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So kündigt ein schlechter Tag sich an: Auf dem Weg zur Strandpromenade zig Altenheime, überall Überwachungskameras, das Jammern einer singenden Säge macht schon vier Straßenzüge entfernt Kopfweh, am Ufer dann zerrupfte Möwen, das Meer hat sich verzogen. Die festungsähnliche Anlage direkt am Strand wirkt heruntergekommen, die Menschenschlange davor endlos. "Ich wünsche euch allen eine miese Zeit!", bellt einer der Ordner.

Ein schlechter Tag ist ein guter Tag, um schlechte Laune zu haben. Und dafür sind all diese Leute nach Weston-super-Mare gekommen. Sie wollen in einen Freizeitpark, wie es ihn vorher nicht gab. Der Name prangt auf der bröckelnden Fassade des Eingangsgebäudes. Neun Lettern, so grau, als habe man sie aus den Trümmern eines Hausbrands gefischt: "Dismaland".

Das Trostlosland ist die neueste Aktion des Künstlers Banksy, der sonst für seine gesellschaftskritischen Graffiti bekannt ist. Es sei ein bemusement park, verstörend statt amüsierend, der Flyer preist ihn als "Großbritanniens enttäuschendste Attraktion". Vier Schichten à 2.000 Besucher dürfen täglich rein, die Tickets sind auf Wochen ausverkauft.

Da wollen viele Erwartungen enttäuscht werden. Die der Fans, die dem Phantom endlich näher sein wollen. Bis jetzt konnten sie nur darauf warten, dass irgendwo auf der Welt ein frisches Bild über den Überwachungsstaat oder Polizeigewalt an einer Brandmauer auftauchte und womöglich bald wieder verschwand. Dann die der Kunstfreunde, die sich von dem Budenzauber eine neue Art Ausstellung erhoffen. Immerhin hat Banksy für sein Projekt mehr als fünfzig Kollegen begeistert, darunter Stars wie Damien Hirst und Jenny Holzer. Und nicht zuletzt: die der normalen Touristen. Manche Leute in der Schlange haben von Banksy niemals gehört. Sie finden einfach, dass fünf Pfund ein fairer Preis sind für ein paar Stunden Unterhaltung. "Das ist der Vorteil, wenn man Kunst in eine Kleinstadt am Meer bringt", erklärte der Street-Artist in einem seiner raren Interviews: "Als Konkurrenz gibt es nur Esel." Er meint das Eselreiten am Strand, bis jetzt die Hauptattraktion des Badeorts Weston-super-Mare, 30 Kilometer westlich von seiner Heimatstadt Bristol.

Der Ordner scheucht die kichernden Besucher zur Sicherheitsschleuse. Seine Kollegen dort tragen wie er Micky-Maus-Ohren und Westen in Prinzessinnen-Pink. "Fröhlichkeit im Gepäck?", zischen sie. "Hören Sie sofort auf zu lächeln!" Dann wird man ausgespuckt auf einen grotesken Platz von etwa hundert mal hundert Metern. Disneyland ist abgebrannt, und das hier sieht aus wie die Mülldeponie mit den Resten.

Die Anlage war bis vor 15 Jahren ein Freibad namens Tropicana, als es 1937 gebaut wurde, angeblich das größte Europas. Nach seiner Pleite fiel der Eskapisten-Traum in sich zusammen. Als Banksy vor einem halben Jahr kam, fand er schon ein Fundament an Trostlosigkeit vor. Mittenrein hat er die rußige Ruine eines Cinderella-Schlosses gestellt, von den Türmchen sind nur die Gerippe übrig. Der Tümpel davor ist so brackig, dass sich die bildstörungsartig verzerrte Arielle-Plastik darin nicht mal spiegelt, ein Polizeifahrzeug liegt im Wasser wie ein gestrandeter Wal. Am Rand dreht sich rumpelnd ein altes Karussell. Ringsum verteilen sich einige Spielbuden, ein Freakshow-Zelt (mit Hirsts Formaldehyd-Einhorn) und Liegestühle, aus denen Besucher die morbide Aussicht genießen. Verlaufen kann man sich hier nicht, verlieren schon. Disney-Parodie, Staatskritik, Rummel-Zitate, britischer Strandurlaub – wie passt das alles zusammen?

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Für die Kunst hat Banksy es erklärt: "Ein Museum ist kein guter Ort, um sie anzuschauen." Ist nicht selbst der Louvre mit seiner unverschämt kleinen Mona Lisa eine Art Disneyland? Dann kann man doch gleich ehrlich sein und sie zwischen anderen Volksbelustigungen platzieren. Nur tut er das leider nicht. Das Gros der Werke von Hirst, Holzer und Co. verteilt sich auf drei Museumshallen am Rand des Dismaland. Kunst halt, wie sie überall hängt. Das eine Banksy-Graffito ist zu langweilig, um es zu erwähnen.

Ob trotz Spaßverbot im Park wie einst Kinder kreischen – keine Ahnung. Die zu langsam abgespielten, depressiv stimmenden Countrysongs jaulen zu laut. Und hören einfach nicht auf. "Oh Gott, diese Musik", stöhnt Taryn Harris. Die 27-jährige Texanerin mit der roten Mähne ist ein erklärter Banksy-Fan. Sie besuchte in der Gegend Verwandte, als sie auf Twitter von Dismaland las. Zwei Stunden dauert es, bis sie endlich ein Ticket hatte. "Ich finde, wir brauchen Künstler wie Banksy: Er bringt uns mit seiner Kunst dazu, über Kunst und über die Gesellschaft nachzudenken."

Harris kramt nach Kleingeld. Egal ob sie Plastikenten aus einer Öllache angeln, sich von hinten zeichnen lassen oder ein olles Wohnmobil besteigen will, das sich um die eigene Achse dreht: Davor steht ein Ordner mit Micky-Maus-Ohren und verlangt zwei Pfund. Auch die Enttäuschung hat ihren Preis. Die miese Laune der Helfer gibt es gratis.

"Es ist beeindruckend, dass sie es schaffen, keine Miene zu verziehen", sagt Harris. "Der an der Wurfbude hat Bälle einfach in den Teich geschmissen!" Sie muss los, die Schlangen überall, es wird dauern, alles zu sehen.

Nur an der Wurfbude ist es leer. Dabei ist der Schausteller wirklich sehenswert. Er hockt auf dem Tresen, ein junger Kerl, die Mundwinkel hängend, die Haare strähnig. Er gähnt. Auf dem Schild steht: "Wirf den Amboss um, und er gehört dir!". Weshalb das gerade niemand versuche? Curtis zuckt mit den Schultern. Wie er an seinen Job gekommen sei? Es habe eine Anzeige im Lokalblatt gestanden: "Ordner für Filmset gesucht". Da sei er eben hingegangen, mal was anderes als die Arbeit im Pub und gar nicht so schlecht bezahlt. Stimmt das? Oder sind er und die anderen professionelle Schauspieler? Man erfährt es nicht.

Ein Junge kommt, Curtis rutscht vom Tresen und schiebt ihm wortlos zwei verbeulte Pingpongbälle hin. Der wirft mit einem Elan, den nur Kinder haben. Es hilft nicht, der Amboss bleibt stehen. Einen Preis gibt es trotzdem. Curtis lässt ein rotes Gummiband in den Sand fallen. Es ist vom Konzeptkünstler David Shrigley. "Bedeutungsloses Gummiarmband" steht darauf. Bei eBay gibt es die Dinger längst für 700 Euro.

Das Spiel mit der Erwartung, das ständige Locken und Sich-Entziehen macht die Kunst von Banksy aus. Natürlich muss er vorhergesehen haben, wo das Problem liegt, wenn er mit seiner Kunst sesshaft wird und sie verkauft – in wie kleiner Münze auch immer. Wird da nicht die Konsumkritik zur perfidesten Form von Kommerz?

Die Antwort darauf erhält man auf dem Weg nach draußen. Ausgerechnet Banksy, der in der Doku Exit Through the Gift Shop das Merchandising von Kunst kritisiert, lotst die Besucher mit genau diesen Worten in einen Andenkenladen voller Devotionalien. Manches wird sicher wertvoll. Wäre das nicht jetzt eine Chance?

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Spätestens hier wird klar, dass Dismaland viel von einem Happening hat: Banksy macht die Betrachter zum Teil der Performance. "Er sitzt sicher irgendwo, beobachtet uns und amüsiert sich", sagt Taryn Harris. Der Missvergnügungspark lockt einen in Situationen, die zu denken geben, nicht nur über Kunst und Gesellschaft, sondern auch über die eigene Rolle. So wie bei dem Bassin hinten in der Ecke, bei dem man für zwei Pfund Boote steuern kann – nur dass die voller Flüchtlinge sind, im Wasser treiben Leichen. "Iih, da sind ja Tote!", mault ein Mädchen. Oder im dunklen Inneren des Schlosses: Die Kutsche von Cinderella ist umgekippt, sie hängt tot aus dem Fenster, drum herum Paparazzi, die ihre Blitzlichter abfeuern. Und dahinter Besucher, die das Spektakel live auf Instagram posten. Manche mit schwarzem Heliumballon in der Hand: "Ich bin ein Schwachkopf" steht drauf.

In diesen Momenten führt Banksy uns in unserer vermaledeiten Verdrängungssucht vor. Unser Vergnügen auf Kosten anderer, das uns zu Idioten macht. Nicht geplant war vielleicht, dass er in alldem selbst etwas naiv erscheint mit dem Versuch, den Besuchern in den drei Hallen Kunst unterzujubeln, wie man einem Hund Medizin ins Fressen mischt.

Themenparks taugen schlecht zur Volksaufklärung. Sie sind per se Heterotopien, wie Michel Foucault das nannte – Illusionsräume, in denen man sich dem nervigen Hier entzieht. Manche sind rosa, dieser hier ist aschgrau und trotzdem ein Farbtupfer mehr.

Eselreiten und Ladenöffnungszeiten am Mittwoch bis 20 Uhr: Das waren sonst die Sommerhighlights in Weston-super-Mare, dem Ort der Fish-’n’-Chips-Läden und Spielhallen. Jetzt will alle Welt hierher. Knapp zehn Millionen Euro mehr Umsatz erhofft sich der Chef der regionalen Tourismusbehörde. "Das könnte das größte Ding werden, seit 1963 die Beatles hier waren", verkündete er. Nicht für sehr lange allerdings. Ende September schließt Dismaland, und das Gelände ist wieder Ruine. Dann ist Schluss mit der Enttäuschung.