Theo Padnos ist Amerikaner, promovierter Literaturwissenschaftler, Journalist. Ein dünner, 46-jähriger Mann mit schulterlangen, angegrauten Locken. An einem heißen Sommertag sitzt er in einem Hinterhof im 11. Arrondissement von Paris. Hier draußen ist es angenehmer als in seiner Einzimmerwohnung. Padnos trägt kurze Hosen und Flipflops, sein Rennrad steht bereit fürs Training. Das Radfahren, seine Leidenschaft, hat ihn wieder fit gemacht, nach 22 Monaten Geiselhaft in Syrien. Padnos spricht leise, in gewählten Worten, meist auf Englisch, manchmal wechselt er ins Französische, Deutsche, oft ins Arabische, immer mühelos.

Theo Padnos: Ich lag auf der Ladefläche eines Pick-ups. Die Terroristen hatten mir die Hände auf dem Rücken gefesselt und die Augen verbunden, aber ich spürte den Fahrtwind im Gesicht und den Sand in der Luft, offenbar fuhren wir schnell. Plötzlich fingen sie an zu singen. "Qul as-salibija amrika qaberak bi Surija", "Sagt den Kreuzfahrern: Amerika, dein Grab ist in Syrien". Sie sangen es wieder und wieder. Ich dachte, sie werden mich töten.

Ich war im Oktober 2012 nach Syrien gekommen, um Berichte für verschiedene Zeitungen zu recherchieren. In der Türkei hatte ich ein paar junge Syrer getroffen, die sagten: Wir bringen dich über die Grenze. Wir waren kaum in Syrien, da haben sie mich geschlagen und gefesselt. Sie übergaben mich an die Terroristen der Al-Nusra-Front, des syrischen Al-Kaida-Ablegers.

Die Al-Nusra-Kämpfer steckten mich in einen Kellerraum, sieben mal vier Meter, eine Holztür, ein kleines Fenster unter der Decke, davor Sandsäcke, die kaum Licht durchließen. In den ersten Wochen schlugen sie mich mit dicken Kabeln. Sie riefen: "Wer hat dich nach Syrien geschickt?" Ich sagte: "Die CIA, die CIA", obwohl das nicht stimmte. Aber das war es, was sie hören wollten. Trotzdem prügelten sie weiter. Sie sagten: "Taqul, friss!" Monate später, als sie längst keine Fragen mehr stellten, musste ich immer noch das Kabel fressen.

Auch Matthew Schrier, 37, ist Amerikaner, aufgewachsen in einer schlechten Gegend außerhalb von New York. Als er im Dezember 2012 nach Syrien aufbricht, träumt er davon, mit dem Fotografieren Geld zu verdienen. Er hat der Hölle ein Andenken entrissen: seine beige-blaue Wollmütze. Sie wärmte ihn im syrischen Winter, später zogen die Terroristen sie ihm als Augenbinde übers Gesicht. Jetzt liegt die Mütze auf dem Kamin seiner New Yorker Wohnung. Schrier, Glatze, der Körper ähnlich drahtig wie der von Padnos, sitzt im offenen Fenster und raucht. Er erzählt seine Geschichte wie einen Film, laut, anekdotisch, viele Schimpfwörter. Seine Sätze untermalt er mit Rappergesten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Matthew Schrier: Drei Tage und Nächte war ich mit der Freien Syrischen Armee an der Front in Aleppo. Häuserkampf. Näher ran ging nicht. Adrenalin pur. Wir waren in einem riesigen Haus. Das Dach war eingestürzt. Dort habe ich mein bestes Bild gemacht: ein Typ mit seinem Rambo-Gewehr. Er hat in die umliegenden Häuser geschossen, es war krass. Er hatte strahlend grüne Augen. Ich nannte ihn "mein kleines grünäugiges Afghanenmädchen", so schön waren seine Augen. In all der Zerstörung haben sie geglüht. Ich hab ihn geknipst, immer wieder. Dann sagten meine Bodyguards: "Okay, Matt, wir sollten gehen."

Am Abend saßen wir zusammen. Ich konnte kein Arabisch, sie konnten kein Englisch. Ich brachte ihnen bei, "Fuck Bashar" und "Obama good" zu sagen. Sie lieben Obama, sie denken, er ist Muslim. Wir hatten eine super Zeit. Am nächsten Tag wollte ich nach Hause.

Ich lebte damals in Hollywood. Meine Freunde sagten: Matt, fotografier doch Promis, die sind hier überall. Aber ich wollte kein verdammter Stalker sein, ich wollte Geschichte erleben!

Ich bin nicht der beste Fotograf. Aber ich habe Eier. Um auf die Titelseite der New York Times zu kommen, musste ich dorthin, wo sich sonst keiner hintraut. Also fuhr ich in dieses verdammte Aleppo.

Nach drei Wochen Krieg saß ich im Taxi zurück in die Türkei. Allein. Es war Silvester 2012. An einem Checkpoint im Norden Aleppos drehte das Taxi um. Ich verstand nichts, mein Fahrer sprach kein Englisch. Fünf Minuten später schnitt uns ein Jeep den Weg ab. Drei Vermummte, alle bewaffnet, einer packte mich am Arm. Ich wehrte mich nicht. Sie setzten mich auf die Rückbank des Jeeps. Ich sah, wie sie den Taxifahrer in den Kofferraum sperrten, dann zogen sie mir meine Mütze ins Gesicht. Es war kalt, etwa fünf Grad.

Sie brachten mich in einen Keller. Um etwas zu sehen, linste ich unten aus meiner Mütze raus. Sie setzten mich vor einen Schreibtisch wie ein Kind, das zum Direktor muss.

