Sechzehn Verletzte, ein beschädigtes Flüchtlingsheim und ein ratloses Land – das ist die Bilanz eines Gewaltausbruchs unter Flüchtlingen im thüringischen Suhl in der vorvergangenen Woche. Etwa 20 Männer hatten einen anderen Mann attackiert, weil dieser eine Seite aus einem Koran herausgerissen haben soll. Nach der Tat floh er in das Wächterhäuschen am Eingang der Unterkunft. Die Polizei rückte mit 13 Mann an, um den Streit zu schlichten – sie wurde von einem wütenden Mob mit Steinen begrüßt.

Es stellt sich die Frage, ob es sich um einen Einzelfall handelte. Die Antwort lautet Nein.

"Hier ist jede Woche Stress in der Unterkunft", sagt Ramon van der Maat, Sprecher der Polizei in Duisburg. In der nordrhein-westfälischen Stadt kommt es immer wieder zu Schlägereien in den Unterkünften. Allein im ersten Halbjahr 2015 hat die Duisburger Polizei die Personalien von 257 Personen aufgenommen, die in einen Vorfall verwickelt waren. Im gesamten Jahr 2014 waren es nur 242.

Deutschland wird allein in diesem Jahr 800.000 Flüchtlinge aufnehmen. Abgesehen von einer kleinen Minderheit, die darauf mit Gewalt reagiert, empfängt die Bevölkerung die Migranten mit großer Freundlichkeit. Die Frage, ob mit den vielen Menschen auch neue Probleme ins Land kommen, wird derzeit vor allem am rechten Rand gestellt. Die Asylkritiker argumentieren, mit den Flüchtlingen schwappten Gewalt, Kriminalität und Terrorismus nach Deutschland. Wie sieht es wirklich aus?

Einfach zu beantworten ist diese Frage nicht. Es fehlt an belastbaren Zahlen. Und auch wenn es in den Unterkünften zu Gewalt kommt, warnt Polizeisprecher van der Maat davor, das als Beweis für eine Zunahme von Flüchtlingsgewalt zu werten. "Bei einer Schlägerei sind immer mehrere Leute beteiligt." Dass mehr Flüchtlinge auch mehr Gewalt bedeuteten, sei daher nicht zu belegen.

Wie aber kommt es überhaupt zu solchen Ausbrüchen? Es leben sehr viele Menschen auf engem Raum zusammen, erklärt Susanne Rabe-Rahman, Sozialarbeiterin der Caritas in Köln. Allein das sei ein großes Problem. Außerdem hätten viele dieser Leute auf ihrer Flucht Dramatisches erlebt; sie sind vor den Schergen des IS geflohen oder ihrer eigenen Regierung; sie sind oft wochenlang zu Fuß, mit dem Boot oder mit dem Zug unterwegs, um hier in völlig überfüllten Unterkünften zu stranden.

Dort ist es laut, stickig, die hygienischen Verhältnisse sind oft schlecht. Die Menschen kommen nicht zur Ruhe und schlafen schlecht. Oft treffen ehemalige Verfolgte und Verfolger aufeinander. Gibt es dann einen Streit, denken einige, "dass sie auch hier weiter verfolgt werden", so Rabe-Rahman. Viele Probleme entstünden auch, weil in den Heimen die Konflikte aus den Heimatländern ausgetragen werden, Rivalitäten zwischen Mehrheiten und Minderheiten, "nicht immer geht es um die Religion". Entschärfen könne man diese Streitereien, wenn es kleinere Unterkünfte gäbe – und mehr, aber vor allem gut ausgebildetes Personal.

Wie sieht es außerhalb der Heime aus? Zwar rechnen Behörden, wie etwa das baden-württembergische Innenministerium mit mehr Delikten wie Diebstahl und Schwarzfahren. Doch ob die Kriminalität wirklich steigen wird, lässt sich derzeit noch nicht absehen. In den vergangenen drei Jahren hat sie laut Bundeskriminalamt trotz der (leicht) wachsenden Flüchtlingszahlen jedenfalls nicht zugenommen. Zum Teil ist die Kriminalitätsrate der Nichtdeutschen sogar etwas gefallen. Man könnte einwenden, dass gegenwärtig jedoch mehr Flüchtlinge kommen als in den Jahren zuvor. Marius Wendling, Sprecher des Ministeriums für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen in Rheinland-Pfalz, sagt dazu nur so viel: "Wo mehr Menschen leben, gibt es auch mehr Kriminalität."

Die Frage nach der Ausländerkriminalität wird in Duisburg besonders häufig diskutiert, seit die Stadt immer wieder wegen "krimineller Roma-Banden" in die Schlagzeilen geriet. Oft sind Roma Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und Rumänien, die als EU-Bürger legal nach Deutschland einreisen dürfen. "Auf 10 000 Bulgaren und Rumänen kommen etwa 2000 Tatverdächtige", sagt der Sprecher der Polizei in Duisburg über die Lage in seiner Stadt. Die meisten würden wegen Einbrüchen und Diebstählen auffällig. Aber weil viele Straftaten ungeklärt bleiben, sei es schwer, einen Zuwachs der Kriminalität zu belegen.

Und was ist dran an der Angst, unter den Flüchtlingen könnten sich Terroristen befinden? "In wenigen Einzelfällen liegen vage Hinweise auf mögliche Beziehungen zum Islamismus vor", heißt es aus Rheinland-Pfalz. Jedoch geht aus einer parlamentarischen Anfrage der Linken hervor, dass die Bundesregierung bisher noch keine gesicherten Erkenntnisse darüber hat, ob Terroristengruppen versuchen, ihre Leute als Flüchtlinge nach Europa zu schleusen.