Carsten Rentzing verdankt dem Thema Homosexualität seine Karriere. Aber jetzt, da er weit oben ist, möchte er nicht mehr darüber reden. "Die Sexualethik halte ich für ein Randthema des christlichen Glaubens, das in der persönlichen Seelsorge besser aufgehoben wäre", sagt er an seinem ersten Arbeitstag als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, zwei Tage nach seiner Amtseinführung, im Telefoninterview. Dabei war das "Randthema" wahlentscheidend. Mit nur einer Stimme Vorsprung hatte sich Carsten Rentzing in einer Stichwahl gegen den Landesjugendpfarrer Tobias Bilz durchgesetzt, nach sechs Wahlgängen. Zwei Tage wurden Stimmzettel ausgeteilt, eingesammelt und ausgezählt. Die Wahl war eine Qual, eine Zerreißprobe – und eine weitere Etappe im Streit um die Frage, ob homosexuelle Paare im Pfarrhaus leben dürfen. Rentzing hatte sich in dieser Frage klar positioniert: Nein, sie dürfen nicht, jedenfalls nicht in Sachsen. "Homosexualität entspricht nicht dem Willen Gottes", sagte er noch vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Welt. Damit schert Rentzing aus dem Konsens der evangelischen Kirche in Deutschland aus. Die Bischofswahl in Sachsen war ein Rennen zwischen Liberalen und Konservativen, das in Deutschland erstmals seit Langem ein Konservativer gewann.

Seine Kritiker behaupten, Carsten Rentzing sei nicht nur konservativ, sondern reaktionär. Pfarrer aus Leipzig haben eine Onlinepetition gestartet: Sie plädieren für eine Kirche der Vielfalt, in der alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht und ihrer sexuellen Orientierung, Verantwortung übernehmen können. Vor allem beim Thema sexuelle Orientierung zweifeln sie an Rentzings Kirchenbild. Mehr als 1100 Menschen haben die Petition mit dem Titel Ja zur Amtseinführung, aber ... bisher unterzeichnet. Während des Einführungsgottesdienstes in der Dresdener Kreuzkirche formiert sich draußen vor der Tür ein kleiner Protest. In der Kirche werden Pfarrer mit regenbogenfarbenen Beffchen gesichtet. "Homo-Lobby" heißt ein solches Bekenntnis in Rentzings Kreisen.

In seiner Antrittspredigt weicht der 47-Jährige der Konfrontation aus. Er spricht über Fremdenfeindlichkeit, appelliert an die Verantwortung der Christen, Flüchtlingen im Sinne Jesu zu begegnen. Zur Homosexualität schweigt er. Er hat die markigen Töne offenbar nicht mehr nötig. Im Gottesdienst ist er sichtlich gerührt, als ihm das goldene Bischofskreuz umgehängt wird. Geschafft!, liegt in seinem Blick. Am Telefon spricht er staatstragend freundlich: "Wir müssen aufpassen, dass wir die Gesellschaft zusammenhalten." Aus seiner Pfarrei hätten Leute anfangs Pegida unterstützt, und andere seien zu den Gegendemonstrationen gefahren. Gemeinden seien ein guter Ort für Auseinandersetzungen. "Wo aber die Würde des Menschen angetastet wird, müssen wir uns als Kirche deutlich abgrenzen", sagt er. Das klingt schon fast landesväterlich. Als habe Sachsen, dieses in Verruf geratene Bundesland, auf einen Versöhner wie ihn gewartet.

Auf einen wie ihn haben die konservativen Protestanten gewartet

Carsten Rentzing hat seine Laufbahn bisher auf eine klare Positionierung aufgebaut. Er ist in der Sache scharf, schlägt aber stets einen netten Ton an. Bis heute verbreitet er den Charme des frisch Bekehrten. Erst mit Anfang 20 hat er sich für den christlichen Glauben entschieden. Damals studierte er an der FU Berlin Rechtswissenschaften und Philosophie. "Ich hatte bis dahin kaum etwas über den christlichen Glauben gehört", sagt er. Im Studium entdeckte er den Kirchenvater Augustinus. Begeistert von dessen Lebenswandel und angetan von einer lutherischen Messe, besuchte er seine erste Vorlesung an der Kirchlichen Hochschule Berlins, die heute als theologische Fakultät zur Humboldt-Universität gehört. Es war eine Einführung ins Neue Testament, das Rentzing kaum kannte. "Mir wurde klar, dass der Glaube das eigentliche Thema meines Lebens ist", sagt er. Er wechselte das Fach und wurde Pfarrer.

Im Studium lernte er seine Frau Maria kennen. Das Paar hat vier Kinder. Als die Entscheidung anstand, in welcher Landeskirche die beiden arbeiten würden, gingen sie gemeinsam ins lutherische und traditionell eher konservative Sachsen. Dort ist seine Frau aufgewachsen.

