Das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland von 2006 bedeutete einen Wendepunkt. Es veränderte das Bild der Deutschen in der Welt. In Großbritannien, in der Türkei oder in Uruguay rieb man sich die Augen, als man im Fernsehen diese fröhlichen Menschen mit der Deutschlandflagge in die Kameras winken sah. Schon einmal, 1989, hatte man gesehen, wie sie ihre Fahnen schwenkten, wie sie Tränen in den Augen hatten und "Wahnsinn!" riefen. Wenn ein Volk sich wiedervereint, fühlt man sich fast verpflichtet, Anteil zu nehmen und sich mitzufreuen, auch wenn es die Deutschen waren, die da zur Kontinentalmacht in Europa aufstiegen. Aber was die Welt 2006 sah, war anders: spielfreudig, großherzig, ausgelassen. Und manche Deutschen konnte man auf den ersten Blick gar nicht mehr als Deutsche erkennen. Die zogen mit einer türkischen in der einen und einer deutschen Fahne in der anderen Hand ins Stadion. Das schien der Abschied von Leistungsfanatismus, Zurückhaltungszwang und Kollektivzähmung zu sein. Die Welt war in der Tat zu Gast bei Freunden.

Heute, knapp zehn Jahre später, ist Deutschland wieder das Land der Gastfreundschaft. Dieses Mal jedoch kommen Menschen, die in ihrer Heimat verfolgt, erniedrigt und bedroht werden. Und die allermeisten Deutschen sind der Auffassung, dass man ihnen ganz selbstverständlich die Tür öffnen, sie mit dem Nötigsten versorgen und ihnen Schutz gewähren sollte.

Die Wohncontainer und angemieteten Baumärkte sehen zwar nicht sonderlich heimelig aus, aber die Bereitschaft, zu helfen, die Tatkraft, einen Ort für die Frauen, Kinder und Männer zu finden, ist groß. Daran ändern auch ein paar Böse und Verbitterte in Sachsen und anderswo nichts.

Es gibt in Deutschland eine belastbare Zivilgesellschaft, die zu unkonventionellen Maßnahmen, unwahrscheinlichen Bündnissen und soliden Brückenbildungen in der Lage ist. Das ist ein großer Unterschied zu der Situation von vor zwanzig Jahren, als sich die deutsche Öffentlichkeit durch die Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen sowie durch den Brandanschlag von Solingen in die Enge getrieben fühlte. Man weiß jetzt, worauf es für das wirtschaftlich stärkste und wohl politisch mächtigste Land innerhalb der EU ankommt. Wir sind die Amerikaner Europas, ob wir es wollen oder nicht. Da kann man sich nicht wegducken, wenn es schwierig wird. Nur wer großzügig gegenüber anderen ist, kann Ansprüche an andere stellen.

Wir befinden uns vor der Wende vom Idealismus zum Pragmatismus

Vor zwanzig Jahren war Deutschland der "kranke Mann Europas", heute bewegt sich in der europäischen Politik nichts ohne das Land mit dem robusten Mittelstand, der leistungsfähigen Facharbeiterschaft und den kooperativen Führungsgruppen. Das gilt nicht nur für die Stabilität des Euro, sondern erst recht für den "offenen Universalismus" (Jacques Delors), auf den sich die Länder der Europäischen Union verpflichtet haben.

Aber wenn man Tag für Tag vernimmt, dass die Zahl der Flüchtlinge nach oben korrigiert wird, dass die kommunalen Einrichtungen hoffnungslos überfordert sind und dass vor allem einige europäische Nachbarn versuchen, so billig wie möglich davonzukommen, dann wird es schwer, die Arme geöffnet zu halten.

Wirkliche Gastfreundschaft hat einen spirituellen Grund, sie kommt von Herzen. Man bittet die Mühseligen und Beladenen herein, ohne lange nach Berechtigungen und Beglaubigungen zu fragen. Doch der gute Mensch ist kein dummer Mensch. Immer sind die Plätze knapp und die Mittel beschränkt. Immer muss man auswählen und Vorkehrungen treffen, dass der Gast dem Gastgeber gegenüber sein Gesicht wahren kann.

