Warum ein Ethos des Wissens unverzichtbar ist.

Neuer Kalter Krieg, Europa in der Krise, Flüchtlingsdrama – warum äußern sich dazu so wenige Professoren in der Öffentlichkeit? Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen eröffnete diese Debatte in der ZEIT Nr. 31. Diese Woche antwortet Lisa Herzog, 31, vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Alle Texte unter: www.zeit.de/professoren

Warum äußern sich Professoren so selten in der öffentlichen Debatte? Diese Frage betrifft nicht nur den Messbarkeitswahn der Wissenschaft, sondern das Ethos des Wissens. Eine globalisierte Welt braucht Mechanismen, um der Informationsflut Herr zu werden: die auswählen, filtern, Zusammenhänge aufzeigen. Vereinfacht lassen sich dafür zwei Modelle unterscheiden: verantwortliche Expertise und – vorgeblich "neutrale" – Indikatoren: Zahlen, Daten, Statistiken.

Der verantwortliche Experte ist ein Spezialist, der sein Wissen zum Wohl derjenigen einsetzt, die davon abhängen: etwa die Ärztin, die sich verantwortungsvoll um ihre Patienten kümmert und deshalb vertrauenswürdig ist. Indikatoren funktionieren anders: Man sucht nach Fakten, gewichtet sie und bildet Kategorien, anwendbar ist das von Hotelbewertungsseiten bis zu Zitationsindizes.

Beide Modelle sind anfällig für Korrumpierung. Daher benötigt man sowohl ein gutes Regelwerk als auch ein Ethos, das dieses ergänzt und stützt. Verantwortliche Experten haben ein Ethos, wie es etwa im Hippokratischen Eid der Mediziner verankert ist. Für das neuere Modell der Indikatoren muss ein derartiges Ethos drei Dinge erreichen: Erstens muss es der Korrumpierung durch Eigeninteressen entgegenwirken. Zweitens muss es Verzerrungen durch andere Interessen verhindern, zum Beispiel indem es alle Rohdaten und Geldgeber offenlegt. Drittens muss es verhindern, dass Indikatoren die eigentlichen Erkenntnisinteressen verdrängen.

Schon in den 1970er Jahren hat der Sozialpsychologe Donald T. Campbell festgestellt: Je mehr ein quantitativer Indikator für Entscheidungen verwendet wird, umso größer die Gefahr korrumpierender Einflüsse. Campbells Beispiel: Polizeiabteilungen, die nach dem Prozentsatz der gelösten Fälle bewertet wurden, eröffneten in weniger Fällen Ermittlungen.

Auch der Sinn und Zweck von Wissenschaft – einschließlich der Verantwortung dafür, relevantes Wissen einem breiteren Publikum bekannt zu machen – kann korrumpiert werden, wenn die Indikatoren Überhand nehmen.

Um dies zu verhindern, ist ein Ethos des Wissens unverzichtbar. Wir brauchen ein Äquivalent zum Hippokratischen Eid. Heutige Gesellschaften hängen von Spezialwissen ab, dessen Verwendung nicht durch Gesetze allein geregelt werden kann. Wir benötigen eine Rückbesinnung auf das Modell verantwortlicher Expertise.

Unsere Wissensökonomie bietet für das, was verantwortliche Experten leisten können, derzeit nicht viel Raum. Eine reißerisch aus dem Kontext gerissene Kennzahl findet in der Medienwelt mehr Absatz als eine vorsichtige Stellungnahme, die die Grenzen des Wissbaren mitreflektiert.

Es steht viel auf dem Spiel. Wenn nur noch die vorgeblich neutralen Indikatoren zählen, leidet das Vertrauen in die Wissenserzeugung. Wissenschaft und ihre Vermittlung sind anstrengend; wir benötigen Methoden und Formate, um verantwortliche Expertise, in all ihrer Sperrigkeit, in die Gesellschaft zu tragen.

Nur dann kann das, was ein gutes Arzt-Patienten-Gespräch ausmacht, auch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit entstehen: Offenheit und Vertrauen.