Einer der Typen nahm mir die Mütze ab und lächelte. Er hatte eine Weste an mit Plastiksprengstoff und Drähten daran, wie sie Selbstmordattentäter tragen. Er war etwa Anfang 30 und stellte sich als Mohammed vor. Ich fragte ihn: "Tötet ihr mich?" Er sagte: "Jein." Ich dachte: Okay, ein Terrorist mit Humor. Also rief ich: "Happy new year!" Ich wollte zeigen, dass ich keine Angst habe. Mohammed lachte. Ich bin ein Kind von der Straße. Einige meiner Freunde sitzen im Gefängnis. Einer wegen Mord. Ich wusste, wie ich mit Mohammed reden musste.

Sie steckten mich in meine Zelle. Ich dachte: Keine Panik. Ein paar beschissene Tage, dann wissen sie, dass du kein Spion bist, sondern Fotograf. Von draußen hörte ich Schreie. Ich hatte keine Ahnung, dass Theo ein paar Räume weiter war.

Theo Padnos: Als ich zum ersten Mal in den Reifen musste, war ich sicher, sie töten mich. Die Augen verbunden, musste ich mich hinhocken. Sie stülpten mir einen Reifen über die Knie und schoben einen Stab unter meinen Kniekehlen durch. Dann drehten sie mich um, ich lag mit dem Gesicht auf dem kalten Zement, meine nackten Fußsohlen zeigten nach oben. Sie prügelten auf meine Füße ein. Sie schütteten Wasser über mich, ich dachte, es sei Blut. Dann sagten sie: "Morgen wird’s noch schlimmer." Sie sind gut darin, dir Angst zu machen, richtig gut.

Meistens folterten sie mich im alten Heizungsraum, den sie ghurfa al-mut nannten, Raum des Todes. Unter der Decke verliefen Rohre, an denen Menschen hingen. Wenn sie geschlagen wurden, schrien sie so laut, dass ich die Fragen meiner Folterer kaum hörte.

Matthew Schrier: Mohammed mochte mich, er hatte Witz. Einmal nahm er das Magazin aus seiner Pistole und gab sie mir. Ich habe auf ihn gezielt und gesagt: "Hasta la vista", wie Arnold Schwarzenegger in Terminator. Mohammed besorgte mir gutes Essen, heiße Kartoffeln und Zwiebeln, auch eine Pissflasche und eine Kerze. Aber die Langeweile machte mich krank. Irgendwann kamen die Terroristen mit einem Laptop, und ich musste ihnen mein E-Mail-Passwort und die Kreditkarten-PINs geben. Später habe ich erfahren, dass sie dann Mails an meine Mutter schrieben und für 17.000 Dollar Laptops, Tablets, Mercedes-Ersatzteile und Ray-Ban-Sonnenbrillen kauften.

Nach drei Wochen kam Mohammed zu mir. Er sagte: "Dschumaa!" Den Namen hatte er mir am ersten Tag gegeben. Er bedeutet "Freitag". Der islamische Sonntag. Hätte mich schlimmer treffen können. "Dschumaa! Komm mal mit!"

Er führte mich auf den Flur, öffnete eine andere Zelle. Drinnen, im Dunkeln, schreckte jemand auf. Mohammed sagte: "Amriki, Amriki." Ein Amerikaner. Ich konnte es nicht fassen. Da war ein Typ mit verfilztem Bart. Er stank und war verängstigt. Er musste schon eine Weile hier sein. Da wusste ich: Sie werden mich nicht gehen lassen.

Theo Padnos: Mein erster Gedanke war: Jetzt habe ich einen Freund. Seit drei Monaten hatte ich mit niemandem gesprochen außer meinen Folterknechten. Ich war glücklich. In der ersten Nacht haben wir nur geredet. Geredet, geredet, geredet.

Matthew Schrier: Jedes Mal, wenn jemand draußen an der Tür vorbei ging, zuckte Theo zusammen wie ein traumatisierter Hund.

Theo Padnos: Sie schlugen mich, warfen mein Essen auf den Boden. Manchmal sagten sie: "Hier ist es dreckig! Putz den Boden mit deiner Zunge!" Ich war so froh, als Matt zu mir kam.

Ohne Kommunikation kann der Mensch Psychosen entwickeln

In einem syrischen Al-Kaida-Kerker, so feindlich, entlegen und brutal wie wenige Orte auf der Welt, lernen sich zwei Journalisten aus demselben Land kennen. Für beide ein Hoffnungsschimmer. Sie sind jetzt nicht mehr allein.

"Der Mensch ist ein Kommunikationswesen. Wenn er nicht kommunizieren kann, entwickelt er nicht selten Psychosen", sagt Mechthild Wenk-Ansohn, Psychotherapeutin am Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. "Manche Gefangenen, die lange in Einzelhaft sitzen, sehnen sich sogar nach dem Besuch des Wärters, selbst wenn er sie misshandelt."

Matthew Schrier und Theo Padnos haben jetzt nicht mehr nur die Wärter als Bezugspersonen. Sie haben jetzt einander. Eine vage Hoffnung: Vielleicht können sie gemeinsam fliehen? Und wenn nicht, wenigstens: einander zuhören, voneinander lernen, sich Mut machen, Hoffnung geben.

Als sich Schrier und Padnos in der ersten Nacht ihre Geschichten erzählen, merken sie: So einfach wird das nicht werden.

Matthew Schrier: Ich versuchte, eine Verbindung zu Theo herzustellen, ihn zum Lachen zu bringen. Aber es funktionierte nicht. Alle Leute sagen, dass ich lustig bin. Ich brachte sogar Mohammed zum Lachen, den Typ, der Theo folterte.

Ich erzählte Theo zum Beispiel diese Highschool-Geschichte: wie mein bester Freund und ich das Notenheft unseres Lehrers versteckten. Wie er ausflippte und uns als Arschlöcher beschimpfte. Als ich zu der Stelle kam, an der alle anderen Leute lachen, wie der Lehrer vor Wut auf seinem verdammten Kopf einen Billardqueue zerbrach, da sagte Theo: "Der Lehrer tut mir leid." Ich hab gesagt: "Nein, du Idiot, der Lehrer ist das Arschloch, verstehst du das nicht!?"

