Sie rufen "Germany! Germany!" oder "Deutschland!" – die Flüchtlinge am Budapester Ostbahnhof haben ihr Leben riskiert und Qualen auf sich genommen, um ihr Sehnsuchtsland zu erreichen, oft auch viel Geld bezahlt, manchmal die langjährigen Ersparnisse der gesamten Verwandtschaft.

Sie meinen uns. Dass sie uns rufen, ist ergreifend. Und macht schaudern. So ein hoher Anspruch!

Etwas wie diese Massenflucht nach Deutschland hat es noch nie gegeben. Es existiert keine historische Parallele. Pessimisten erinnern zwar vielsagenden Blicks an die Völkerwanderung, die bis in die Spätantike dauerte und zum Fall Roms beigetragen haben soll. Aber die Völkerwanderung war in Wahrheit gar keine, sie bestand aus Eroberungsfeldzügen. Mit der jetzigen Flucht hat sie nichts gemein. Optimisten wiederum führen die zwölf Millionen Vertriebenen an, die nach dem Zweiten Weltkrieg hier ankamen. Ja, sie konnten aufgenommen werden. Aber sie standen den Alteingesessenen auch kulturell nahe. Nicht so die heutigen Einwanderer. Doch auch sie werden bald zu Millionen kommen – und sie werden bleiben.

Andere große Migrationen der Weltgeschichte taugen ebenso wenig zum Vergleich. Sie waren meist ein gewollter Zustrom von Glückssuchern, Pionieren, Arbeitskräften. Die heutigen Flüchtlinge hingegen hat niemand gerufen, die Not hat sie vertrieben. Oft sind sie traumatisiert, manche einfach körperlich oder seelisch kaputt. Und nun leben sie unter uns.

Die meisten Deutschen haben in den Flüchtlingen trotz ihrer Fremdheit zuallererst sich selbst erkannt, nämlich als verletzliche Menschen. Das war das Ereignis des Sommers. Aber hat Deutschland schon in vollem Umfang begriffen, welches Glück ihm gerade selbst widerfährt? Mehr Glück als Verstand, möchte man sagen: Jahrzehntelang hat es darüber hin und her gegrübelt, ob es seine Altersstruktur durch Einwanderung verändern solle. Vergreist oder multikulti, dazwischen mochte es sich nicht entscheiden, außerdem gab es ja stets dringlicheres Krisengeschehen zu bearbeiten. Nun hat die Geschichte dem Land die Entscheidung abgenommen. Deutschland wird sich bald verjüngt und ethnisch bunter wiederfinden als je zuvor.

Das wird nicht bloß lustig. Sind die Neuankömmlinge erst einmal frisch versorgt, werden sie bald zu Mitschülern, Kollegen, Konkurrenten, Nachbarn, Verkehrsteilnehmern, Erziehern oder Delinquenten; und etliche bringen neben Lebensgewohnheiten, die Reibereien erzeugen werden, allerlei Unerfreuliches mit – Antisemitismus, Patriarchat, Schwulenhass. Auch in diesen Dingen haben die Deutschen ihre Einstellung in jüngster Zeit verändert, Konflikte sind unvermeidlich.

Kurz: Ein Experiment hat begonnen, das Deutschland tiefgreifender verändern wird als die Wiedervereinigung. Vor uns liegt unbekanntes Gelände.

Da trifft es sich, dass die Deutschen mittlerweile mit sich im Reinen sind. Aus den Berichten über die Flüchtlingshilfe spricht zu Recht ein gewisser Stolz. Vorbei ist der Dauerverdacht, unter den sich die Deutschen – wohlweislich – selbst gestellt hatten. Die eigene Zivilisierung nach 1945 ist selbstverständlich geworden. Und man schämt sich für den Mob, der nichts begriffen hat.

So beeindruckend die Bürger reagiert haben, so wenig war allerdings die Politik bisher auf der Höhe. Ihr ist spät eingefallen, was alles organisiert, gebaut, umverteilt, neu geregelt und gedacht werden muss. Nicht irgendwann, sondern sofort. Der Zustrom hält an, bald ist Winter, und wenn die Flüchtlinge bis dahin nicht ordentlich untergebracht sind, wird es bitter, vielleicht sogar lebensbedrohlich. Für viele Neuankömmlinge werden die kalten Monate die Zeit ihrer prägenden Erfahrung mit Deutschland sein. Nur gut, dass die Bundesregierung ihre Haushaltskassen so sorgsam geführt hat: Jetzt kann das Geld sinnvoll ausgegeben werden.

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