Dazu passt nicht, dass einige Gäste sich einfach nur ihr Begrüßungsgeld abholen wollen und danach verschwinden, um am nächsten Tag womöglich wiederzukommen und erneut die Hände aufzuhalten. Der Gast muss sich nicht an die Regeln des Hauses anpassen, aber auch er muss dafür Sorge tragen, dass alle unter einem Dach zurechtkommen. Der Gast hat das Recht auf Gastfreundschaft, aber nicht das Recht auf Dienstleistung.

Die Politik in Deutschland tut angesichts der Nachrichten vom nicht abreißenden Exodus von Flüchtlingen aus Afrika und dem arabischen Raum, insbesondere aus Syrien, gut daran, das unbezweifelbare Grundrecht auf Asyl um das anthropologisch tief sitzende Gesetz der Gastfreundschaft zu bereichern. Das ist nötig, weil wir uns vor der Wende vom Idealismus zum Pragmatismus in der europäischen Flüchtlingspolitik befinden. Es wird demnächst um Praktiken schneller Zurückweisung und unvoreingenommener Aufnahme gehen, um Modelle der Stellenvermittlung und der Wohnraumbeschaffung, um die Regelung von Beschäftigungsverhältnissen und Versorgungsansprüchen. Man hat sofort eine institutionelle Mechanik vor Augen, in der individuelle Schicksale aus dem Blick geraten, weil die formale Rationalität kein Pardon kennt.

Vom Idealismus zum Pragmatismus

Trotzdem stehen Entscheidungen an, die eine gewisse Normalität im Umgang mit Flüchtlingen und Vertriebenen ermöglichen. Moralische Dispositionen können zerfallen, wenn keine Aussicht auf ein Gelingen besteht. Man erkaltet dann entweder zum Zyniker oder erhitzt sich zum Märtyrer, der gegen blinde Behörden ankämpft. Regeln, Routinen, Erwartbarkeiten ermöglichen Lösungen auch in schwierigen Fällen, die die Initiative von Einzelnen für jene voraussetzen, die des Schutzes, der Geduld und der Freundschaft bedürfen.

Wir müssen uns gleichwohl darauf gefasst machen, dass wir mobile Einsatzgruppen von Polizisten mit blauen Gummihandschuhen an Flughäfen und Bahnhöfen erleben, die Menschen die Einreise verwehren und ihre Abschiebung erzwingen. Es wird auf diesem Wege eine Klassifikation zwischen Asylanten aus unsicheren Regionen und Migranten aus sicheren Herkunftsländern durchgesetzt. Das ist überhaupt nicht schön, dient aber dem Rechtsfrieden in der EU, der wiederum die Voraussetzung für eine einigermaßen gerechte Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Staaten ist. Deutschland wird auf Dauer die meisten übernehmen und sie nach und nach in die Gesellschaft einfädeln. Das wird Konflikte nach sich ziehen, aber Gäste sind schließlich auch dazu da, das Haus ein wenig durcheinanderzubringen.

Es gibt eine Pragmatik der relativen Gerechtigkeit, die für die moralische Infrastruktur einer Zivilgesellschaft entscheidend ist. Dafür ist die Idee einer konkreten Sittlichkeit offenbar immer noch die beste Richtschnur. Wenn sich ein brennendes Problem nicht prinzipiell lösen lässt, bleibt nur, die Dinge besser zu machen. Dass die Flüchtlingsbewegungen nach Europa abnehmen werden, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Die Opfer zerfallender Staaten und desorganisierter Gesellschaften aus Afrika und dem mittleren Osten schauen vor allem auf Europa, weil man hier ein Leben in Frieden und Freiheit führen kann. Im Zentrum dieses Kontinents der Rettung liegt Deutschland, das nicht müde wird, die Gesetze der Gastfreundschaft zu beherzigen.