Seine erste Stelle als Pfarrer trat Rentzing im Erzgebirge in einem Neubauviertel von Annaberg-Buchholz an. 2010 wechselte er ins vogtländische Markneukirchen, wo er sich fortan die Kanzel mit seiner Frau teilte – bis zur Wahl. Sobald eine Wohnung gefunden ist, zieht die Familie nach Dresden. Eine seiner Töchter spielte im Einführungsgottesdienst mit ihrer Band das Lied In Christ Alone.

Ganz gleich, wie Rentzing sich nun in seinem neuen Amt positioniert: Er ist der Bischof, auf den die konservativen Protestanten in Deutschland gewartet haben. Der Gegenspieler zum liberalen Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm. Als im vergangenen Jahr zwölf konservative Leitungspersönlichkeiten mit der Initiative "Zeit zum Aufstehen" die Kirche erneuern wollten, war auch Carsten Rentzing mit von der Partie. Einer der zentralen Punkte lautete: "Wir stehen auf für die Stärkung der Ehe und gegen ihre Entwertung." Der Mensch sei als Mann und Frau geschaffen, und dieses Gegenüber sei Gottes gute Schöpfungsgabe.

Eine solche Position ist mittlerweile weit entfernt von dem, was die EKD 2013 in ihrer Orientierungshilfe Zwischen Autonomie und Angewiesenheit formuliert hat und was Konsens ist in den anderen Landeskirchen. Der Aufstand der Rückständigen war taktisch wichtig, quantitativ fällt er kaum ins Gewicht: Der Impuls, der die Kirche erneuern sollte, bewegte im vergangenen Jahr nicht einmal 0,1 Prozent unter den evangelischen Kirchenmitgliedern Deutschlands zur Unterschrift. Bisher ist der Evangelischen Allianz, die den Aufruf verantwortet, auch noch nicht aufgefallen, dass etliche Einträge doppelt vorkommen. Von den knapp 17.000, die einer Veröffentlichung von Name und Wohnort zugestimmt haben, sind es immerhin weit über 1.000.

Für Rentzing sind die Zahlen zweitrangig. Er hat sein Ziel erreicht. Er ist aufgefallen als bibelfester Kämpfer wider den Zeitgeist. Schwer zu glauben, dass er von seinem angeblich ungeliebten Lieblingsthema Sexualethik lassen wird. Bevor er Bischof wurde, war Carsten Rentzing Wortführer der Sächsischen Bekenntnis-Initiative, eines Zusammenschlusses von Kirchengemeinden, Gemeinschaften und Einzelpersonen. Auch da ging es ausschließlich um Homosexuelle im Pfarrhaus. Laut Beschluss der Landessynode dürfen schwule und lesbische Paare in Ausnahmefällen und mit ausdrücklicher Zustimmung der Gemeinde im Pfarrhaus wohnen, selbst das war Rentzings Bekenntnistruppe zu liberal.

Doch Rentzing ist kein Reaktionär, der einfach zurückwill in eine vermeintlich gute alte Zeit, als niemand die Frage nach Schwulen im Pfarrhaus stellte. Er donnert nicht einfach von der Kanzel herunter, er bemüht sich gerade bei den kontroversen Themen um das, was in Kirchenkreisen stets "freundliches Miteinander" heißt. Seine Interviews, Aufrufe und Vorträge verletzen die Betroffenen trotzdem.

Rentzing hat Zeit, sich auszuzeichnen: Er ist gewählt bis ins Jahr 2027

Er selbst sieht sich als Brückenbauer, als einen, der die verschiedenen Seiten zusammenführt. "Gerade weil ich einen klaren Standpunkt habe, kann ich Ansprechpartner für alle sein." Er könne Menschen ansprechen, die andere nicht mehr erreichen. Selbstverständlich fühle er sich denen näher, die Neuerungen im Umgang mit Homosexualität ablehnen. Aber nun, da er Bischof ist, lobt er den Pfarrhaus-Beschluss der Landessynode, gegen den er im vergangenen Jahr noch vorgegangen ist. "Ich bin heilfroh, dass darin deutlich wird, dass alle Seiten aufeinander zugegangen sind", sagt er diplomatisch.

Wenn alles wie geplant läuft, wird Carsten Rentzing bis 2027 an der Spitze der evangelischen Kirche in Sachsen stehen. Er ist der Erste, der auf zwölf Jahre gewählt wurde, sein Vorgänger Jochen Bohl amtierte elf Jahre lang. Die Skeptiker müssen mit ihm auskommen, aber er auch mit ihnen. Mit der Kritik könne er gut umgehen, sagt er. Er sei "froh und dankbar", dass diejenigen, die mit seiner Person Sorgen verbinden, immerhin ein "Ja, aber ..." zu ihm sagen können. Carsten Rentzing steht unter scharfer medialer Beobachtung, erst recht beim Thema Homosexualität. Am Schluss sagt er: "Ich bin nicht Bischof geworden wegen meiner Haltung, sondern obwohl ich diese Haltung habe." Es klingt trotzig.