In Berlin, in der S-Bahn-Linie 41, wurden am Samstag eine Mutter und ihre beiden Kinder von zwei Männern als "Asylantenpack" beschimpft. Auch "Heil Hitler" hätten die Männer gerufen, sagt die Polizei. Einer der Männer habe die Hose heruntergelassen. Und auf die Kinder uriniert.

In Heidenau wurde ein Sicherheitszaun um einen Baumarkt gezogen, meterhoch, um die Flüchtlinge, die in dem Gebäude wohnen, zu schützen. Seit Tagen werfen Neonazis dort Steine. "Geile Party" nennen sie das.

In Nauen in Brandenburg ist ein Haus abgebrannt. Flüchtlinge sollten mal darin wohnen. Brandstiftung wahrscheinlich, sagt die Polizei.

800.000 Asylbewerber sollen in diesem Jahr nach Deutschland kommen, die Zahl nannte der Innenminister in der vergangenen Woche. Es ist, als sei sie ein Brandbeschleuniger. Ein Katalysator für Hassreaktionen.

In den Flammen von Nauen und im Gegröl von Heidenau gehen jene Stimmen unter, die diese Zahl nicht als Bedrohung begreifen, sondern als Herausforderung. Menschen, die alltäglich spüren, was viele nur aus Statistiken wissen: dass die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland so groß ist wie noch nie seit dem Ende des Krieges.

Diese Menschen grölen nicht, sie hören zu. Sie werfen keine Steine, sie schmieren Brote. Sie sorgen dafür, dass Flüchtlinge bekommen, was für andere selbstverständlich ist: ein Bett. Eine Schule. Einen Termin beim Arzt.

Es sind Beamte und Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter, die seit Wochen länger arbeiten, als sie müssten. Es sind Freiwillige, die helfen, wo der Staat Lücken lässt. So viele Ehrenamtliche gibt es mittlerweile in Deutschland, dass Wissenschaftler sich für sie interessieren. Der Politikwissenschaftler und Migrationsexperte Olaf Kleist zum Beispiel, der an der Universität Oxford forscht.

"In keinem anderen Land der EU erfahren Flüchtlinge so viel Hilfsbereitschaft wie in Deutschland", sagt Kleist. Zwar gibt es Helfer auch anderswo, auf Lesbos und auf Lampedusa, in Mailand und Calais. In anderen EU-Staaten aber konzentriert sich das Engagement auf die Hotspots der Flüchtlingsrouten. In Deutschland dagegen gehe es nicht um ein paar Freiwillige, sagt Kleist. "Was hier wächst, ist eine flächendeckende Bewegung." Freiwilligenverbände hätten Zulauf wie seit Jahren nicht mehr. Und diese Bewegung verändert das Land, da ist sich Olaf Kleist ziemlich sicher.

Nicht nur, weil das Helfen die Sicht auf Fremde verändert. Sondern auch, weil die Helfer Unterstützung haben, die es in den neunziger Jahren noch nicht gab. Arbeitgeberverbände und Handelskammern drängen darauf, Flüchtlingen nicht nur ein Bett und eine Aufenthaltsgenehmigung, sondern auch Arbeit zu geben. "Viele haben erkannt, dass Migration notwendig ist", sagt Olaf Kleist. "Es geht nicht mehr um Willkommenskultur. Was gerade entsteht, ist eine Willkommensgesellschaft."

Hunderte Freiwillige hat Kleist für seine Untersuchungen befragt. Das Ergebnis: Engagierte Bundesbürger helfen vor allem dort, wo dem Staat eine Sprache fehlt, mit der er die Flüchtlinge erreicht: beim Ausfüllen von Formularen, bei Besuchen auf der Ausländerbehörde oder dem Sozialamts. "Die Behörden sind nicht ausreichend auf den Umgang mit Flüchtlingen eingestellt", sagt Olaf Kleist. Und er verweist auf eine Gefahr: Wenn Freiwillige auf Dauer die Lücken füllen, kann das den Staat blind machen für die eigenen Mängel. Mehr als 10 000 Stellen fehlen nach einer Schätzung des Deutschen Beamtenbundes im öffentlichen Dienst, um die großen Masse an Asylbewerbern zu bewältigen. Die Zahl mag hoch gegriffen sein, lässt aber erahnen, wie es denen geht, die in unterbesetzten Behörden arbeiten. In vielen Ämtern gibt es Urlaubssperren, Überstunden sind seit Wochen normal. Ständig steigenden Flüchtlingszahlen stehen penible Verordnungen gegenüber. So müssen viele Beamte improvisieren und Regeln ausreizen, um an den Hürden der Vorschriften zu umgehen. Oft zählen auch sie zu den Engagierten, schwitzen, ächzen, reiben sich auf.

In Heidenau haben Hunderte gegen Flüchtlinge gehetzt. Sie warfen Flaschen und Steine, sie ließen Böller krachen. Die Menschen, die helfen, sind leise. Aber sie sind in der Überzahl. Wir haben sie an fünf Orten besucht.

In Köln kommt kein Flüchtling ohne ihn aus

Von Caterina Lobenstein

Achthunderttausend. Vielleicht versteht man diese Zahl am besten, wenn man mit Michael Lasch in den Keller geht. In die Katakomben der Herkulesstraße 42, des größten Flüchtlingsheims in Köln. Hier türmen sich blaue Müllsäcke mit Altkleidern. Matratzen stapeln sich bis unter die Decke. An den Wänden lehnen Betten aus Metallrohren, in Einzelteile zerlegt. In den Ecken: Tische, Kühlschränke, Kaffeemaschinen. Die Regale, die den Kellergang säumen, sind vollgestopft mit Bettwäsche und Windeln. "Nächste Woche ist das hier alles weg", sagt Lasch in breitem Kölsch. Dann muss er für Nachschub sorgen.

Kaum eine deutsche Stadt nimmt so viele Flüchtlinge auf wie Köln. Manchmal kommen viele Busse in einer Nacht. Lasch muss sie irgendwo unterbringen, oft hat er dafür nur 24 Stunden Zeit. Er muss dann Feldbetten in die Flure der Heime stellen. Zelte aufbauen, Turnhallen belegen. Im Keller hält er die Einrichtung bereit. Eine Vorratskammer der deutschen Asyllogistik.

Lasch, 50 Jahre alt, ist der oberste Hausmeister der Kölner Flüchtlingsheime. Wenn irgendwo ein Waschbecken zerspringt, ein Feuermelder versagt oder ein Dixi-Klo verstopft, dann wird Lasch gerufen. Wer mit ihm redet, wird alle paar Minuten unterbrochen: vom Klingeln seines Telefons.

Vor ein paar Wochen gab es einen Lieferengpass, keine Kühlschränke mehr. Draußen waren es 35 Grad. Auch Betten und Matratzen sind knapp. Lasch muss dann innerhalb weniger Stunden neue Anbieter finden und Verträge verhandeln. Gibt er zu viel Geld aus, bekommt er Ärger mit dem Rechnungshof. Wartet er zu lange auf einen guten Preis, steht ihm die Presse auf dem Dach.