Theo Padnos: Dieser arme Lehrer. Er hat eh keinen tollen Job, wird schlecht bezahlt, und dann muss er sich auch noch um diese verkorksten Kinder kümmern. Matt sollte alt genug sein, um zu wissen, dass man sich nicht über Lehrer lustig macht.

Matthew Schrier: Theo erzählte mir, dass er nach Syrien gekommen war, um über Austin Tice zu schreiben. Ein anderer amerikanischer Journalist, der gekidnappt worden war. Für mich bedeutete das: Theo wollte Geld mit dem Schicksal eines Kollegen machen; eines Kollegen, der in unserer Situation war. In dem Moment fing ich an, seinen Charakter zu hinterfragen.

Theo Padnos: Ja, ich wollte auch einen Artikel über Tice schreiben. So etwas interessiert die amerikanischen Zeitungen. Aber mein Hauptinteresse waren die religiösen Spannungen zwischen Sunniten und Alawiten. Die amerikanischen Journalisten berichten nur, wenn irgendwo was in die Luft fliegt oder ein Amerikaner entführt wird. Sie haben keine Zeit, in die tausendjährige Geschichte der syrischen Volksgruppen einzutauchen. Ich schon, ich kenne mich aus, ich spreche Arabisch.

Matthew Schrier: Am Anfang sagte er: "Mein Name ist Padnos, nein, Curtis. Sag ihnen nicht, dass ich Padnos heiße. Ich habe unter dem Namen vor Jahren ein Buch geschrieben. Das dürfen sie auf keinen Fall wissen."

Theo Padnos: Das Buch, das ich geschrieben habe, heißt Undercover Muslim. Darin habe ich aus einer radikalen Moschee im Jemen berichtet. Um dort reinzukommen, habe ich so getan, als sei ich zum Islam konvertiert. Wenn du mit Islamisten zu tun hast, ist das ein gefährliches Detail. Deshalb habe ich vor meiner Reise nach Syrien meinen Namen geändert, von Theo Padnos zu Peter Theo Curtis.

Matthew Schrier: All die anderen Entführten, Austin Tice, James Foley, John Cantlie, waren hartgesottene Typen. Mit denen hätte ich mich bestimmt verstanden. Aber ich geriet ausgerechnet an ein verdammtes Weichei wie Theo.

Theo Padnos: Bald hatten wir unseren ersten Streit. Matt schlief, und ich säuberte meine Zähne mit Sonnenblumenkernen, wie das die Araber tun. Ich war ganz leise. Mal ehrlich, draußen fielen Bomben, in den Fluren schrien die Kämpfer, aber dieses leise Tiktiktik nervte ihn. Ich sagte: "Wenn du schlafen willst, ist das okay, dann mache ich das später, aber du kannst nicht so ausrasten."

Matthew Schrier: Zwei Mal habe ich ihn freundlich gebeten, aufzuhören. Beim dritten Mal ging ich rüber und schrie, dass es schwierig für ihn sein wird, seine Zähne sauber zu machen, wenn er keine mehr hat. Ich ballte meine Faust und drohte, ihn zu verprügeln.

Theo Padnos: Er drehte völlig durch und brüllte mich an. Die nächsten 24 Stunden haben wir nicht miteinander geredet. Aber weil ich Arabisch spreche, war Matt auf mich angewiesen. Auch darüber gab es ständig Streit. Er misstraute meinen Übersetzungen. Ich habe mein Bestes gegeben, nur verstand ich eben nicht alles. Manche Kämpfer hatten einen Akzent, andere sprachen sehr schnell oder im Straßenslang. Wenn ich fünf arabische Sätze mit einem englischen übersetzte, schrie Matt mich an: "Übersetz verdammt noch mal wörtlich!" Ich erklärte ihm, dass wörtliche Übersetzungen sinnlos sind. Das weiß jeder, der mehr als eine Sprache spricht. Nur er nicht.

Matthew Schrier: Weil er Arabisch konnte, tat er so, als wäre er ein verdammter Guru. Außerdem hatte ich – ohne Arabisch – ein besseres Verhältnis zu den Wärtern als er. Als ich Theo traf, kannte er den Namen keines einzigen Wärters. Nach drei Monaten! Innerhalb einer Woche habe ich dafür gesorgt, dass er baden durfte.

Theo Padnos: Manchmal hat mich Matt sogar geschlagen. Winzigkeiten konnten ihn überkochen lassen. Zum Beispiel Läuse. Er hatte diese spezielle Matthew-Schrier-Art, sie zu töten.

Matthew Schrier: Ich nahm das Etikett von der Trinkflasche und faltete es, dann setzte ich die Läuse rein und zerquetschte sie. Das war eine saubere Methode. Theo zerdrückte sie mit dem Finger auf dem Boden. Dann lief er mit den Schuhen durch und verteilte den Dreck. Ich habe es ihm zwei-, dreimal gesagt. Dann ging ich rüber und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.

Theo Padnos: Er etablierte seine Dominanz wie ein Hund: Er knurrt, und wenn du dich nicht unterordnest, beißt er. Psychologen haben untersucht, wie Menschen auf traumatische Situationen reagieren. Entweder sie werden kreativ – so war das bei mir. Als ich in meiner Zelle Stift und Papier bekam, fing ich an, einen Roman zu schreiben. Oder sie machen das, was ihnen angetan wird, mit anderen, Schwächeren. So war Matt. Er hat mir dasselbe angetan, was die Terroristen ihm angetan haben.

"Wir beobachten das oft in Gefängnissen, dass manche die eigene Erniedrigung weitergeben. Sie werden misshandelt, also misshandeln sie andere. Dann fühlen sie sich stärker", sagt Mechthild Wenk-Ansohn vom Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer. Allerdings, sagt sie, kenne man dieses Verhalten vor allem aus "normalen" Gefängnissen, deutschen oder amerikanischen.

