Traiskirchen steht für das Totalversagen des Staates, für ein Missmanagement in der Asylpolitik. Es herrschen katastrophale Bedingungen, Menschen schlafen im Freien, und Jugendliche werden vermisst. Doch niemand übernimmt Verantwortung, niemand will schuld sein. Die Zentrumsbetreiberin ORS GmbH, eine Tochter der gleichnamigen Schweizer Aktiengesellschaft, bestätigt die "unglaublichen Unterbringungsbedingungen", sieht das Problem aber beim rasanten Anstieg der Flüchtlingszahlen. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) macht die Bundesländer verantwortlich, die keine Flüchtlinge übernehmen wollen – Kritik am Partner aus der Schweiz bleibt aus.

Wer ist diese ORS, die neben den fünf Asyleinrichtungen des Bundes auch Flüchtlingsheime in den Bundesländern betreibt? Wie erwirtschaftet das profitorientierte Unternehmen Gewinne, wenn es doch Gelder vom Staat bekommt, um Flüchtlinge zu betreuen?

Begonnen hat alles mit freiwilligem Engagement. Als in den achtziger Jahren Tausende Tamilen auf der Flucht vor dem Krieg in Sri Lanka in die Schweiz kommen, existiert keine Infrastruktur für ihre Unterbringung. Privatpersonen und gemeinnützige Organisationen nehmen sich der Flüchtlinge an. In den folgenden Jahrzehnten kommen Kurden und Bosnier, Albaner und Somalier. Als der Kanton Basel-Land 1992 bei dem Stellenvermittlungsunternehmen Adecco anfragt, ob man die Betreuung einer Asylunterkunft übernehmen könne, wird kurzerhand die Tochterfirma ORS AG gegründet. Noch im selben Jahr überträgt das damalige Bundesamt für Flüchtlinge an das Unternehmen die Betreuung in den nationalen Empfangszentren in Basel, Kreuzlingen, Chiasso und Carouge an das neue Unternehmen. Diese Bundeszentren, vergleichbar mit den Erstaufnahmestellen in Österreich, gelten unter Fachleuten als lukrativster Auftrag in der Branche. Alle vier Jahre müsste ihr Betrieb neu ausgeschrieben werden, doch der Staat missachtet das Gesetz, lässt ORS zwanzig Jahre lang walten und ermöglicht die rasche Expansion. Mit der Privatisierungswelle, die von Großbritannien aus ganz Europa erfasst, sichert sich die Firma ein Mandat nach dem anderen. Sie reüssiert, weil sie dem politischen Zeitgeist entspricht: Die ORS AG steht für einen schlanken Staat, effiziente Prozesse und geringe Kosten.

Ein Schweizer Traiskirchen hat es in den 23 Jahren Geschäftstätigkeit nie gegeben. Im Nachbarland steigen die Flüchtlingszahlen weniger stark an als in Österreich, Flüchtlinge werden gleichmäßig auf die Kantone verteilt, und die Gemeinden können zur Übernahme gezwungen werden. Die staatlichen Auftraggeber äußern sich in der Regel positiv über die Zusammenarbeit mit ORS. Kritik kommt vonseiten der Menschenrechtsorganisationen und der Asylsuchenden selbst. In der Stadt Bern wurden in einer ORS-Unterkunft Bettwanzen und Mäuse entdeckt, die Bewohner beschwerten sich über die hygienischen Bedingungen, und Anwohner, die sich für die Asylsuchenden engagieren, erhielten Hausverbot. In Dübendorf stellte sich heraus, dass die sanitären Anlagen und die Küche in einem desolaten Zustand sind. Immer wieder wird zudem bemängelt, dass zu wenig ausgebildetes Personal am Ort ist. Wird ORS für eine Stellungnahme angefragt, verweist sie in der Regel an die kantonalen Migrationsdienste.

Gewinne werden auf Kosten der Asylwerber erzielt, sagt der Experte

Beat Meiner kommt das bekannt vor. Er hat 24 Jahre lang im Schweizer Asylwesen gearbeitet und stand bis vor Kurzem der Dachorganisation Schweizerische Flüchtlingshilfe vor. Über Jahrzehnte hinweg hat er die Geschäftspraktiken der ORS beobachtet, hat mit ehemaligen Angestellten gesprochen und Einsicht in ihre Arbeitsverträge erhalten.

Sein Fazit: ORS erziele Gewinne auf Kosten ihrer Angestellten und der Asylsuchenden, die Firma nutze die Gelder der staatlichen Auftraggeber nicht vollumfänglich für die Betreuung. So sei etwa die materielle Versorgung der Schutzsuchenden oftmals ungenügend und das Personal für die anspruchsvolle Arbeit zu wenig qualifiziert. Entsprechend zahle das Unternehmen deutlich tiefere Löhne als die karitativen Organisationen. Tiefpunkt der Arbeitsverhältnisse sind für Meiner die Schweigeklauseln in den ORS-Verträgen. Tatsächlich halten mehrere Angestellte, die für diesen Artikel kontaktiert werden, fest, dass sie sich nur vertragswidrig zu ihrer Arbeit äußern können.