Menschen schlafen auf dem bloßen Boden, Jugendliche werden vermisst: Seit Wochen herrschen im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen in Österreich katastrophale Bedingungen. Doch niemand übernimmt Verantwortung, niemand will schuld sein. Mittendrin: Das Schweizer Unternehmen ORS. Es steht für das Versagen des Staates, für Missmanagement in der Asylpolitik.

Doch wer ist diese ORS, die in Österreich alle Bundeszentren betreibt und in der Schweiz der größte Betreiber von Asyleinrichtungen ist? Und wie kann es sein, dass ein Unternehmen Gewinne erwirtschaftet, wenn es doch Gelder vom Staat bekommt, um Flüchtlinge zu betreuen?

Begonnen hat alles mit freiwilligem Engagement. Als in den achtziger Jahren Tausende Tamilen in die Schweiz kommen, existiert keine Infrastruktur. Privatpersonen und gemeinnützige Organisationen nehmen sich der Flüchtlinge an. In den folgenden Jahren kommen Kurden und Bosnier, Albaner und Somalier. Als der Kanton Basel-Landschaft 1992 bei dem Stellenvermittlungsunternehmen Adecco anfragt, ob man die Betreuung einer Asylunterkunft übernehmen könne, wird die Tochterfirma ORS AG gegründet. Noch im selben Jahr erhält sie vom damaligen Bundesamt für Flüchtlinge den Auftrag, die nationalen Empfangszentren in Basel, Kreuzlingen, Chiasso und Carouge zu betreiben. Die Bundeszentren gelten als lukrativster Auftrag in der Branche. Die ORS AG reüssiert, weil sie dem politischen Zeitgeist entspricht: schlanker Staat, effiziente Prozesse, niedrige Kosten. Eigentlich müsste der Auftrag alle vier Jahre neu ausgeschrieben werden, doch der Staat missachtet das Gesetz und lässt die ORS zwanzig Jahre lang walten und unterstützt damit ihre rasche Expansion.

Ein Schweizer Traiskirchen hat es in den 23 Jahren nie gegeben. Die staatlichen Auftraggeber äußern sich in der Regel positiv. Kritik kommt von Menschenrechtsorganisationen und Asylsuchenden: In der Stadt Bern wurden in einer ORS-Unterkunft Bettwanzen und Mäuse entdeckt, Bewohner beschwerten sich über die hygienischen Bedingungen, und Anwohner, die sich freiwillig engagierten, erhielten Hausverbot. In Dübendorf waren die sanitären Anlagen und die Küche in einem desolaten Zustand. Immer wieder wird bemängelt, dass zu wenig ausgebildetes Personal am Ort ist. Wird die ORS um eine Stellungnahme gebeten, verweist sie an die kantonalen Migrationsdienste.

Beat Meiner kommt das bekannt vor. Er war 24 Jahre lang im Asylwesen tätig, bis vor Kurzem als Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Seit es sie gibt, hat er die ORS beobachtet. Er hat mit ehemaligen Angestellten gesprochen und Arbeitsverträge gelesen. Sein Fazit: Die ORS erziele Gewinne auf Kosten ihrer Angestellten und der Asylsuchenden, die Firma nutze die Gelder der staatlichen Auftraggeber nicht vollumfänglich für die Betreuung. So sei die materielle Versorgung der Schutzsuchenden oftmals ungenügend und das Personal zu wenig qualifiziert. Entsprechend zahle die ORS deutlich niedrigere Löhne als die karitativen Organisationen. Tiefpunkt der Arbeitsverhältnisse sind für Meiner die Schweigeklauseln in den ORS-Verträgen. Tatsächlich sagen mehrere Angestellte, die für diesen Artikel kontaktiert werden, dass sie nur vertragswidrig über ihre Arbeit sprechen dürfen.

Warum legt die ORS nicht einfach ihre Verträge offen?

Gewinn auf dem Buckel der Asylsuchenden zu machen wäre "moralisch absolut unhaltbar", heißt es auf der Website der ORS. Ein solcher könne gar nicht erzielt werden, da das Geld der Behörden an die Asylsuchenden weitergegeben werde. "Es gibt keinen Spielraum."

Doch die Vorwürfe ein für alle Mal aus der Welt schaffen, indem sie Gewinnzahlen und -ziele offenlegt, will das Unternehmen nicht. Dass es auch Rahmenverträge unter Verschluss hält, ist umstritten. Denn darin werden Abmachungen festgehalten, welche die ORS mit staatlichen Stellen ausgehandelt hat. 2013 entschied der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte, dass "kein berechtigtes Geheimhaltungsinteresse" vorliege und, gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz, gewisse Verträge zwischen der ORS und dem Bundesamt für Migration offengelegt werden müssen. Nun will der grüne Nationalrat Balthasar Glättli aktiv werden. In der Fragestunde des Bundesrates verlangt er Klarheit zum Betreuungsauftrag und zu Transparenzfragen.