Wenk-Ansohn hat in 21 Berufsjahren Tausende Folteropfer und Kriegstraumatisierte behandelt, zuletzt sehr viele aus Syrien, die ebenfalls in den Kerkern von Al-Nusra oder dem "Islamischen Staat" saßen. "In solchen Extremsituationen neigen Häftlinge dazu, einander beizustehen, sogar über ideologische Gräben hinweg. Kurden helfen Türken, und Sunniten helfen Schiiten", sagt die Ärztin. Eine solche Dynamik wie zwischen Schrier und Padnos sei ihr noch nie begegnet.

"Wenn du dich nicht wehrst, gehst du unter."

Theo Padnos: Matt hatte in den USA im Gefängnis gesessen.

Matthew Schrier: Mit 16 war ich wegen eines Einbruchs knapp zwei Monate in einem Hochsicherheitsgefängnis. Ich habe gelernt: Wenn du dich nicht wehrst, gehst du unter. Was die Gewalt gegenüber Theo angeht: Er hat mich immer provoziert.

Theo Padnos: Er suchte nach meinen Schwächen und übersteigerte sie ins Extreme. In seinen Augen war ich das verwöhnte, reiche Kind, gute Schule, gute Uni, und er der harte Bursche von der Straße. Er sagte immer: "Du hängst doch noch an den Titten deiner Mutter!"

Es ist einfach lächerlich. Meine Mutter ist im Ruhestand. Sie hat für ein Museumsmagazin in Boston gearbeitet, dessen Leserschaft vielleicht aus 13 alten Damen bestand. Trotzdem tat er so, als sei sie verantwortlich für meinen publizistischen Erfolg.

Matthew Schrier: Er erzählte mir, dass er im Ausland arbeitet, bis sein Geld aufgebraucht ist. Dann geht er zurück zu seiner Mutter und wohnt dort mietfrei, bis er wieder genug gespart hat, um zu reisen. Ein 44-jähriger Mann!

Theo Padnos: Ich war dreckig, verfilzt, als angeblicher CIA-Spion in einem Al-Kaida-Gefängnis dem Tod geweiht – und er war neidisch auf mich! Er sagte immer wieder: "Du hast zehn Jahre länger gelebt als ich."

Matthew Schrier: An einem Tag im Februar, nach vier Wochen gemeinsam in der Zelle, saß ich auf meiner Matratze und guckte zur Tür, da sah ich eine kleine Vertiefung im Holz.

Theo Padnos: Wochen vorher, als ich noch allein war, hatte ich versucht, mit einem Löffel ein Loch in das Holz zu schaben. Mir war bloß langweilig gewesen, und ich hatte gedacht, vielleicht kann ich so nach draußen spähen. Es hatte nicht geklappt.

Matthew Schrier: Als ich das sah, dachte ich sofort an Flucht. Im Badezimmer steckte eine dicke, lange Schraube in der Wand. Die habe ich gestohlen. Ich wollte das Holz so durchlöchern, dass wir einen Teil der Tür raustreten konnten. Dann ist mir die Schraube abgerutscht. Mohammed hat es gehört. Ich habe mich sofort aufs Bett geworfen. Theo, da muss ich sagen: Respekt!, sprang auf und holte die Schraube.

Mohammed kam mit zwei anderen Wärtern rein. Mit den Taschenlampen suchten sie die Tür ab. Ich sagte: "Mohammed, ich habe nur meine Fingernägel an der Tür sauber gemacht." Da hatte er schon die Einkerbung von Theos Löffel gefunden.

Mohammed schaute mich an, sein Blick sagte: Wir sind keine Freunde mehr. Er schlug mir mit einem Stück Zement auf den Kopf. Dann haben sie uns in den Reifen gesteckt. Für mich das erste Mal. 115 Schläge auf die Sohlen. Die Füße bluteten. Sie mussten mich in die Zelle tragen.

Theo Padnos: Im März brachten sie einen Marokkaner in unsere Zelle, ein dicker Kerl, 120 Kilo, schätze ich, ein Dschihadist, der auf eigene Faust nach Syrien gereist war und das Misstrauen der Al-Nusra-Leute erregt hatte. Er hatte eine Kugel ins Bein bekommen. Die Wunde war einen Monat alt und war nie versorgt worden. Er hatte in den USA gelebt, sprach gut Englisch. Er war so einer, wenn man im Flugzeug neben ihm sitzt, weiß man nach drei Minuten, dass er Probleme macht. Aber Matt war froh, dass er jemanden außer mir hatte, mit dem er sprechen konnte.

Matthew Schrier: Der Marokkaner hatte Humor. Über meine Lehrergeschichte hat er sich kaputtgelacht. Wir teilten uns sogar ein Bett.

Theo Padnos: Sie redeten über Filme und lachten viel. Ich fand das alles nicht lustig. Also blieb ich auf meiner Seite der Zelle und versuchte, mich rauszuhalten.

Matthew Schrier: Theo tickt einfach anders. Ich wollte mit ihm Filmzitate spielen. Say hello to my little friend. Jeder Amerikaner kennt diesen Satz – aus Scarface. Nur Theo nicht. Ich hab ihn gefragt: "Was zur Hölle hast du als Kind gemacht?" – "Wir hatten keinen Fernseher." – "Was hast du dann gemacht?" – "Gelesen."

Oh Mann. Mit so einem Arschloch war ich eingesperrt, meinem genauen Gegenteil. 24 Stunden am Tag. Ich musste sogar betteln, dass er 20 Fragen mit mir spielt – dieses Spiel, bei dem du an eine Person denkst, und der andere muss mit 20 Fragen herausfinden, wer es ist.

Theo Padnos: Einmal schlug er mich, weil ich nicht spielen wollte. Wir hatten quasi 24 Stunden lang 20 Fragen gespielt, und ich konnte nicht mehr. Er wählte irgendwelche Rapper und Fernsehstars, die ich nicht kannte. Was weiß denn ich, wie Bart Simpsons Frau heißt? Ich habe nie Lethal Weapon 3 gesehen. Matt dafür neun Mal. Ich habe Leute ausgewählt, die er kennt, und nicht irgendeinen Renaissance-Künstler. Man glaubt nicht, wie schnell einem die Personen ausgehen können, die beide kennen.

Matthew Schrier: Eins muss ich Theo lassen: Er bekam raus, wo wir gefangen waren. Er fand diesen Papierfetzen auf dem Boden, darauf stand: "Kinderkrankenhaus Aleppo".

In der Zelle war es saukalt. Meistens lagen wir unter den Decken und versuchten, warm zu bleiben. Ich redete und redete. Wenn Theo mal den Mund aufmachte, waren seine Geschichten wie Zähneziehen. Der Marokkaner wollte eine Frauengeschichte hören. Theo erzählte: "Im Jemen habe ich ein Mädchen getroffen. Wir sind in die Berge gegangen und haben ein Picknick gemacht." Und so weiter und so weiter. Irgendwann frage ich: "Hast du sie gefickt oder nicht?" Und er: "Nein." Unglaublich! Wir sitzen da, hören uns den Scheiß an, und er fickt sie nicht mal!

Theo Padnos: Es dauerte nicht lange, bis sich der Marokkaner mit Matt zerstritt und ich mich besser mit ihm verstand. Wir unterhielten uns auf Arabisch, manchmal auch auf Französisch. Und wenn es nur war: "Wie geht’s dir heute?" Matt ertrug es nicht, außen vor zu sein.

Matthew Schrier: Theo fing an, den Marokkaner zu massieren, wegen der alten Wunde. Er kniete sich hin und knetete sein Bein. Er half ihm sehr. Aber er merkte nicht, was er damit auch anrichtete.

Theo Padnos: Der Marokkaner war cholerisch, und die Massagen beruhigten ihn. Als Rennradfahrer bin ich früher oft massiert worden, ich weiß, wie das geht. Im Gefängnis muss jeder seine Fähigkeiten nutzen. Dort zählen andere Dinge als im normalen Leben. Du hast einen Doktortitel? Egal. Du bist zum Mond geflogen? Egal. Aber Massagen sind auf einmal etwas wert. Außerdem hatte ich ja nichts Besseres zu tun.

Matthew Schrier: Der Marokkaner fing an, ihm zu befehlen: Knie dich hin und massier mich! Er war richtig diabolisch, wie J. R. Ewing in Dallas. Irgendwann ging Theo öfter auf die Knie, um ihn zu massieren, als die Terroristen zum Beten gingen. Theo war seine Gefängnisschlampe.

Theo Padnos: Ich wusste, dass er mich demütigen will. Aber mir machte es nichts aus, so blieb er wenigstens ruhig. Der Marokkaner war genau wie Matt ein Alphatier. So jemand ist nur zufrieden, wenn man sich unterordnet. Ich hatte nichts dagegen, Beta zu sein. Dann bin ich halt der Schwache.

"Ich wollte ihnen das Gefühl geben, dass ich ernsthaft konvertieren wollte."

Matthew Schrier: Von Anfang an wollte ich konvertieren. Das war taktisch klug. Ich fragte nach einem Koran in Englisch. Ich wollte nicht einfach sagen: Jetzt bin ich Muslim. Ich wollte im Koran lesen und ihnen das Gefühl geben, dass ich es ernst meine. Aber sie gaben mir keinen. Theo war strikt dagegen, zu konvertieren.

Theo Padnos: Ich hatte Angst, dass sie sagen würden: Ihr täuscht uns, ihr spielt mit unserer Religion. Vielleicht hätten sie uns dann erschossen. Foley und andere sind angeblich konvertiert, wie wir später erfuhren. Ihr Leben hat es nicht gerettet.

Matthew Schrier: Am 29. März, der Marokkaner war seit zwei Wochen bei uns, habe ich die Schahada gesprochen, das Glaubensbekenntnis. Als der Wärter kam, sagte der Marokkaner: "Dschumaa ist jetzt ein Muslim." Drei Tage später kam ein Typ, schwarz vermummt, und gab mir diesen wunderschönen Koran, 2000 Seiten, die König-von-Saudi-Arabien-Übersetzung. Endlich hatten wir was zu lesen.

Theo Padnos: Von da an durfte ich mir von Matt und dem Marokkaner anhören: "Du Idiot, warum konvertierst du nicht auch?" Sie beschimpften mich als Ungläubigen und ließen mich nicht im Koran lesen. Sechs Monate hatte ich nichts mehr gelesen.

Matthew Schrier: Am 9. Juni wurde ich 35 Jahre alt. Der Marokkaner hat mir gratuliert, Theo nicht. Es war der schlimmste Geburtstag meines Lebens.

Theo Padnos: Im Juli haben sie uns in ein anderes Gefängnis verlegt. Heute wissen wir, dass es die alte Zulassungsstelle von Aleppo war.

Matthew Schrier: Die neue Zelle lag auch in einem Keller. Knapp unter der Decke waren zwei kaputte Fenster, etwa in zwei Meter Höhe. Sie gingen hinaus auf den Hinterhof. Sie waren vergittert, aber das Mauerwerk war bröselig, und die Gitterstäbe, nur halb so dick wie Bleistifte, waren ein bisschen locker. Ich wusste, der Marokkaner passt nicht durch, also habe ich erst mal nichts gesagt. Aber am 16. Juli holten sie ihn raus. Keine Ahnung, was sie mit ihm gemacht haben. Als er weg war, fragte ich Theo: "Denkst du, wir passen da durch?" Er sagte: "Ja." Von da an waren wir vereint.

