Im Repetitorium von Anwalt Hermann Embacher bereiten sich Jurastudenten auf das erste Staatsexamen vor.

In den Ferien besuchen ZEIT-Autoren wichtige Orte der Hochschulen. Vorlesungen des letzten Semesters gibt es unter www.zeit.de/hoersaal

Alles ist vertreten: Jura-Look mit Bluse und Blazer, Karohemden und Kapuzenpullis. Hier geht es nicht darum, sich zu zeigen. Das hier ist ein Trainingslager, dreieinhalb Stunden lang. Sechs der siebzehn Teilnehmer stehen kurz vor der schwersten Prüfung im deutschen Uni-System: dem ersten juristischen Staatsexamen. Hier im Repetitorium, genannt "Rep", wird alles wiederholt, was wichtig ist. Vor jedem Studenten liegt ein sehr dicker Wälzer mit sehr dünnen Seiten – die Zivilprozessordnung. Dozent Hermann Embacher hält in beiden Händen Plastiktüten, vollgestopft mit Papieren. Das Lernmaterial für heute, Fälle und Lösungsskizzen.

Es geht um das Leasing eines Porsche. Embacher malt ein Dreieck auf die Tafel: Verkäufer, Leasinggeber und Leasingnehmer. Wer hat Ansprüche gegenüber wem, wenn das Auto Mängel hat? Oder laienhaft gesagt: Wer darf hier wen verklagen? Diese Frage gilt es zu klären. Die Studenten schlagen ihre Bücher auf, wischen über die dünnen Seiten hinweg: flip, flip, flip. Es hört sich an wie ein Vogelschwarm. "Das steht nirgends", sagt Embacher, ohne zu lächeln.

"Überlegen Sie", sagt er, "was würden Sie als Gesetzgeber tun?" Schweigen. Einer aus der letzten Reihe versucht es zaghaft, stottert ein paar Sätze heraus. Jetzt lächelt Embacher, "Boah, das war jetzt richtig gut!" Der Student hat keine Zeit, sich über das Lob zu freuen. Denn jede richtige Lösung wirft nur neue Probleme auf. Wieder fliegt der Vogelschwarm.

Nach eineinhalb Stunden ist Pause. Embacher malt schon das nächste Dreieck an die Tafel, die Studenten gehen frische Luft schnappen. Sind die Kurse an der Uni auch so? "Nein", sagt einer der Studenten. "Hier hört jeder zu."