Nichts Geringeres als den "biggest book-launch" des Jahres erhofft sich der schwedische Verlag Norstedts. Dort wurde zwischen 2005 und 2007 Stieg Larssons Millennium-Trilogie postum veröffentlicht, Weltauflage 82 Millionen. Vater und Bruder des 2004 verstorbenen Autors haben 2013 den bislang mit einer Fußballer-Biografie hervorgetretenen Journalisten David Lagercrantz mit der Fortschreibung der unendlichen Geschichte um Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist beauftragt. Jetzt erscheint das Auftragswerk zeitgleich in 27 Ländern. Verschwörung heißt es.

Stieg Larssons Erfolgsmixtur bestand aus Kolportage und geschicktem literarischem Eklektizismus, fesselte aber durch eine elementare Wut auf Rassismus, Frauenverachtung und Heuchelei, die stets hinter der kruden Handlung spürbar war. Verkörpert war diese Wut in Lisbeth Salander, der androgynen, sexuell raubtierhaften, genialen Hackerin, einer Frauenfigur, die es schaffte, sich allein durch Intelligenz und selbstmörderische Risikobereitschaft aus der Opferrolle zu befreien.

Jetzt ist sie zehn Jahre älter. Die Wut ist erloschen. Die Figur muss neu fundiert werden. Deshalb liefert Lagercrantz in Verschwörung Erklärungen nach. Lisbeths bisher rätselhaftes Verhalten wird küchenpsychologisch begründet: aus der Rivalität zur Zwillingsschwester Camilla, deren Vorhandensein bislang nur Hardcore-Fans bewusst war. Die Kinder waren Zeugen der sadistischen Attacken ihres Vaters gegen die Mutter geworden. Während Lisbeth sich zur Rächerin unterdrückter Frauen entwickelte, wurde Camilla selbst zur Sadistin. Einst trugen die Mädchen ihre Rivalität durch Identifikation mit Figuren aus dem Kosmos der Marvel-Comics aus, jetzt bekriegen sie sich im Netz – getarnt unter ihren alten Kriegernamen.

In Verschwörung geht es um die Beherrschung der Daten. Es ist ein Kampf der guten und der bösen Hacker, mit kurzen Landungen auf schwedischem Territorium. Abtrünnige innerhalb der NSA, ein Softwarekonzern und ein russisches Gangstersyndikat wollen die Entdeckungen des genialen Informatikers Frans Balder zur Künstlichen Intelligenz kapern und ihn ermorden. Der beauftragte Killer versäumt es aber, den Augenzeugen, Balders autistischen Sohn, umzubringen. Lisbeth Salander springt rettend bei, Mikael Blomkvist enthüllt einen "Jahrhundertskandal". Der besteht exakt in der Mordverschwörung, die spätestens auf Seite 140 jeder begriffen hat.

Lagercrantz mangelt es nicht nur an der Wut Larssons. Sein Plot enthält überhaupt kein Geheimnis mehr, das es zu enthüllen gäbe. Dass die NSA gemein ist, datenhungrig und menschenverachtend, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dächern. Lagercrantz’ Lisbeth ist entdämonisiert, der "Starjournalist" Mikael Blomkvist fungiert als Pressesprecher. Die böse Strippenzieherin Camilla überlebt. Und die Fans erinnern sich dunkel: Lisbeths Vater hat "auf der ganzen Welt" noch etliche Kinder mehr gemacht. Fortsetzung droht. Kriminalliteratur ist was anderes.