Es gibt eine Geschichte, die haben in Berlin fast alle Politiker geglaubt. Sie handelt von einem Stromversorger, der sich neu erfindet. Der sein Geld nicht mehr mit Elektrizität aus gefährlichen Atomkraftwerken oder schmutzigen Kohlemeilern verdienen will, sondern auf umweltfreundliche Weise: mithilfe von Sonne und Wind. Sein Name ist E.on, Deutschlands führender Energiekonzern.

Inzwischen wird eine andere Version erzählt. Die handelt von demselben Unternehmen und denselben Chefs und lautet so: E.on wolle sich still und heimlich davonstehlen – und nicht mehr für die Milliarden Euro haften, die der Ausstieg aus der Kernkraft, der Abbau der Meiler und die Endlagerung der Abfälle noch kosten werden. Der Konzern werde vor allem deswegen rechtlich umgebaut und neu organisiert. Nachdem die Gewinne der Atomwirtschaft privatisiert wurden, sollen künftige Verluste so weit wie möglich auf die Gemeinschaft abgewälzt werden. Frei nach dem Motto: Man kann es ja mal versuchen.

Welche Variante ist plausibler? Fest steht: Zum 1. Januar 2016 wird sich E.on rechtlich aufteilen, das Geschäft mit seinen Atom-, Kohle-, Gas- und Wasserkraftwerken ausgliedern und in einer neuen Gesellschaft namens Uniper an die Börse bringen. E.on selbst hat dann mit der Kernkraft nichts mehr direkt zu tun. Für die Kosten, die durch die Stilllegung von AKWs entstehen, wird nach einer fünfjährigen Übergangsfrist nur noch die Tochter Uniper aufkommen müssen. Reicht Unipers Geld nicht, und das ist gut möglich, wird die Bundesrepublik, werden die Steuerzahler einspringen müssen. Es geht dabei um viele Milliarden Euro.

"Ich fürchte, dass E.on eine Bad Bank für seine Atomkraftwerke schafft, die vom Steuerzahler gerettet werden muss", warnt Bärbel Höhn von den Grünen, Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestags. E.on bestreitet das entschieden. Das Unternehmen macht im Grunde nur nach, was der Wettbewerber Vattenfall schon 2012 vorgemacht hat. Damals strukturierte der schwedische Konzern sein Deutschlandgeschäft um – und löste nebenbei einen Beherrschungsvertrag zwischen der schwedischen Mutter- und der deutschen Tochtergesellschaft auf. De facto endet damit die Haftung der schwedischen Zentrale für die deutschen Atomlasten an der Grenze. Der Mutterkonzern habe sich "faktisch aus seiner Rolle als Mithaftender für die Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel zurückgezogen", klagt Schleswig-Holsteins grüner Energieminister Robert Habeck.

Dass der Rückbau der Atomkraftwerke teuer wird, ist klar. Doch bis vor Kurzem wirkte die Angelegenheit vergleichsweise gut und sicher finanziert. Insgesamt 38,8 Milliarden Euro mussten die vier Kernkraftwerksbetreiber E.on, RWE, EnBW und Vattenfall für den Rückbau der AKWs und die Endlagerung radioaktiver Abfälle in den vergangenen Jahren zurückstellen. Das ist eine Menge Geld. Aber nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist es immer noch viel zu wenig. Mindestens 50 bis 70 Milliarden Euro seien nötig, um die tatsächlichen Kosten zu decken, folgern die DIW-Energieökonomen in einer Untersuchung. "Niemand kann zuverlässig vorhersagen, wie hoch die Kosten für Rückbau und Entsorgung werden", sagt Christian von Hirschhausen, einer der Autoren der Studie. Aber schon heute sei "absehbar, dass die 38 Milliarden Euro nicht zur Deckung der Kosten ausreichen". Andere Schätzungen – von der Hochschule Ruhr West, dem Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft und dem Bundesrechnungshof – kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Die bisherigen Rückstellungen sind zu gering.

In Lubmin nahe der Ostsee zeigt sich bereits heute, welch irrer Aufwand für den Abbau eines Kernkraftwerks betrieben werden muss. Ein Arbeiter zieht seinen dicken roten Schutzoverall zu, streift die feuerfesten Spezialhandschuhe und die Atemschutzmaske über, als wäre er ein Astronaut. Er geht in eine Kabine mit der Aufschrift "Vorsicht, Kontamination" hinein und richtet sein Schmirgelgerät auf ein menschengroßes Stahlteil vor ihm: Wie ein Kärcher sieht der Apparat in seiner Hand aus, doch vorne aus der Düse schießt nicht Wasser, sondern Stahlkies. Es ist der Versuch, ein Armaturenelement des stillgelegten Kernkraftwerks Greifswald von radioaktiver Strahlung zu befreien.

Seit bald 20 Jahren räumen die Arbeiter der staatlichen Energiewerke Nord das frühere Vorzeigekraftwerk der DDR auf. Es ist ein Monsterprojekt: Allein die Maschinenhalle hinter dem Reaktorgebäude ist fast einen Kilometer lang. Rund 1,8 Millionen Tonnen Material müssen entsorgt werden. Am Ende sollen möglichst nicht mehr als 10.000 Tonnen davon ins Endlager wandern.