Als Sachse ist man fast versucht, zum Bettler zu werden: Gebt uns nicht auf! Verstoßt uns nicht! Denn wer an Sachsen denkt, denkt derzeit oft an nichts Gutes mehr.

Es ist noch nicht so lange her, da dachten Kölner oder Kieler, die über Sachsen sprachen, an: Frauenkirche. Erzgebirge. Neo Rauch. Das waren die schönen Zeiten; die Zeiten, in denen in Sachsen etwas Gutes wuchs. Vorzeigeland des Ostens! Finanzpolitisch top. Und diese Marktplätze! Auf Partys schämte man sich nicht mehr, Sachse zu sein.

Irgendwann vor einem Jahr jedoch begannen die Leute, an Pegida zu denken, wenn sie über Sachsen redeten. Später an Freital. Und nun, nach den jüngsten Krawallnächten, nach dem Exzess menschlicher Kälte in der sächsischen Provinz, da denken die meisten an: Heidenau. Sie denken Praktiker-Baumarkt. Neonazis. Menschenfeinde. "Asylgegner". Was für eine schreckliche Gegend das sein muss. Was für eine schreckliche Gesellschaft. Was für eine erbarmungslose, verschlossene, menschenfeindliche Zone. Sachsen, wo keine Gefühle wachsen. Gehört dieses Volk überhaupt noch zu Deutschland? Dass diese Frage gestellt wird, hat sich dieses Bundesland auch redlich verdient. Ich bin Sachse, und ich schäme mich jetzt dafür.

In der vorigen Woche erschien in dieser Zeitung ein Kommentar meines Kollegen Stefan Schirmer mit dem Titel: Dann geht doch! Angesichts von Hass, Extremismus und Abschottung im Freistaat müsse Sachsen sich überlegen, ob es die Bundesrepublik nicht irgendwann verlassen, einen "Säxit" anstreben wolle. Auf seinen Text hin kamen Unmengen an Post. Mails und Briefe voll diebischer Freude – oder auch mit ehrlich gemeintem Lob. Einige fühlten sich persönlich beleidigt. Andere sagten, das sei ja Ossi-Bashing. Was falle den Wessis eigentlich ein?

Auch wenn einige den Kommentar zum Anlass genommen haben, Ossi-Bashing zu betreiben – genau das betreibt er nicht. Denn die Wut auf uns, auf die Sachsen, ist ja berechtigt. Ich hege sie selbst. Schon das Bekenntnis, Sachse zu sein, tut heute wieder weh. Ich will nicht Teil dieses Pöbels sein! Jene Sachsen, die die braunen Idioten verachten, haben innerlich mit ihrem Bundesland zumindest einstweilen abgeschlossen – mir geht es jedenfalls so. Ob Politiker, Journalist oder BWL-Student: Wir hadern mit dieser Gegend doch so sehr wie jene, die Sachsen zurzeit nur aus der tagesschau kennen.

Dennoch gestehe ich niemandem zu, uns einfach zu verstoßen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich verteidige hier gar nichts. Jeder Neonazi, der seine Hand in den Himmel reckt, jeder Bürger, der nichts gegen Flüchtlinge habe, "aber..." – ach: jeder Tag, an dem Sachsen seine Fratze zeigt, kotzt mich an, und zwar so richtig. Nur haben jene, die nicht in Sachsen leben, aber dennoch den "Säxit" reizvoll finden, zwei argumentative Probleme. Erstens: Wer "Säxit" sagt, will ein Problem abschütteln, als sei es ein alter Schuh. Der sagt: "Ich hab damit nichts zu tun." Und sind Sie sich sicher, dass Sie damit nichts zu tun haben? Schließen Sie aus, dass Ihr Nachbar ein Nazi ist? Kümmern Sie sich um Asylbewerber? Distanzierung ist immer billig. Wer das, was hier in Sachsen geschieht, zum rein sächsischen Problem erklärt, wird noch lange kein besserer Mensch. Man steht nicht moralisch höher, nur weil man seinen Abscheu deutlich zeigt. Moralisch höher steht, um’s mal mit Pathos zu sagen, allenfalls, wer sich selbst opfert.

Deshalb zweitens, noch wichtiger: Wer den "Säxit" fordert, ist offensichtlich bereit, uns alleinzulassen. Mit dem Rechtsextremismus-Problem. Mit den Nazis, den Hools, den Idioten. Dabei ist mir schon klar, dass niemand ernsthaft den "Säxit" als realistische Option begreift. Sachsen wird die Bundesrepublik nicht verlassen. Aber es zählt das Symbol, das diese Forderung aussendet: Wir wenden uns von euch ab.

Was aber passiert, wenn sich der Rest der Republik von Sachsen abwendet? Dann bleiben wir Vernünftigen, auf uns gestellt, zurück; dann sind wir allein mit dem üblen Rest. Mit dem, was Sigmar Gabriel bei seinem Besuch in Heidenau gerade "Pack" genannt hat. Ich wäre – wir Sachsen wären – den Wutbürgern ausgeliefert. Den Pegidisten. Den Lutz Bachmanns.

Stattdessen könnten alle, die jetzt den "Säxit" fordern, jenen Sachsen, die zurzeit Gutes tun, doch eigentlich besonders viel Respekt entgegenbringen. In Leipzig haben dermaßen viele Menschen Willkommenspakete für Flüchtlinge geschnürt, dass die Lagerräume noch auf Wochen voll sein werden. Hunderte Sachsen, Alte und Junge, reisen von Kleinstadt zu Kleinstadt, um sich schützend vor Asylbewerberheime zu stellen. Andere geben in Zeltstädten Essen aus, nicht einmal, nicht zweimal – sondern Mittag für Mittag. Es gibt junge Ärzte, die in ihrer Freizeit in Flüchtlingsheimen praktizieren. Es gibt Opas, die für syrische Kinder Spielzeug bauen. Und schauen Sie mal genauer nach Leipzig: Das ist eine Stadt, die mit Pegida-Dummnasen nichts, aber auch gar nichts gemeinsam hat. Viele Leipziger fordern vielleicht eher den "Drexit", den Ausschluss des Großraums Dresden (GDR).

Ja, ich hätte große Lust, Sachsen zu verlassen. Aber nein. Ich bleibe hier. Gerade jetzt. Sonst gewinnt Pegida. Wir brauchen den Exit vom Säxit.

Liebe Hessen, liebe Thüringer, liebe Kölner, liebe Kieler: Wir müssen jetzt nicht nur Flüchtlinge in die Gesellschaft integrieren. Sondern auch viele Sachsen in die Demokratie.

Wie umkämpft Heidenau in diesen Tagen ist, sehen Sie in diesem Video: