Ein "Großmaul" nennt ihn die FAZ , einen "Clown" der Spiegel. Einen Donald Trump würden wir uns im kultivierten Europa nie leisten, zumindest nicht seit 1933 ff. Die Amerikaner werden ihn auch nicht küren, obwohl er in den Umfragen allen anderen Republikanern davonläuft.

Woher der Appeal? Jenseits seiner Grotesken über Einwanderer und Frauen haut der Mann auf Pauken, die auch in Europa die Seelen vibrieren lassen. Sein Leitmotiv ist "Politikverdrossenheit": dass "die da oben" machen, was sie wollen, dass sie mauscheln und heucheln, den "kleinen Mann" alle vier Jahre mit Wahlgeschenken ruhigstellen. Das Parlament wird zum Selbstbedienungsladen der Parteien und ihrer Klientel.

Ein Netzkommentar: "Ich mag Trump, weil er bloßlegt, was für ein großer beschissener Witz die Politik ist." Und er verspricht, die Mächtigen aus dem Tempel zu vertreiben, den kleinen Mann endlich ins Recht zu setzen. Da nicken auch hierzulande die Köpfe. Der Mann ist eben kein toupierter Ultra. Wenn er eine einmalige Vermögensabgabe von 14,5 Prozent oder eine Sondersteuer für Finanzakrobaten fordert, schwingen auch links die Saiten. Dito, wenn er die Renten und die Gesundheitsversicherung (Medicare) zelebriert. Drogen will er legalisieren, um mit den Steuern die Therapie zu finanzieren – das würden auch Grüne schätzen.

Er will die Jobs aus China zurückholen, alle Importe mit einem 20-Prozent-Zoll belegen, die aus Mexiko mit 35 Prozent. Von solchen Wällen gegen die Globalisierung träumen auch die populistischen Parteien quer durch Europa, die bekanntlich linksrechts denken. "Wir brauchen starke Grenzen", tönt er; die Botschaft verstehen sie von Spanien bis Finnland. Derweil Trump mit seinen Attacken auf Political Correctness Stimmen von rechts bis tief in die Mitte aufsaugt, greift er weit nach links aus, indem er den Sozialstaat verteidigt und den irakischen Bush-Krieg verdammt. Von Rosa bis Tiefrot müssten sie eigentlich applaudieren.

Die Moral in einem Wort lautet: "Populismus" – die Grundstimmung, die links wie rechts herrscht. Hier leben die Leidtragenden der Globalisierung und Moderne, die spüren, wie ungelernte Arbeit verschwindet, während die Internationale der Hochqualifizierten den Mehrwert hortet. Ob in Amerika oder Europa, es sind jene 10 bis 25 Prozent der Wähler, die sich von den alten Parteien und neuen Eliten verraten fühlen.

Der 45. Präsident der USA wird nicht Trump heißen, aber er sahnt genauso ab wie der Linksausleger der Demokraten, Bernie Sanders, der in Vorwahlumfragen gleichauf mit der Establishment-Queen Hillary Clinton liegt. Warum? Weil das US-System nur zwei Parteien kennt, die die Ränder zugunsten der wahlentscheidenden Mitte vernachlässigen müssen. Im europäischen Proporzsystem schaffen es die vielen rechten und linken Kleinparteien ins Parlament. Dort kriegen sie zwar nicht die Macht, aber eine Plattform.

In Amerika können die Ränder nur in den Vorwahlen auftrumpfen. Nur dort kann der Wähler auf die Protestpauke hauen – es kostet ja nichts. Am 8. November aber hat seine Stimme Konsequenzen. Folglich gewinnen die Kandidaten des Systems, ob Hillary Clinton oder Joe Biden, der noch unentschlossene Obama-Vize, ob Jeb Bush oder Marco Rubio bei den Republikanern. Der Protest tobt sich aus, die Parteien klauen Themen, das System bleibt im Lot.