Die Menschheit schlägt also zurück, humanity strikes back . Sie verteidigt sich mit dem urmenschlichen Mittel des Erfindergeistes. Zumindest nachdem ein anderes, ebenso urmenschliches Machtwerkzeug, die Bürokratie nämlich, versagt hat. Wogegen? Ach ja, Pardon, es geht hier nicht um Krieg und Frieden, nicht um den Aufstieg und Fall großer Mächte, nicht um Armageddon. Es geht ums Telefon.

Humanity strikes back, das klingt uramerikanisch, und diese Geschichte spielt auch in Amerika. Wo die Federal Trade Commission (FTC), eine Behörde für den Wettbewerbs- und Verbraucherschutz, unter diesem Motto einen Erfinderwettbewerb veranstaltete. Im März hat sie ein Preisgeld von 25 000 US-Dollar ausgelobt für "technische Lösungen, um unerwünschte Roboteranrufe am Festnetz- oder Mobiltelefon abzublocken".

Robocalls, Roboteranrufe, nennt man Telefongespräche, in denen ein Computerprogramm so tut, als sei es ein Mensch ("Hallo, mein Name ist Shelley und ..."). In der Regel sollen diese vermeintlichen Menschen den tatsächlichen am anderen Ende der Leitung irgendetwas verkaufen. Wie E-Mail-Spam, nur am Hörer. Das ist verboten, bei uns ebenso wie in den USA. Anders als in Deutschland aber, wo Robocalls bislang kein großes Thema sind, grassieren die Anrufe in Amerika trotz aller Bußgelddrohungen. "Wären Robocalls eine Krankheit, dies wäre eine Epidemie", klagt das Verbraucherschutz-Magazin Consumer Reports in seiner aktuellen Ausgabe.

Dass ausgerechnet die zuständige Regulierungsbehörde Bastler und Programmierer zur Gegenwehr rief, zeigt: Dieser Epidemie ist mit Vorschriften nicht beizukommen. Ein echter Killer muss her. Robokiller – so heißt die Software, deren Macher Mitte August das Preisgeld der Wettbewerbshüterbehörde abgestaubt haben. Robokiller ist eine App fürs Smartphone, die kurz in die ersten Momente eines Anrufs hineinlauscht und dann entscheidet: Ist da wirklich jemand dran? Oder nur etwas?

Maschinen, die andere Maschinen dabei ertappen sollen, sich Menschen gegenüber als Menschen auszugeben – das ist ein kurioses Ringen um Waffengleichheit im aufziehenden Digitalozän, dem durchcomputerisierten Zeitalter. Und es ist eine Konstellation, die an das grundlegende Gedankenspiel der Digitalsteinzeit erinnert, den Turingtest. In dem legendären Aufsatz Computing Machinery and Intelligence (Mind, 1950) hatte der britische Mathematiker Alan Turing Folgendes vorgeschlagen: Eine Testperson möge mit einem Gegenüber in einen Dialog treten, während dieses Gegenüber hinter einer Tür verborgen bleibe. Ob es sich dabei um eine Person oder um einen geschickt programmierten Apparat handele, dürfe der Proband nicht wissen. Gewinne er aber im Dialog den Eindruck, sich mit einer echten Person zu unterhalten, während tatsächlich am anderen Ende nur ein Gerät stehe – dann könne man dieses getrost als denkende Maschine betrachten, vulgo als Künstliche Intelligenz. Einfach weil es uns ebenbürtig und damit intelligent erscheine .

Zugegeben, bereits Zeitgenossen kritisierten Turings Idee (besonders natürlich die Hirnforscher und Philosophen). Und provokativ unterkomplex ist sie ja tatsächlich. Doch bis heute ist der Turingtest eben auch der populäre Inbegriff für den Versuch, einen Gesprächspartner als intelligent zu erkennen, unabhängig davon, ob er aus Fleisch und Blut besteht oder eben aus Schaltkreisen. So gesehen, ruft der Robocall-Wettbewerb der FTC zu einem umgekehrten Turingtest auf: nämlich dazu, bei Gesprächspartnern zwischen biologisch und elektronisch zu unterscheiden, ganz unabhängig davon, ob das Gespräch intelligent ist oder nicht.

Denn so funktioniert Robokiller: Die App spürt in kleinen Klangschnipseln subtile "Audio-Fingerabdrücke" auf, wiederkehrende Muster wie zum Beispiel kleinste Pausen, die kein Mensch erzeugen könnte – und die maschinelle Sprache verraten. Die Unterscheidung, bei Alan Turing noch Kernkompetenz des menschlichen Probanden, fällt hier allerdings in die Zuständigkeit der Software. Weil nämlich dem Ohr schlicht entgeht, was die App blitzschnell bemerkt. Genau genommen, schlägt also weniger die Menschheit zurück als vielmehr Maschinen im menschlichen Auftrag.

Damit nicht genug der Pointen: So wurden die Sieger der behördlichen Bastelolympiade ausgerechnet bei der Hackerkonferenz Def Con geehrt. So wurde der strike-back der Menschheit keineswegs zum ersten, sondern schon zum wiederholten Male ausgetragen. So griff vor zwei Jahren ein unterlegener Teilnehmer auf das dritte urmenschliche Machtwerkzeug zurück, er zog gegen die Jury-Entscheidung vor Gericht.

All das hätte sich kein Telefonroboter ausdenken können.