Theo Padnos: Das Fenster war so hoch, dass Matt auf meinem Rücken stehen musste, um die Stäbe zu lösen. Drei Tage lang war ich auf allen vieren.

Matthew Schrier: Ich untersuchte die Stäbe genau. Wie die Raptoren, diese smarten Raubsaurier in Jurassic Park. Es waren zwölf Stäbe horizontal und 23 oder 24 vertikal. Keiner der vertikalen war verschweißt, und nur drei der horizontalen waren fest, und das bloß an einer Seite. Ich fing an, die Stäbe zu lösen und nach außen zu biegen.

Theo Padnos: Aus T-Shirts bauten wir eine Leiter, wie eine Schnur mit Schleifen dran, in die man reintreten konnte.

Matthew Schrier: Es war Ramadan, sie brachten uns das Essen frühmorgens, als es noch dunkel war, und dann ließen sie sich bis abends nicht mehr blicken. Wir bekamen jeden Tag Oliven. Die presste ich aus, das Öl fing ich in einer Schale auf. Falls wir nicht durch das Gitter passten, könnten wir uns damit einreiben, dachte ich. Wir wussten, dass es eng werden würde. Aus dem Fenster blickte man in einen Hinterhof. Um das Gebäude herum war eine Mauer, unterbrochen von einer Einfahrt. Wachen waren nicht zu sehen.

Kurz vor dem entscheidenden Tag stritten wir uns.

Theo Padnos: Es ging darum, wie wir am besten vorgehen sollten. Ich wollte so wenig Risiko wie möglich eingehen. Matt wollte einfach raus.

Matthew Schrier: Auf einmal ließ Theo mich nicht mehr auf seinem Rücken stehen. Also holte ich den Eimer, den sie uns gebracht hatten, um unsere Wäsche zu waschen. Ich wollte mich draufstellen. Er sagte: "Wenn du den Eimer hinstellst, klopfe ich an die Tür und rufe die Wärter." Ich: "Fuck you!" Er ging zur Tür und klopfte. Ich war wie erstarrt. Ich konnte nicht glauben, dass er das getan hatte.

Theo Padnos: Ja, ich habe damit gedroht, zu klopfen. Wahrscheinlich habe ich es auch getan. Er hatte mich provoziert. Aber es war nicht schlimm. Wären sie gekommen, hätten wir gesagt: "Hey, was ist los?" Sie kamen aber nicht. Für Matt war immer alles unverzeihlich. Du hast mich an die Terroristen ausgeliefert! – Nein, habe ich nicht!

Matthew Schrier: Zur Strafe ließ ich Theo nicht mehr im Koran lesen. Er riss ihn mir aus der Hand, und ich, bum, gab ihm eine Kopfnuss. Er hatte eine Wunde über der linken Braue, die heftig blutete. Dann riss er sich zusammen. Einige Tage später, am 29. Juli, kurz vor Sonnenaufgang, nahm ich das Fenster auseinander und dachte: Fuck, jetzt gibt’s kein Zurück.

Theo Padnos: Ich habe ihm den Vortritt gelassen, weil ich nett sein wollte.

Matthew Schrier: Er hat mich nur vorgelassen, weil wir von draußen immer Schüsse gehört hatten. Er hatte Schiss.

Theo Padnos: Ich räuberleiterte Matt hoch und drückte. Er mühte sich ab. Aber die Mischung aus meinem Drücken und seinem Wackeln funktionierte: Er kam raus.

Matthew Schrier: Die rostigen Stäbe hatten meinen Oberkörper blutig gekratzt. Hier, die Narbe am Bauch habe ich noch. Ich hockte draußen im Dunkeln neben dem Fenster. Direkt über mir sah ich ein weiteres Fenster, das offen war. Das Licht war an. Da drin mussten die Terroristen sein.

Theo Padnos: Ich habe ihm die Sneakers, ein T-Shirt und seine Mütze gereicht, bin in die T-Shirt-Leiter gestiegen und habe eine Hand rausgestreckt, damit er mich rausziehen konnte.

Matthew Schrier: Ich habe geflüstert: "Nein, du musst mit beiden Armen gleichzeitig raus." Er wollte nicht hören.

Theo Padnos: Am Brustbein blieb ich im Fenster stecken. Ich kann den Punkt noch heute fühlen, tagelang hatte ich Schmerzen. Mein Kopf, meine Schultern und ein Arm waren schon draußen. Matt war an derselben Stelle stecken geblieben. Ich habe ihn dann durchgedrückt. Es hat aber zwei oder drei Minuten gedauert. Der Trick ist: sich entspannen, tief einatmen, wackeln, wackeln, wackeln, und so wie ich von innen gedrückt hatte, hätte er von außen ziehen müssen. Es hätte ein paar Minuten gedauert, aber dafür reichte seine Geduld nicht.

Hier muss man Padnos’ und Schriers Erzählung kurz unterbrechen. Das Geschehen der nächsten Minuten ist die einzige Stelle der Geschichte, an der sich die Darstellung der beiden offenkundig widerspricht.

Mechthild Wenk-Ansohn, die Psychotherapeutin aus Berlin, sagt: "Das Gedächtnis ist kein Filmapparat, das Erlebte wird bei jeder Erzählung rekonstruiert." Gerade in lebensbedrohlichen Stresssituationen sei zum Beispiel das Zeitempfinden beeinflusst: "Kurze Momente werden dann manchmal als Ewigkeit empfunden, oder es gibt Lücken in der Wahrnehmung." Wenn sich die Schilderungen der beiden unterscheiden, muss das also nicht heißen, dass einer lügt. Vielleicht bedeutet es bloß, dass sie die Situation anders erlebt haben. Für die beiden Protagonisten aber sind die Details, in denen ihre Erinnerung voneinander abweicht, existenziell. Für sie geht es um die Frage, ob Matthew Schrier alles getan hat, was er konnte, oder ob er Theo Padnos im Stich gelassen hat.

