Viel Seegang – Seite 1

Natürlich könnte sie auch ins Freibad gehen, am Kassenhäuschen 5,50 Euro rüberschieben, mit dem Ticket durchs Drehkreuz und weiter über heiße Steinplatten zum Pool, fertig. Doch das wäre gegen ihre Prinzipien. Jessica Lee schwimmt in der Wildnis. Diesmal im Nymphensee.

Denn die junge Kanadierin testet Seen wie andere Hotels. Anfang des Sommers hat sie sich vorgenommen, ein Jahr lang jede Woche durch einen anderen der 3.000 Seen in Berlin und Brandenburg zu schwimmen.

Ihre Regeln: Ein See muss problemlos per Rad oder Bahn erreichbar sein, Freibäder zählen nicht, und Neoprenanzüge sind nicht erlaubt; sie ist fest entschlossen, diesen Plan auch im Winter durchzuziehen.

Das Strandbad am Nymphensee lässt Lee samt Parkplatz rechts liegen und biegt in den Wald ein. "Ich brauche ein komplettes Bild von jedem See", erklärt sie. Lee folgt einem Trampelpfad entlang eines Drahtzauns, durch mannshohes Gestrüpp, bis sich endlich eine kleine Lücke auftut. Sie geht den kleinen Abhang zum Wasser runter, hält kurz inne und verkündet fast dienstlich: "Das hier ist meine Nummer 15."

Nummer 15 liegt 40 Regionalbahnminuten oder zwei Radfahrstunden westlich vom Berliner Alexanderplatz. Nur alle halbe Stunde fährt ein Zug hierher, nach Brieselang, 11.300 Einwohner, mit einer "Wollstube" am Bahnhof und Typen mit Eisernes-Kreuz-Tattoo auf der Wade.

Für Jessica Lee ist jetzt schon klar, dass sich der Trip gelohnt hat. "Man kommt leicht rein, es gibt Sand, und das Wasser ist ganz klar, ohne Kleinstpartikel", sagt sie bei einer ersten Trockeninventur. "Anders als im Liepnitzsee, da ist so viel Schmodder. Im Weißen See trieb diese Woche sogar ein riesiger toter Fisch."

Die Testerei ist ein Nebenprodukt ihrer Doktorarbeit über Die Umweltgeschichte von Hampstead Heath in London. Die Kulturwissenschaftlerin musste sich abhärten. Für ihre Feldforschungen am Ladies’ Pond, dem Damensee des berühmten Parks, in dem sich seit je Frauen zum Schwimmen treffen, jeden Tag, zu jeder Jahreszeit.

Als sie vergangenen Winter nach Berlin gezogen war, begann sie, zur Vorbereitung, durch die hiesigen Seen zu schwimmen. Inzwischen ist daraus ein Hobby geworden – nur eben mit Konzept, Blogserie und Hashtag für ihr Twitter- und Instagram-Profil: #52lakes.

"Ganz von Landschaft umgeben"

Schilf, aber kein Schmodder: Jessica Lee am Nymphensee

Als sie aus Shorts und Top schlüpft, den schwarzen Bikini trägt sie drunter, blitzt Heidekraut auf, tätowiert auf den Rippenbogen – zusätzlich zu dem unübersehbar großen Holunder-Tattoo und dem Lindenblatt an ihrem linken Arm, alles Pflanzen vom Londoner See. Das an der Rippe ist ganz frisch, eigentlich dürfte sie nun zwei Wochen lang nicht schwimmen. "Aber das wäre die Hölle!"

Ein, zwei, drei schnelle Schritte ins Wasser, dann macht sie einen flachen Köpfer und ist weg. Als sie wieder auftaucht, wischt sie die triefenden Haare aus der Stirn, schwimmt weiter und nimmt Maß. Am Ufer Schilf, noch mehr Schilf, Wald, noch mehr Wald, gegenüber die sandgesäumte Nordhälfte des Nymphensees: das Strandbad samt Bademeisterturm und Strohschirmen, die aussehen, als hätte man sie von einer Karibikinsel geklaut, dem Volleyballnetz, und, abgetrennt von Schilf, einem Stück FKK-Strand.

Es ist zehn Uhr morgens an einem Werktag, aber von dort kommt ein Kinderkreischen wie sonntags im Kreuzberger Prinzenbad. "Nur mitten im See hat man diese umfassende Perspektive, ist ganz von Landschaft umgeben", sagt Lee zwischen ihren Brustschwimmzügen. "In diesem Moment erfasst man das Wesen eines Sees."

In ihren Forschungen geht es um die Verwandlung von Natur in Kultur, um das, was passiert, wenn der Mensch in die Umwelt eingreift, sie benutzt, managt oder gar kommerzialisiert. Der Nymphensee ist das beste Beispiel: Er sieht so wild aus, ist aber reinstes Kulturprodukt. Ein Baggersee, entstanden, weil Anfang der 1910er und Ende der 1970er Sand gebraucht wurde für den Straßenbau. Lee sorgt sich, dass die Balance zwischen Wildnis und Nutzbarmachung irgendwann kippt. "Wir verlieren öffentlichen Raum in unfassbarem Tempo", sagt sie. "Man muss sich nur mal anschauen, wie viele Ufer in Brandenburg schon privatisiert sind." In den vergangenen 20 Jahren wurden so viele Ufer an Investoren und Privatleute verkauft, dass das Land Brandenburg 2014 immerhin 51 Seen vor der Versteigerung des Bundes erworben hat, um zumindest hier den freien Zugang langfristig zu garantieren.

Zwei Blesshühner gleiten vorbei, kühles Wasser treibt nach oben. "Es fühlt sich an wie kalte Seide, die an meinem Körper entlanggleitet", sagt Lee. Schwimmen, das sei wie eine "umfassende Berührung", formulierte der viel schwimmende Schriftsteller John von Düffel einmal, das Wasser ein "poetisches Element".

Für ihre Testserie knipst Lee, bis zum Hals im Wasser, noch schnell Schilf, Badestrand, Büsche und ihre Zehen, wie sie aus dem Wasser ragen, fertig. Sie verstaut ihren nassen Bikini in einer Plastiktüte, packt eine Thermoskanne aus, dazu Kekse der Sorte "Tag am Meer". Auf ihrem Telefon kontrolliert sie die Fotos, wischt mit dem Daumen durch die Monate: Eisschollen in der Krummen Lanke, Schnee am Bötzowsee. Ihr Lieblingssee? Die Liste ändere sich dauernd. Im Moment steht der Nymphensee recht weit oben. "Diesen Winter werde ich mir was leisten", sagt sie entschlossen, "eine Eissäge."

Sie muss los, packen. Am Tag darauf geht es nach Ontario, ins abgeschiedene Cottage ihrer Familie, natürlich an einem See. Zurück in Berlin, wird Lee dann wieder auf ihre Landkarte schauen, ihr rotes Badelaken einpacken und losziehen, Woche für Woche, noch 37-mal. Mindestens.