Im hybriden Krieg Russlands gegen seine Nachbarländer hat ein neues Regiment den Kampf aufgenommen. Diesmal sind es keine Einheiten ohne Hoheitsabzeichen, keine Separatisten mit Moskauer Waffen, sondern Richter im russischen Rostow am Don. Das dortige Militärgericht verurteilte am Dienstag den ukrainischen Filmregisseur Oleh Senzow zu zwanzig Jahren Haft. Die Richter hielten es für erwiesen, dass der Regisseur auf der Krim ein Parteibüro in Brand gesetzt und einen Terroranschlag auf eine Lenin-Statue geplant habe.

Mit Senzow treffen die russischen Richter vieles, was ihnen an der Ukraine ganz grundsätzlich missfällt. Nach seiner auf dem Filmfest in Rotterdam 2012 viel beachteten Dokumentation Gamer steht Senzow für jene Ukrainer, die ihrem Land in Europa Aufmerksamkeit verschaffen. Er kommt von der Krim und hat 2014 gegen die Annexion protestiert. Und er hat am Maidanaufstand in Kiew teilgenommen.

Anfang der Woche traf bei Präsident Putin ein Protestbrief deutscher Filmschaffender ein, darunter Fatih Akin und Iris Berben; und nachdem sich zuvor schon die EU, die Bundesregierung, die USA, die OSZE und Amnesty International für Senzow eingesetzt hatten, war es für die Justiz russische Ehrensache, das Strafmaß besonders hoch anzusetzen.

Senzows Verteidiger nennen das Verfahren einen Schauprozess. Beweise seien zurechtgebogen, Zeugenaussagen erkauft worden. Der Regisseur sei außerdem in der Untersuchungshaft schwer misshandelt worden. Die Justiz dagegen behauptet, Senzow sei sadomasochistisch veranlagt und habe sich die fotografisch dokumentierten Verletzungen selbst zugefügt.

Das Verfahren von Rostow zeigt, mit welchen Methoden russische Behörden versuchen, den verhassten Nachbarn Ukraine zu zermürben. Neben Senzow gibt es noch weitere politische Häftlinge aus der Ukraine in Russland. Einige stammen wie Senzow von der Krim und wurden dort verhaftet. Die Russen verschleppten aber auch ukrainische Bürger aus anderen Regionen nach Russland. Zum Beispiel Nadja Sawtschenko, eine in der Ukraine beliebte Militärpilotin, gegen die am Militärgericht in Rostow derzeit auch der Prozess läuft. Menschenrechtler schätzen die Zahl der Ukrainer, die in Russland unrechtmäßig festgehalten werden, auf rund tausend. Sie sind Geiseln im fortdauernden Kampf Russlands gegen den Maidan und die Ukraine.