Matthew Schrier: Ich kauerte neben dem verdammten Fenster und versuchte, ihn an einem Arm rauszuziehen. Es muss eine Minute gedauert haben, vielleicht auch mehr, bis der Idiot endlich verstand, dass es so nicht klappt. Also flüsterte ich noch mal: "Geh rein, zieh dein Shirt aus, und nimm das Öl!"

Er ging rein, zog sein Shirt aus, kam dieses Mal mit beiden Armen raus, wie ich es ihm gesagt hatte, aber wieder ohne Öl. Er blutete schon überall. Ich stemmte mein Bein gegen die Wand und zog.

Schwer zu sagen, wie lange ich dann noch mal versucht habe, ihn rauszuholen. Vielleicht drei, vier Minuten insgesamt. Es ist das Einzige, was ich wirklich nicht mehr weiß, was ich nicht mal sagen könnte, wenn man mich an einen Lügendetektor anschließen würde.

Irgendwann sagte ich, dass ich jetzt gehen und Hilfe holen würde. Da sagte er: "Okay." Ohne das hätte ich nicht fortgekonnt. Bevor er Okay sagte, war ich wie festgefroren.

Wenn die Terroristen Geld brauchen, verkaufen sie die Geisel

Theo Padnos: Um jemanden da rauszuziehen, braucht man Kraft. Matt hätte seine Füße gegen die Wand stemmen müssen. Das hat er nicht getan. Außerdem hätte er ein paar Betonbrocken wegräumen müssen, die heruntergefallen waren, als er sich durch das Fenster herausgequetscht hatte. Auch das tat er nicht.

Matthew Schrier: Theo redet von irgendwelchen Betonbrocken, die angeblich das Fenster blockiert hätten. Da waren aber keine, der Weg war frei.

Theo Padnos: Er packte mich nur am Arm, von der Seite, und zog ein bisschen. So hatte er keine Kraft. Dann sagte er: "Du schaffst es nicht, Mann." Ich habe gesagt: "Doch, fast, nur noch ein bisschen." Ich war total überzeugt, dass ich es schaffe. Als er dann sagte, er hole Hilfe, habe ich halt gesagt: "Okay." Dann ging er. Das alles dauerte weniger als eine Minute.

Ich nehme es ihm nicht mal übel. Was ich ihm übel nehme, sind die sieben Monate Folter, Schmerzen und Leid, die er mir zugefügt hatte. Mich zu befreien hätte Anstrengung und Risiko bedeutet, für mich und für ihn. Das wollte er nicht. Und das mit dem Öl: Es gab nicht genug Öl, um mich so glitschig zu machen, dass es hätte funktionieren können. Aber der Gedanke hatte sich bei ihm festgesetzt.

Matthew Schrier: Eine gute halbe Stunde lief ich durch die Dämmerung und sah kaum Leute auf der Straße. Im Ramadan legen sich die Menschen nach dem Morgengebet wieder hin. Dann brachten mich Anwohner zur Freien Syrischen Armee. Die Soldaten nahmen mich auf. Ich erzählte ihnen, woher ich kam und dass Theo noch dort war. Ob sie ihn befreien könnten? Keine Chance. Es sei ein Wunder, dass ich fliehen konnte. Keiner entkommt Al-Nusra, sagten sie.

Am nächsten Tag fuhren sie mich an die türkische Grenze. Dieselbe Strecke, die ich sieben Monate vorher fahren sollte, vorbei an der Stelle, wo ich entführt worden war. Vier bewaffnete Kämpfer saßen mit mir im Auto. An den Checkpoints hielten sie ihre Kalaschnikows aus den Fenstern und wurden durchgewinkt. In der Türkei rief ich die amerikanische Botschaft an. Ein gepanzerter Wagen holte mich ab. Das FBI befragte mich zehn Stunden lang. Einige Tage später landete ich in New York.

Theo Padnos: Als Matt weg war, probierte ich noch mal, rauszukommen, aber allein ging es nicht. Außerdem war es jetzt hell. Ich setzte mich und dachte: Sie werden dich töten. Abends kamen sie. Sie richteten mich übel zu, ließen mich aber leben.

Die Al-Nusra-Front verlor mit Matthew Schrier einen Gefangenen – und potenziell einige Millionen Euro. Geiselnahmen sind in Syrien zu einer wichtigen Einkommensquelle für Terroristen geworden. Dutzende Westler sind entführt worden, Journalisten, Entwicklungshelfer, Abenteurer. Die Terroristen sperren sie ein und kontaktieren die Familie oder die Regierung oft erst nach Monaten. Die lange Zeit ohne Lebenszeichen treibt den Preis in die Höhe.

Wenn die Terroristen Geld brauchen, verkaufen sie die Geisel. Seit 2008 haben Al-Kaida-Gruppen in der arabischen Welt laut Recherchen der "New York Times" mehr als 100 Millionen Euro Lösegeld eingenommen. Auch an den "Islamischen Staat", der während Theo Padnos’ Gefangenschaft zum bitteren Feind der konkurrierenden Al-Nusra-Front geworden war, flossen Millionen: Mindestens 15 Gefangene ließ der "Islamische Staat" gegen Lösegeld frei. Nach ZEIT-Informationen erpresste er allein 2014 mindestens 25 Millionen Euro – Geld, das mutmaßlich auch westliche Regierungen zahlten oder zahlen ließen. Die USA und Großbritannien zahlen aus Prinzip nicht.

Theo Padnos: Am Tag nach Matts Flucht musste ich nachspielen, was passiert war. Ich zeigte den Terroristen: "Matt war da drüben und kletterte raus, während ich hier an die Tür hämmerte, aber ihr seid nicht gekommen." Ich erklärte, dass er eine Leiter gebaut und mitgenommen habe. In Wahrheit hatte ich sie wieder auseinandergeflochten. Sie schienen mir zu glauben. Einige Tage bekam ich nichts zu essen, dann war alles wie zuvor.

