Das Wörtchen fuck ist eine im US-Amerikanischen oft und gern gebrauchte Vokabel. Wer mitreden will, tut gut daran, es hier und da einzuflechten, und wer je an einer intellektuellen Abendunterhaltung teilgenommen hat, weiß, dass auch akademische Kreise reichlich Gebrauch davon machen. In seiner alles würzenden Funktionalität verleiht es noch der bescheidensten Meinung einen gewissen Nachdruck, man könnte sagen: Das Wörtchen fuck ist so demokratisch wie Micky Maus, McDonald’s oder Coca-Cola. Und doch gab es einmal Verwendungsweisen, an denen Amerika Anstoß nahm.

Dem Song Fuck Tha Police besondere Raffinesse zu bescheinigen wäre abwegig: Die Beats sind grob, der Sound ist brutal, der Text beschränkt sich auf endlos wiederholte Variationen der Grundaussage. Bei seinem Erscheinen Ende der Achtziger jedoch war das Stück der angemessen unterkomplexe Kommentar auf Verhältnisse, die das Regime Ronald Reagans geschaffen hatte: Keiner rappte so dramatisch über crackverseuchte Innenstädte wie die Band N.W.A. – Niggaz Wit Attitude. Dass sie dafür unter Polizeieinsatz von der Bühne geprügelt wurde, zeugt von dem unentspannten Verhältnis, das das weiße Amerika zu seiner schwarzen Minderheit pflegt. Dem Ruhm indes war es eher förderlich.

Die Prügelszene markiert gleich in doppeltem Sinn eine Schlüsselsituation in Straight Outta Compton, dem Zweieinhalbstundenepos über den Aufstieg von N.W.A. zur "gefährlichsten Band der Welt". Zehn Jahre hat die Produktion gedauert, mehrmals wurde das Drehbuch umgeschrieben, einmal sogar der Regisseur ausgewechselt, was nicht zuletzt daran liegt, dass sämtliche noch lebenden Beteiligten penibel über ihre Darstellung gewacht haben. Jetzt, da der Film endlich in die Kinos kommt, hat die Realität ihn überrundet: Wieder wird in den USA über Polizeiwillkür und alltäglichen Rassismus diskutiert. Die aufgeheizte Stimmung, in die er platzt, geht mit Befürchtungen einher, hier würden womöglich verbale Brandsätze gezündet, doch in dem Punkt kann Entwarnung gegeben werden. Statt Gewalt zu predigen, feiert Straight Outta Compton die kulturstiftende Macht des Wortes.

Gleich zu Beginn sehen wir O’Shea Jackson, besser bekannt unter dem Kampfnamen Ice Cube (täuschend lebensecht von seinem Sohn O’Shea Jackson jr. gespielt), im Schulbus Verse in sein Notizbuch kritzeln: ein Poet von der Straße, der das Geschehen um ihn herum mit der Unbestechlichkeit eines Kriegsberichterstatters festhält. Im nächsten Moment sind wir auch schon dabei, wie der als Dr. Dre berühmt gewordene Problemjugendliche André Young unter überdimensionalen Kopfhörern von einer Karriere als Plattenproduzent träumt. Gemeinsam rekrutieren sie Eazy-E, den Einzigen in der Band, der entfernt an einen Gangster erinnert, und bilden ihn im Studio zum Rapper aus. Die Botschaft: Wer reimt, dealt nicht. Gezeigt wird aber auch die Geburt einer Geschäftsidee. Polit- und Partyrap, wie er in den Achtzigern an der Ostküste vorherrschte, mag Studenten begeistern, in Krisenzeiten verlangt Amerika nach krasserem Stoff. Und den fand man in Compton, einem für seine Bandenkriminalität berüchtigten Vorort von Los Angeles, direkt vor der Haustür.

Es ist die klassisch amerikanische Geschichte vom Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen, die hier noch einmal als schwarze Erfolgsstory durchdekliniert wird. Dass man sich über die halbe Strecke des Films trotzdem bestens unterhalten fühlt, liegt am Dekor. Ice Cube und Dr. Dre, beide als Produzenten beteiligt, haben strengstens auf historische Genauigkeit geachtet, quasi live erleben wir mit, wie die Einzelnen zu ihren Rollen finden: Cube, der Mann fürs Grobe, Dre, der Soundstratege, Eazy-E, der Garant für Bodenhaftung und Street Credibility, sowie DJ Yella und MC Ren, zwei Boys aus der Hood, die blass bleiben, aber aus Gründen der Korrektheit vorkommen müssen. Während draußen Schüsse durch die Nacht peitschen, werden wir Zeuge, wie Wut sich in Text verwandelt, wir schauen den Protagonisten über die Schulter, wenn sie um ein Mischpult herumsitzen und sich gegenseitig bestätigen: Der Scheiß ist wirklich dope, Mann!

