Welch staunenswertes Leben: Revolutionär im Jahr 1848, politischer Flüchtling in der Schweiz, Emigrant in den USA, Journalist und Agitator gegen die Sklaverei, Berater Präsident Lincolns, amerikanischer Botschafter in Spanien, General, Senator von Missouri – und amerikanischer Innenminister. So tätig eng ist das Wirken von Carl Schurz mit zwei Nationen verbunden, der deutschen wie der amerikanischen, für deren Einheit und Freiheit er mit Wort und Waffe gekämpft hat. Mehr als hundert Jahre nach seinem Tod sind seine autobiografischen Erinnerungen nun endlich neu aufgelegt worden – erstmals in einer umfassend kommentierten Ausgabe.

Sonderbar, dass dieser einst berühmte, im 19. Jahrhundert sogar mit Balladen und Theaterstücken gefeierte Freiheitskämpfer und Politiker in Deutschland aus dem lebendigen politischen Gedächtnis verschwunden ist. Vielleicht war Carl Schurz als Vorbild nicht recht genehm, vielleicht prägten zu viel Eigensinn und ziviler Ungehorsam sein Leben, irritiert sein selbstverständlicher Anspruch, einer nicht demokratisch legitimierten staatlichen Gewalt unter Umständen mit Gegengewalt zu begegnen.

Überraschend allerdings, dass Schurz auch von der Studentenbewegung nicht entdeckt wurde – als ein vergessener Revolutionär. Möglicherweise missfiel, dass er nach seiner revolutionären Zeit eine entschieden "reformistische" Politik betrieb und sich in den USA zum reformeifrigen Republikaner wandelte.

Am 2. März 1829 wird Carl Schurz in der preußischen Rheinprovinz, in Liblar unweit Kölns, als Sohn eines Landschullehrers geboren. Die Mutter beschreibt er als eine liebevolle Katholikin mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Fasziniert hat den kleinen Schurz der Großvater, der einem Landgut vorsteht und einen Amboss aus der Schmiede den Schlossturm hoch und wieder zurück tragen kann.

Schon als Kind hört er aus Briefen von Amerika, "dem unermeßlichen Lande jenseits des Ozeans, seinen ungeheuren Wäldern, seinen großartigen Seen und Strömen, von der jungen Republik, wo es nur freie Menschen gäbe, keine Könige, keine Grafen, keinen Militärdienst und, wie man in Liblar glaubte, keine Steuern", wie er in seinen Erinnerungen schreibt. Amerika, das ist die Gegenwelt zu dem Dorf mit seinem Schloss, der gräflichen Familie, der Landwirtschaft und einer in ständischen Strukturen gefügten Gesellschaft. Und doch schätzt er sich "glücklich, in einfachen, bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen zu sein, die den Mangel nicht kannten, aber auch nicht den Überfluß; die keine Art von Luxus zum Bedürfnis werden ließen; [...] die ein sympathisches Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Armen und Niedrigen im Volk lebendig und warm erhielten".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Als Schüler studiert er die Französische Revolution, eine Lektüre-Erfahrung, die zur Tat drängt, ihn als 19-jährigen Studenten in Bonn zu Beginn der Unruhen die Nähe radikaler Liberaler und Demokraten suchen lässt. Zu diesen gehört sein Geschichtsprofessor Gottfried Kinkel, der zugleich Redakteur der Bonner Zeitung ist. Für dieses Blatt schreibt bald auch Schurz Artikel, in denen er republikanische Ideen propagiert, parlamentarische Institutionen und das Recht auf Selbstbestimmung fordert. Gemeinsam mit Kinkel fährt er aufs Land, um die Bevölkerung zu agitieren. Er begegnet Karl Marx in Bonn und findet ihn unerträglich arrogant. Mehr als ökonomische Fragen beschäftigen Schurz die politische Krise des feudalistisch-bürokratischen Obrigkeitsstaates, die Rückständigkeit einer autoritären Verwaltung, die Pressezensur sowie das Verbot von Vereinsbildungen und Versammlungen – die europaweiten Krisensymptome kurz vor der Pariser Februarrevolution von 1848.