Der König stinkt.

Des Haares mähnenhafte Fülle hat Ludwig früh verloren, Typhus trug dazu bei. Seine aberwitzigen Perücken sollen es kompensieren. Auch Zähne hat er, als er stirbt, schon lange keine mehr. Karies hat sie zerfressen, die Ärzte haben ihm jeden Stumpf herausgequält. Dabei ging der Kiefer zu Bruch, der Mund des Königs ist ein stinkendes Loch.

Was vermögen schon die Ärzte? Innerhalb weniger Jahre sterben die Thronfolger: Ludwigs Sohn, Enkel, der erste Urenkel – an Scharlach, Masern, Pocken oder Windpocken. Das glorreiche Haus Bourbon beginnt in seinen Festen zu wanken. Nur ein letzter Urenkel ist 1715 geblieben. Seine Mutter hat ihn rechtzeitig den Ärzten entrissen: Ludwig XV., ein Kind von fünf Jahren.

Aber nicht allein der König, ganz Versailles stinkt. Viel zu viele Menschen drängen sich um die Sonne Seiner Majestät. Versailles ist Palast, aber auch Hütte, eine Kaserne des Hochadels, und für die Dienerschaft ein Verschlag. Als Toiletten gibt es nur Abtritte, Plumpsklos. Lediglich in den Winkeln der besseren Kabinette stehen Leibstühle; hinter den goldenen Säulen riecht es streng.

Doch so delikat und eifersüchtig man sonst auf Distanz hält, so ungeniert zeigt sich mancher hier. Der Herzog von Vendôme zum Beispiel findet – ob am Hofe oder im Felde – nichts dabei, seine Besucher auf dem Leibstuhl zu empfangen, noch weniger, sich vor aller Augen den Hintern abzuwischen. Manchen erfasst bei diesem Anblick gelinde Indignation. Doch der junge Abbé Alberoni, Sohn eines Winzers, weiß gleich seine Chance zu nutzen: "O culo d’angelo!", ruft er entzückt. "Der Hintern eines Engels!"

Die Welt von Versailles mochte stinken. Aber sie lehrte, wie man im Europa des Absolutismus Karriere macht: Giulio Alberoni wurde Kardinal und später Spaniens Premier.

Der König schweigt.

Wann genau Ludwig sie geheiratet hat, ob gleich nach dem Tod seiner Frau im Juli 1683 oder etwas später, weiß niemand mit Sicherheit. Aber dass er Madame de Maintenon zur Gattin linker Hand nahm, steht außer Zweifel. Sie selber hätte es nur zu gerne kundgetan und ließ es den Hof auf jede Weise wissen.

Ein erstaunliches Leben! Im Gefängnis geboren, als Kind eines einsitzenden Betrügers mit des Kerkermeisters Töchterlein, wächst sie in der Karibik auf. Zurück in Paris, heiratet sie den scharfzüngigen Dichter Paul Scarron und genießt die Welt der preziösen Salons. Nach Scarrons Tod kommt sie als Erzieherin der unehelichen Kinder Ludwigs der Sonne näher.

Er ist 45, als er sie zur Frau nimmt, sie 48. Sie ist geistreich, liebenswürdig. Aber sie wird immer bigotter. Für Liselotte ist sie bald nur noch die "Hexe", die "alte Hutzel", die hinter den Frömmigkeitswallungen des Königs steckt. Doch Ludwig gehört ihr allein, für den Rest seines Lebens, und schweigt.

Wie fromm, wie devot er in seinen späten Tagen wirklich wird? Natürlich hatte ihm der Papst noch nie etwas zu sagen, oder nur, was das königliche Ohr zu hören begehrte. So konsequent indes wie einst Englands König Heinrich VIII. seine anglikanische Kirche will er die gallikanische nicht von Rom lösen. Er bleibt ein treuer Bekenner der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Konfession.

Noch in seinen allerletzten Lebensjahren verfolgt er unerbittlich den Jansenismus, diesen Calvinismus light innerhalb der Kirche. Aber weniger aus Glaubenswut denn aus Staatsräson – bietet doch diese strenge Reformfraktion, wie der Marburger Ludwig-Kenner Klaus Malettke schreibt, "den Unzufriedenen jeglicher Couleur ein Refugium". 1710 lässt der König das geistige Zentrum der Jansenisten, das Kloster Port-Royal bei Versailles, dem Erdboden gleichmachen, selbst die Toten werden aus den Grüften gezerrt, die Gebeine in einem Massengrab verscharrt. Nunc et in hora mortis: Ludwig kann zufrieden sterben.

Der König hat das letzte Wort.

Und das hier? Die Maxime für Europas Schulbücher, sein allerbekanntester Satz: L’état, c’est moi – der Staat, das bin ich?

Nein, den hat er nie gesagt. Nur dies, zur Beruhigung, zur Warnung, und es bleibt sein historisches Vermächtnis, im Schlechten wie im Guten: "Ich gehe, der Staat aber bleibt."