Die Probleme beginnen mit dem Erfolg. Nicht dass das Leben als Gangsta-Rapper öde wäre, im zweiten Teil rückt endlich der Lohn der ganzen Investition ins Blickfeld, die schnellen Autos, die Villen unter kalifornischen Palmen, die zahlreichen Pool-Partys, die die Durchsetzungsphase des Genres begleiten. Doch während die Helden sich an nackt um Sektpyramiden tanzenden Schönheiten erfreuen, plagen sie längst andere Sorgen: Ein gieriger (weißer) Manager hat Gelder veruntreut. Der Film bleibt seinem authentizistischen Konzept treu, indem er auch auf diesem Gebiet nichts auslässt, selten wurden Vertragsverhandlungen samt daraus folgenden gerichtlichen Auseinandersetzungen so detailliert auserzählt, doch zum einen ist juristisches Geschacher ein dramaturgisch unergiebiger Gegenstand, und zum Zweiten kann Kapitalismus ein schweres Spiel sein: Als Musiker waren N.W.A. Underdogs, als millionenschwere Unternehmer müssen sie ihr Lehrgeld zahlen.

Noch einmal sehen wir uns in den Strudel der Ereignisse hineingezogen, werden in Machtkämpfe verwickelt, dürfen Ränkespiele um Firmengründungen und Firmenauflösungen mitverfolgen – jede noch so unbedeutende Station der N.W.A.-Story wird akkurat abgearbeitet, allein die Sympathien beginnen zu schwinden: So viel anders als im Management von General Motors geht es bei Death-Row-Records auch nicht zu. Als die Band nach endlosen Querelen darüber, wer wem aus welchen Gründen Respekt schuldet, wer wen warum gedisst hat, vor allem aber: wessen Business-Idee sich auf die Dauer als die überlegene durchsetzen wird, auseinanderbricht, setzt Dr. Dre sich frustriert in seinen weißen Ferrari und rast mit brennenden Reifen über den Highway. Dass er von der Polizei gestellt wird, kann beim besten Willen nicht mehr als alltäglicher Rassismus verbucht werden, es ist pures Künstlerpech. Sebastian Vettel hätte das auch passieren können.

Der Rest ist Markenpflege. Zum Finale des einem Mafia-Film nicht unähnlichen Biopics haben die beiden Hauptprotagonisten sich vollumfänglich zu kapitalistischen Musterknaben gemausert, die das Gangsta-Rap-Erbe mit patenhafter Souveränität verwalten. Ice Cube erobert den Mainstream, Dr. Dre schickt den Gangsta-Rap in Serie: Snoop Dogg, Warren G, Eminem, Tupac Shakur, 50 Cent, sie alle haben ihre Karrieren seiner Studioarbeit zu verdanken. In dieser Schlussphase ist Straight Outta Compton ein unangenehm hagiografisches Machwerk, dessen Sinn sich darin erschöpft, distanzfrei die herausgehobene Stellung des Duos in der Welt zu demonstrieren. Wir lernen: Geschichte ist immer die Geschichte von Siegern. Nachdem auch das geklärt wäre, schließt die Handlung allmählich zum Tagesgeschehen auf. Doch ein Ende kann und will der Film nicht finden.

Der afroamerikanische Kulturtheoretiker Bakari Kitwana hat bereits vor zehn Jahren bemerkt, Gangsta-Rap sei der Begleitsound zum grassierenden Finanzkapitalismus. Ganz in diesem Sinn werden wir noch im Nachspann mit dem allerletzten Stand an der Börse versorgt. Falls es Sie interessieren sollte: Ice Cube macht inzwischen Familienfernsehen. Dr. Dre darf sich durch den Verkauf seiner Kopfhörerfirma Electronic Beats an Apple seit Kurzem als "erster Hip-Hop-Milliardär" feiern lassen. Gemeinsam stehen sie dafür gerade, dass das Wörtchen fuck basslastig und garantiert unkriminalisiert in sämtliche Jugendzimmer der westlichen Welt geblasen wird. Glückwunsch dazu, so richtig dope ist es trotzdem nicht. Um heil durchs 21. Jahrhundert zu kommen, braucht Amerika neue Geschichten.