verbieten, doch die Gesetzgebung zwingt sie, Schwangerschaftsabbrüche zu tolerieren. So fühlen sich die Texaner von einer übermächtigen, weit entfernten Bande gott- und rückgratloser Intriganten in Washington unterdrückt.

"Unterdrückt" ist keine Übertreibung, denn der Mythos Washington verschmilzt in der amerikanischen Wahrnehmung mit unserem Gründungsmythos: Im Jahr 1776 haben wir uns vom englischen König befreit, einem Tyrannen, der uns aus der Ferne unterdrückte: von nichts eine Ahnung, aber auf alles Steuern erheben. Washington ist zu einer Art England-Ersatz mutiert. Und deshalb mögen wir es, ein unerschrockenes Greenhorn dorthin zu schicken, das endlich mit dem ganzen verdorbenen Pack aufräumt.

Während die Deutschen sich lieber von Profis wie Merkel oder Schröder regieren lassen, die jahrelang Erfahrungen im politischen System gesammelt haben, bevorzugen wir Amis eher frisches Blut: Obama war ein unbeleckter Senator aus Chicago, Bush Jr. Provinzgouverneur, Reagan Schauspieler, Lincoln Provinzanwalt.

Wer Hollywoodfilme kennt, ist mit diesem Prinzip vertraut. Das beste Beispiel ist der Streifen Dave von 1993: Ein einfacher, aber grundanständiger Provinzlehrer sieht zufällig genauso aus wie der Präsident und übernimmt dessen Rolle, weil der im Koma liegt (was niemand erfahren darf). Anfangs wird Dave von den verdorbenen Hauptstädtern an der Nase herumgeführt, doch dann entsinnt er sich seiner Kleinstadtwerte, widersetzt sich dem Establishment und löst Amerikas Probleme – einfach nur mit gesundem Menschenverstand.

Dave ist der Präsident, den sich jeder Amerikaner wünscht. Und Donald Trump ist ein Dave mit schlechterer Frisur, der sagt, was er wirklich denkt. Wir Amerikaner sind darin nicht so gut. Wenn wir ein angebranntes Steak serviert bekommen, lächeln wir und säuseln: "Oh, das war einmalig!" Die Kunst des Werbens und der PR haben wir so verinnerlicht, dass der durchschnittliche Konsument glaubt, mit dem Kauf von einem Paar Turnschuhe wichtige Lebensziele erreichen zu können. Und unsere Politiker erst. Was sie wirklich denken, weiß niemand.

So sehnen wir uns nach einem Kandidaten, der geradeheraus spricht, nach einem wie Trump, der sich nicht verstellen kann. Denn wer von einer TV-Moderatorin behauptet, aus ihren Körperöffnungen fließe überall Blut, ist jemand, der zwischen Hirn und Mund keinen Filter hat. Trump steht dazu, und das empfinden viele Amerikaner als erfrischend ehrlich angesichts all der Sprechblasen.

Der wesentliche Grund allerdings, warum Donald Trump für uns Amis ein Held ist, lautet: Chaos. Wir lieben Chaos. Wir würden es zwar nie zugeben, aber Amerika ist im Vergleich zu Europa ein chaotisches Land. Ich meine das positiv: Es ist das Chaos, was uns zu dem macht, was wir sind. Das Durcheinander von Kulturen, Einwanderern, Glaubensrichtungen und Lebensphilosophien lässt Amerika zwar anstrengend sein (selbst für Amerikaner), vor allem aber dynamisch bleiben. Quell des Neuen sind nicht Ruhe und Ordnung, sondern die Unordnung, derer man nie ganz Herr wird. Ein Staat, der zu viele Regeln hat, erdrosselt die Kreativität. Wahre Chancengleichheit, die wirklich jeden Trottel einbezieht, entsteht nur, wenn Strukturen immer wieder aufgebrochen werden.

Zumindest die eigene Partei hat Donald Trump schon jetzt ordentlich durcheinandergebracht. Nach seinen rassistischen Ausfällen gegen Mexikaner fühlten sich mehrere republikanische Kandidaten unter Zugzwang, ebenso gegen Immigranten zu wettern – obwohl die Republikanische Partei die Stimmen der Latinos dringend braucht.

Trump ist der Narr, der die Nacktheit des Königs offen anspricht, er ist das Darwinsche Mutanten-Gen, der Fehler im System, der unerwartete Ergebnisse hervorbringt. Er gibt uns das Gefühl, dass endlich das passiert, was im Wahlkampf passieren soll: Neue, unkonventionelle Ideen kommen auf den Tisch, und alte werden infrage gestellt.

Seien wir ehrlich: Erst mit Donald Trump ist der Wettstreit um das Weiße Haus interessant geworden.

Eric T. Hansen ist ein amerikanischer Autor und lebt in Berlin.