Egal, wo oder wann Frankreichs Präsident François Hollande auftritt, ob er ein kleines Alpendorf besucht oder eine Grundsatzrede im Élysée-Palast hält, immer legt er die gleiche emsige Professionalität an den Tag. Auf Außenstehende wirkt das langweilig, Hollandes inneres Engagement sieht man ihm nicht an. Dass er immer voll drin ist im Thema, viel improvisiert, vom vorbereiteten Text auch mal abweicht. Dabei reiht er selbst komplexe Zusammenhänge mit größter Leichtigkeit aneinander, Fehler passieren ihm nur selten. Zu genau, zu argumentativ spricht Hollande, um Menschen und Medien den einen prägnanten Satz zu liefern. Könnte dieser bislang unauffällige Präsident sich jetzt als Glücksfall für Deutschland und Europa erweisen?

Genau den Eindruck will Hollande bei seiner inzwischen wichtigsten Partnerin erwecken, Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er plant Großes mit ihr: eine europäische Wirtschaftsregierung für die Euro-Zone.

Diese Woche wich er daher von seiner üblichen geschäftsmäßigen Art ab und schickte seinen jungen, charismatischen Wirtschaftsminister Emmanuel Macron vor, um für Wirbel zu sorgen. Das nämlich kann der Medienstar Macron, ein ehemaliger Investmentbanker, viel besser als der Präsident. Der Wirtschaftsminister sprach in den letzten Tagen mit vielen Journalisten und sogar vor dem SPD-Parteipräsidium. Er schwärmte von einem "New Deal" für Europa und führte mit glänzenden Augen die Vorstellungen seines Chefs aus: eine europäische Wirtschaftsregierung mit mindestens einem eigenen Finanzkommissar, eigenem Budget und eigenem Parlament. Und wehe, wenn nicht – dann wird der Euro zerbrechen und Europa dem Untergang geweiht sein!

Hollande würde nie so reden, er ist dafür ein viel zu vorsichtiger Mensch. Die Rede seines Wirtschaftsministers hatte er jedoch abgesegnet. Denn Hollande glaubt, dass Europa heute nicht mehr im Status quo verharren darf und eine neue Perspektive weit über die aktuelle Flüchtlings- und Griechenlandthematik hinaus braucht. Eine europäische Währung ohne europäische Regierung – das funktioniert aus Hollandes Sicht nicht mehr. Strukturreformen in den einzelnen Ländern allein bringen den alten Kontinent nicht mehr weiter. Neue Pläne, neue Institutionen müssen her – wie immer, wenn Europa in der Krise war. Der nächste logische Schritt ist deshalb eine europäische Wirtschaftsregierung. Sie allein könnte für ein soziales Modell bürgen, an das die Europäer sonst den Glauben verlieren. Es geht eben nicht ohne soziale Transfers zwischen den europäischen Mitgliedsstaaten. Kommt, ihr Deutschen, rafft euch auf!

Hollande weiß natürlich: Ohne Merkel sind das alles Luftschlösser. Deshalb hat er seit Jahren auf seine zuverlässige, disziplinierte Art – sozusagen mit deutschen Tugenden – alles getan, damit die Bundeskanzlerin jetzt seinen Vorstoß ernst nimmt und mitmacht.

Seine Ideen sind nicht neu. Hollande selbst will sie auch nicht als solche verkaufen, ganz im Gegenteil. Gerne erinnert er daran, dass er schon bei seinem ersten Besuch als Präsident im Berliner Bundeskanzleramt 2012 als zweiten Tagesordnungspunkt die Zukunft Europas zur Diskussion stellte. Schon damals habe er auf eine Vertiefung der Euro-Zone bestanden, weil man nicht alle drei Monate Griechenland retten könne. Doch es war zu früh, um von der Kanzlerin gehört zu werden.

Dass die ihm nicht zuhörte, sogar misstraute, lag auch daran, dass Hollande damals noch seine linken Wahlversprechen einhalten wollte. Schließlich steuerte er um und entwickelte ein neues französisches Reform-Credo. Er outete sich als Sozialliberaler und bot den Unternehmerverbänden einen "Verantwortungspakt" an. Er senkte die Nebenkosten der Unternehmen, wagte Einschnitte im Staatshaushalt. Ganz ähnlich hatte 30 Jahre zuvor sein Parteivater François Mitterrand die Pariser Wirtschaftspolitik umgesteuert, nicht ohne den entscheidenden Hintergedanken: Frankreich dem deutschen Nachbarn anzupassen, um Europa gemeinsam nach vorne zu bringen. 1986 resultierte daraus die Gründungsakte der EU. Jetzt soll daraus die europäische Wirtschaftsregierung werden.