Was haben Neuseeländer und Deutsche gemeinsam? Eine verwechselbare Flagge. Was haben sie nicht gemeinsam? Die Neuseeländer handeln. Nicht zuletzt, weil ihren Regierungsvertretern allmählich die Höflichkeitsfloskeln ausgehen, wenn immer wieder die australische Flagge über ihren Köpfen hochgezogen wird, sobald sie irgendwo aus dem Flugzeug steigen, darf das Inselvolk jetzt eine andere auswählen. In die engere Auswahl der Motive haben die Kiwis den Silberfarn genommen, ein elegantes Gewächs, welches schon das nationale Rugby-Team als Emblem nutzt. Wechseln auf die Seite der Sieger!

Die Deutschen sind aus schwer nachvollziehbaren Gründen leidensbereiter. Klar, Belgien hat schöne Ecken. Und ist, wenn man das so sagen darf, nicht wirklich ein Regionalrivale. Trotzdem gäbe es, auch ohne diese Verwechslungsgefahr (passierte selbst schon den tagesthemen), eine Reihe guter Gründe, ein rundum neues Design herbeizuwünschen.

Der wichtigste Grund: Jeder merkt mal, dass die alten Klamotten komplett out sind. Und dieses Land ist mittlerweile so viel cooler als seine Flagge wie ungefähr Joko & Claas im Verhältnis zu Wim Thoelke. Kein Wunder, dass das Bundesbanner im Wesentlichen dort in Gebrauch ist, wo der Biedersinn herrscht: an Staatskarossen zum Beispiel oder in Kleingartensiedlungen. Schwarz-Rot-Gold ist die Rentnerin unter den Flaggen, und, nein, Fußballweltmeisterschaften erbringen nicht den Gegenbeweis. Es gibt ja schlicht keinen Alternativwimpel, den der Partyotist sich an die Autoscheibe klemmen könnte.

Sollten wir, kurzum, nicht mindestens genauso deprimiert sein, in einem Land zu leben, dessen Flagge vor allem von Leuten für schick gehalten wird, die Socken zu Sandalen tragen, wie die Neuseeländer über die nachlässige Fantasie des britischen Empire? Doch, sollten wir. Selbst der Kanzlerin sind allzu enthusiastische Flaggenfreunde suspekt. Man erinnere sich, wie sie nach dem letzten Wahlsieg einem frenetischen Hermann Gröhe mit missbilligendem Blick das Winkelement entwandt.

All dies festzustellen bedeuten nicht im Geringsten, die würdevolle Herkunft unserer Flagge aus den Einheitsrevolutionen des 19. Jahrhunderts kleinzureden. Deren Ideale verdienen noch immer Verlängerung ins Heute. Aber eine Flagge, die darüber hinaus als iPhone-Cover taugte – das wäre doch was. Die Neuseeländer haben 10 292 Vorschläge eingereicht.

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Artikels hatte es geheißen, Angela Merkel habe nach dem letzten CDU-Wahlsieg Volker Kauder das Deutschlandfähnchen entrissen. Tatsächlich nahm sie es dem damaligen Generalsekretär Hermann Gröhe weg. Wir bedauern den Fehler und haben ihn online korrigiert. Die Redaktion