Es war eine große Erleichterung, dass Matt weg war. Endlich hatte ich Ruhe – und ich hoffte, dass Obama vielleicht die CIA schickt, um mich zu retten. Ich ging davon aus, dass Matt ihnen genau erzählt hatte, wo ich bin.

Dann, zwei Wochen später, hatte Matt offenbar eine nette Unterhaltung mit dem Journalisten Chris Chivers von der New York Times, der nichts Besseres zu tun hatte, als in einen Artikel zu schreiben: Theo hat Matt beim Ausbruch geholfen. Die Terroristen schnappten das auf, es lief ja auch bei CNN. Jetzt wussten sie, dass ich gelogen hatte.

Sie brachten mich in die Wüste, in die Nähe von Deir al-Sur, und sperrten mich in einen winzigen Raum. Es war unfassbar heiß, August in der syrischen Wüste. Ich war sechs Wochen da drin. Immer wieder flehte ich: "Macht die Tür auf, nur einen Spalt! Mafi oxygen! Ich brauche Luft!"

Matthew Schrier: Ich habe Chivers die Geschichte meiner Flucht erzählt und dachte: Der hat einen Pulitzerpreis, der wird schon wissen, wie er richtig mit Informationen umgeht.

Durch Chivers habe ich übrigens zum ersten Mal vom "Islamischen Staat" gehört. Er erklärte mir, dass Al-Nusra und der "Islamische Staat" miteinander verfeindet waren, und jetzt ahnte ich, was das wohl für Gefechte gewesen waren, die ich aus unserer Zelle gehört hatte.

Theo Padnos: Wochen vergingen, Monate. Der "Islamische Staat" wurde stärker, und Al-Nusra musste aus Deir al-Sur fliehen. Mich haben sie mitgenommen. Sie machten sich nicht mehr die Mühe, meine Augen zu verbinden. Ich fuhr in einem Auto mit dem regionalen Al-Nusra-Chef Abu Maria Al-Kahtani. Neben mir auf dem Rücksitz hatten sie ihre letzten Säcke Bargeld deponiert. Der Kampf gegen den "Islamischen Staat" war teuer gewesen, und aus ihren Unterhaltungen hatte ich mitgekriegt, dass sie ein wichtiges Ölfeld verloren hatten.

Matthew Schrier: Im Oktober 2013 fand ich den Skype-Namen eines der Terroristen heraus, er nannte sich Kawa und war wie Mohammed einer der Al-Nusra-Anführer in unserem Gefängnis gewesen. Ich gab die Information an das FBI weiter, zusammen mit dem Hinweis, man könne die katarische Regierung bitten, Kawa zu kontaktieren und über Theos Freilassung zu verhandeln. Ich wusste, dass Kawa Kontakt zu Katar hatte, und die Katarer sind schließlich unsere Verbündeten. Ich wusste, so hat Theo eine reelle Chance, freizukommen.

Theo Padnos: Mit der Zeit wurde ich zu einem sadschin mahtar, einem respektierten Gefangenen. Manchmal durfte ich mich frei bewegen. Ich befüllte Patronengurte und stapelte Munitionskisten, wie sie es mir auftrugen. Einmal kam ein Wärter und sagte: "Sie werden dich bald gehen lassen, wir brauchen das Geld."

Im August 2014, nach 22 Monaten Gefangenschaft, ließen sie mich an der Grenze zu Israel frei. Die katarische Regierung hatte mich freigekauft, wie ich später erfuhr.

Heute bin ich nicht wütend auf die Terroristen. Wenn man weiß, was wir Amerikaner im Irak angerichtet haben, kann man sie sogar ein bisschen verstehen. Es gibt aber einen Menschen, den ich unter keinen Umständen je wiedersehen will: Matthew Schrier. Ich war 22 Monate lang Gefangener von Al-Kaida, die sieben Monate mit ihm waren mit Abstand die schlimmsten.

Matthew Schrier: Ich habe alles getan, um Theo rauszuholen. Ich versuchte, die Freie Syrische Armee zu überreden, ihn zu befreien. Ich brachte das FBI auf die Katar-Spur. Ja, wir haben uns gehasst, aber er ist doch Amerikaner. Ich habe ihm E-Mails geschrieben, als er freikam, ich wollte mit ihm reden, aber er ignorierte mich.

Theo Padnos arbeitet an einem Dokumentarfilm über seine Gefangenschaft. Den Roman, den er im Gefängnis schrieb, nachdem Matthew Schrier geflohen war, will er veröffentlichen. Schrier schreibt ebenfalls ein Buch. Mit dem Fotografieren hat er aufgehört.

Gegenüber der ZEIT haben sie sich erstmals zugleich über ihre Zeit in der Gefangenschaft geäußert – natürlich fanden die Gespräche an getrennten Orten statt. Den Kampf, den sie in der Zelle begonnen haben, führen sie mit anderen Mitteln weiter. Es geht nicht mehr ums Überleben, sondern um die Deutungshoheit.

Ob die Verhandlungen der katarischen Regierung dadurch erleichtert wurden, dass Schrier dem FBI den Skype-Namen des Terroristen Kawa gab, ist nicht bekannt. Das FBI äußert sich dazu nicht. Es ist auch nicht bekannt, ob die amerikanische Regierung die Lösegeldzahlung durch den Verbündeten gebilligt hat – oder überhaupt davon wusste. Parallel hatte auch Padnos’ Familie Katar um Hilfe gebeten. Sie hatte sich mit den Familien von vier anderen entführten Amerikanern zusammengetan, den Foleys, Sotloffs, Muellers und Kassigs. Nur Padnos kam frei. James Foley, Steven Sotloff und Peter Kassig brachte der "Islamische Staat" um, Kayla Mueller starb bei einem Bombardement.